Polizei

Auge in Auge mit dem russischen Militär

Mit riesigen Objektiven beobachtet Polizeihauptkommissar Olaf Boenisch für die EU in Georgien das Grenzgebiet. Wer sich zu weit in Richtung des russischen Sektors vorwagt, schaut schon mal in die Mündung einer Kalaschnikow  

Mit riesigen Objektiven beobachtet Polizeihauptkommissar Olaf Boenisch für die EU in Georgien das Grenzgebiet. Wer sich zu weit in Richtung des russischen Sektors vorwagt, schaut schon mal in die Mündung einer Kalaschnikow  

Foto: Olaf Boenisch

Schwelm/Gori.   Der heimische Polizist Olaf Boenisch war ein Jahr im Kaukasus, um unter EU-Mandat die Einhaltung der Menschenrechte zu beobachten

Nach den ersten Tagen im georgischen Krisengebiet beschlichen Olaf Boenisch Zweifel, kroch das Heimweh an den Abenden, die er allein verbrachte, in ihm hoch. Ist eine solche freiwillige Auslandsmission tatsächlich das Richtige für ihn, fragte sich der Polizist, der bisher in der Verkehrsdirektion arbeitete. Ein Jahr später – mittlerweile wieder in der Uniform der heimischen Gesetzeshüter – hat er die Antwort gefunden: „Eindeutig ja. Ich bin daran gewachsen, diese Erfahrungen waren unglaublich wertvoll.“ Das heißt aber noch lange nicht, dass das einfach oder gänzlich ungefährlich war.

Lage ist stabil aber sehr zerbrechlich

Bevor er für die Beobachtungstruppe der Europäischen Union die russischen Aktivitäten am Kaukasus in Augenschein nahm, musste er ein aufwändiges Bewerbungsverfahren durchlaufen, körperliche und intellektuelle Tauglichkeit für die Friedensmission nachweisen. Seine Frau Birte – selbst bei der Polizei – und seine 20-jährige Tochter standen von Beginn an hinter dem Vorhaben des 43-Jährigen. Sie feierten noch gemeinsam das Weihnachtsfest 2016, den Jahreswechsel verbrachte Boenisch bereits in dem ehemals sowjetischen Land. „Der Anfang war wirklich hart, ich war sehr viel allein“, erinnert er sich. Nachdem er die Wohnung gewechselt und die ersten Kollegen kennengelernt hatte – 25 Nationen arbeiten unter EU-Mandat dort Hand in Hand – fand er jedoch mehr und mehr Gefallen an Land, Leuten und seinen Aufgaben mehr als 3000 Kilometer von seiner Familie entfernt.

„Dank Skype und WhatsApp ist man ja irgendwie immer verbunden“, sagt Olaf Boenisch, der meist etwa sechs Wochen in Georgien war und dann zwei Wochen Heimaturlaub hatte. „Jedes Mal, wenn ich meine Mädels wieder verlassen habe, bin ich in ein kleines Loch gefallen“, erzählt er. Das heißt jedoch nicht, dass ihm die Zeit dort keinen Spaß gemacht hat. Im Gegenteil: Er verrichtete seine Arbeit gern, bald schon stieg er in der Hierarchie auf, koordinierte zum Schluss alle deutschen Missionsteilnehmer und fand sich auch immer besser in dem Land zurecht. Man müsse sich in allen Belangen von deutschen Standards verabschieden, betont er. Wasser und Strom fallen oft aus. „Wer im Bad ohne Fenster weder Wasser noch Taschenlampe vorrätig hat, hat ein Problem.“

Die Einsätze führten Olaf Boenisch an die Grenze zu den international nicht anerkannten Republiken Südossetien und Abchasien, die von den Russen unterstützt und kontrolliert werden. „Die Lage ist stabil, aber sehr zerbrechlich“, sagt Boenisch, der mit seinen Kollegen die Aktivitäten entlang der Verwaltungslinien und des Grenzzauns beobachtete und schriftlich nach Brüssel Bericht erstattete. Danach wird entschieden, wie die EU die Friedensmission fortführt. Zuletzt wurde der Einsatz für zwei Jahre verlängert. Werden Waffenstillstandsabkommen und Menschenrechte eingehalten? Halten sich die Truppen in ihren Gebieten auf? Darauf achteten Boenisch und Co. besonders.

Grenze mitten durch Häuser

Ganz ungefährlich war der Einsatz nicht. Die Truppe ist schließlich in einem ehemaligen Kriegsgebiet unterwegs. Einige Bereiche stehen in Verdacht, vermint oder mit Blindgängern gespickt zu sein. Wer sich zu weit an die nicht immer sichtbare Grenze wagt, kann auch schon mal in den Lauf einer russischen Kalaschnikow blicken. „Aber wir sind durch unsere Westen und die Fahnen an den Autos gut zu erkennen gewesen“, erinnert sich Boenisch.

Mittlerweile ist er seit einiger Zeit wieder im Dienst. Der Polizeihauptkommissar leitet derzeit das Dezernat Personalangelegenheiten. „Ich bin sehr geerdet zurückgekommen. Was mir dort an Armut und Elend begegnet ist, hat meine Sicht auf viele Dinge verschoben.“ Er erzählt von Häusern, durch die die Grenze mitten durchläuft und in denen die Bewohner beispielsweise nicht mehr die Küche betreten dürfen. Und er könnte noch viel mehr erzählen, denn die anfänglichen Zweifel, ob das alles richtig sei, waren bald verflogen.

INFOBOX

Immer wieder sind Polizeibeamte aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis im Ausland im Einsatz.

Polizeidirektor Klaus Menningen: „Auch wenn sie vor Ort fehlen, sind ihre Erfahrungen nach ihrer Rückkehr in den Dienst oft sehr hilfreich und ausgesprochen nützlich.“

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