Heimatkunde

Am Sonntag ging’s in Schwelm auf die Rennbahn

Dr. Klaus Koch (hier mit Frau Bettina) hat in alten Unterlagen geforscht und eine 3-D-Ansicht der einstigen Pferderennbahn am Brunnen erstellt. Wegen des Baus der Bahnlinie musste sie 1912 aufgegeben werden.

Foto: Bernd Richter

Dr. Klaus Koch (hier mit Frau Bettina) hat in alten Unterlagen geforscht und eine 3-D-Ansicht der einstigen Pferderennbahn am Brunnen erstellt. Wegen des Baus der Bahnlinie musste sie 1912 aufgegeben werden. Foto: Bernd Richter

Schwelm.   Schwelm hatte sogar zwei Pferderennbahnen. Zunächst am Brunnen, dann an der Oehde, gab sich die heimische Reitsportelite die Klinke in die Hand.

Viele Bürger der Kreisstadt und darüber hinaus werden es gar nicht wissen: in Schwelm gab es nicht nur eine Pferderennbahn, sondern derer gleich zwei. Dr. Klaus Koch hat in Archiven geforscht, Fotografien zusammengetragen, alte Pläne eingesehen und historische Zeitungsberichte gesichtet. In einer Fleißarbeit hat er die ganzen Mosaiksteine zusammengefügt und herausgekommen ist eine 3-D-Ansicht der Pferderennbahn am Brunnen. Auf seiner Internetseite www.heimatkunde-schwelm.de sind die Ergebnisse seiner Recherchen in Augenschein zu nehmen.

Auf die Lage der Pferderennbahn an der Oehde weist noch heute der Straßenname „An der Rennbahn“ hin. Doch die erste Pferderennbahn in Schwelm lag am Brunnen. Die Ortsbezeichnungen und Straßennamen wie beispielsweise „Rote Berge“, „Erzweg“ und „Am Alten Schacht“ zeugen von der historischen Bedeutung des Stadtteils. Dort wurde in Schwelm Erzabbau betrieben. Auch das ehemalige Haus Friedrichsbad (heute: Fritz am Brunnen) und das Brunnenhäuschen samt Park berichten von der Vergangenheit Schwelms als Standort des Gesundbrunnens und deutscher Bäderkultur. Doch im heutigen Stadtbild gibt es keinen Hinweis mehr auf die Pferderennbahn am Brunnen. Wer darüber etwas erfahren will, muss tief in die Vergangenheit eintauchen und sich ins Stadtarchiv begeben.

Pferderennen für die Gesellschaft

Die Pferderennbahn am Brunnen wurde durch die Initiative von Privatpersonen verwirklicht. Reitsport war damals das Top-Thema in der besseren Gesellschaft. Eine der treibenden Kräfte war Fritz Braselmann, 1907 u.a. Gründungsvorsitzender der „Bergisch-Märkischen Reitervereins“. Eine entscheidende Rolle kam auch dem Pferdehändler August Pilckmann zu, der das abgebrannte Badehaus seiner Schwiegereltern Rüggeberg am Schwelmer Brunnen zu einem Pferdestall umgebaut hatte und gegenüber des Friedrichbads über große, gepachtete Flächen verfügte. Die Begeisterung für den Pferdesport kannte keine Grenzen, es wurde eine Rennbahn mit Tribüne gebaut. Schließlich wurden dort von 1907 bis 1912 Pferderennen ausgetragen, die ihr Publikum nicht nur in Schwelm, sondern auch in den umliegenden Städten fanden. Davon zeuge die Tatsache, dass die Straßenbahn, aus Wuppertal kommend, an der Brunnenstraße eine Endhaltestelle hatte, so Dr. Koch. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie Schwelm-Witten musste diese erste Pferderennbahn dann dem Fortschritt weichen.

Die heimischen Pferdefreunde ließen sich dadurch aber nicht entmutigen und bauten eine zweite Rennbahn im Westen der Stadt. Von 1912 bis 1914 fanden übergangslos die Pferderennen dann an der Oehde statt. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs hatte auch diese Episode ein Ende. Nicht nur die Menschen wurden zum Dienst an der Front eingezogen, sondern auch die Pferde zwangsrekrutiert. Damit und mit dem Aufkommen des Automobils waren dem Pferderennsport in der Heimat die Grundlagen entzogen. Selbst Familie Pilckmann orientierte sich nach dem Krieg an den Zeichen der Zeit, setzte statt auf Pferde auf die benzinbetriebenen Kutschen und eröffnete an der Berliner Straße in Schwelm eine Opel-Vertretung.

Markante Landschaftsmarken

Zwei alte Fotografien von der Rennbahn und der Tribüne waren für Dr. Klaus Koch der Auslöser, sich mit der Geschichte und der Lage der Pferderennbahn am Brunnen zu befassen. Im Hintergrund der Aufnahmen entdeckte der Schwelmer aus der Ottostraße markante Landschaftsmarken (Lindenberg und Brunnenweg). Dank einer Luftbildaufnahme der Gegend von 1926 und einer topografischen Karte um 1900 herum war die Zuordnung nur noch eine Fleißaufgabe. „Über diese Bilder konnte ich den Standort der Bahn bestimmen“, so der Hobby-Heimatforscher. Zum Größenvergleich zog Dr. Koch noch eine alte Karte der Dortmunder Pferderennbahn hinzu. „Dann waren mir die Größenverhältnisse klar. Dann stimmten die Daten und alles machte Sinn.“ Koch musste nur noch die Pferderennbahn in eine 3-D-Ansicht von Google Earth projizieren.

Die heimatkundlichen Geschichtsthemen gehen dem 64-Jährigen nicht aus. Er hat sich für das Internet nicht nur die Domäne „heimatkunde-schwelm.de“ schützen lassen, sondern zugleich auch „heimatkunde-ennepetal.de“ und „heimatkunde-gevelsberg.de“. Wer diese Adressen im Internet eingibt, landet immer auf „heimatkunde-schwelm.de“. Und dort gibt es von Mal zu Mal mehr zu entdecken. Neben dem Buch von Dr. Robert Seckelmann über die Stadtplanung Schwelm sind viele historische Fotografien zu finden, Schwelmer Adressbücher von 1654 bis heute (auch hilfreich für die private Ahnenforschung), und im Aufbau ist eine interaktive Stadtkarte der Industriegeschichte, auf der Schwelmer Unternehmen und dazu Hintergrundinformationen zu finden sind. „Es kommen immer mehr Menschen auf mich zu, die mir sagen: Ich hab’ da was für Sie.“ Ehefrau Bettina bestärkt ihren Ehemann in seiner Forschungsarbeit: „Es findet ein Generationswechsel statt. Deshalb ist es wichtig, Heimatgeschichte für nachfolgende Generationen zu sichern.“

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