Tiernotfälle

Silvia Feuchthofen päppelt in Rees Mauersegler auf

In dem selbst gestrickten Nest fühlen sich die vier jungen Mauersegler richtig wohl. Hier kuscheln sie vom ersten Tag an.

In dem selbst gestrickten Nest fühlen sich die vier jungen Mauersegler richtig wohl. Hier kuscheln sie vom ersten Tag an.

Foto: Konrad Flintrop / Funke Foto Services GmbH

Mehr.  Vier kleine Mauersegler sind aus dem Nest gefallen. Silvia Feuchthofen zieht sie auf. Ein großer Mauersegler wartet auf Transplantationstermin.

Wenn die Ferienzeit beginnt, kann Silvia Feuchthofen noch lange nicht an Urlaub denken. Denn während der Brutzeit von Mauerseglern ist sie eine zuverlässige Adresse für Tierärzte und den Tiernotruf Bocholt, wenn ein Junges aus dem Nest gefallen ist und aufgepäppelt werden muss. Aktuell zieht sie vier Jungtiere und einen erwachsenen, verletzten Mauersegler auf.

Seit 15 Jahren zieht die Postbotin in Mehr, die sich ehrenamtlich für das Bocholter Tierheim engagiert, an der Lohrwardtstraße Wildtiere groß, sowie diverse Vogelarten – ganz besonders spezialisiert ist sie Buchfinken –, Enten, aber auch Igel sind bei ihr groß geworden. Und eben die Mauersegler, die einer ganz besonderen Pflege bedürfen.

Jetzt erreichte sie ein Notruf aus Raesfeld. Dort fiel ein Mauersegler und in Wesel fielen sogar drei weitere aus ihrem Nest. „Als es so heiß war, sind sie aus dem Nest gefallen“, erzählt Silvia Feuchthofen.

Wegen der Hitze wollten sie nach Luft schnappen

Da Mauersegler Gebäudebrüter sind, die ihre Nester an Mauerspalten oder unter Dachfirsten bauen, wird es ihnen zu heiß. Sie krabbeln an den Nestrand, um Luft zu holen – und fallen heraus. Genauso kann es passieren, wenn es eine Schlechtwetterperiode gibt und sie hungrig aus dem Nest stolpern.

In der Küche der Familie Feuchthofen steht eine große Klarsichtbox, die an zwei Seiten mit flauschigem Stoff ausgestattet ist, bedeckt mit einem Netz. „Man darf sie nicht in einem Käfig halten, da nichts ans Gefieder herankommen darf. Denn zu 90 Prozent der Zeit befinden sie sich in der Luft, sie fressen und schlafen sogar fliegend. Da müssen die Federn top sein“, weiß die Mehrerin.

Sechsmal am Tag wird gefüttert

Als sie ihren Nachwuchs vor knapp vier Wochen in Empfang nahm, war er etwa zwölf Tage alt. „Leider sind zwei von ihnen schlechte Esser.“ Die anderen beiden zupfen hingegen das Futter gierig von der Pinzette. Schon im Mai orderte Silvia Feuchthofen das Futter online, damit sie für den Notfall gerüstet ist.

Die Mauersegler erhalten ein hochwertiges Spezialfutter, sowie Insekten insbesondere Heimchen und Wachsmottenlarven. Pro Vogel fallen zwischen 80 und 100 Euro für die Aufzucht an. Denn die Mauersegler fressen wie die Scheunendrescher und das sechsmal am Tag.

Fliegen können sie noch nicht

„Die beiden schlechten Fresser muss ich noch öfter füttern, dazu muss ich mit dem Fingernagel vorsichtig das Maul öffnen und dann die Heimchen mit der Pinzette in den Schnabel schieben.“ Da schüttelt sich schon mal das kleine Köpfchen, würde es doch am liebsten die Mahlzeit wieder ausspeien. In der Box probieren die Mauersegler erste Flügelschläge, breiten die Flügel aus – fliegen können sie aber noch lange nicht.

Von Beginn an haben sich die Vier gut vertragen und sofort gemeinsam das Nest „besetzt“. Eine Dame aus Bocholt, die besonders gut stricken kann, hat für Silvia Feuchthofen Nester in allen möglichen Größen gestrickt. Hier kann es ihnen nicht eng genug sein.

Warten auf den OP-Termin in Frankfurt

„Mauersegler lieben die Gemeinschaft“, weiß die „Vogelmutter“. Sogar als die vier Jungvögel Gesellschaft von einem ausgewachsenen Artgenossen erhielten, der über den Bocholter Tiernotdienst sein neues Zuhause in Mehr fand. Seine rechten Flugfedern sind angebrochen. Auch er fühlt sich in der Box wohl, auch im Nest mit den Kleinen. Hier wartet er auf seinen Transplantationstermin in der Mauersegler-Spezialklinik in Frankfurt. Sobald dort ein Platz frei wird, vermutlich nach der Brutzeit, wenn die jungen Pflegefälle die Klinik verlassen haben, wird er behandelt. Er erhält neue Federn, die einem toten Tier entnommen und ihm dann eingepflanzt werden.

Vitamin B für den Nachwuchs

Die Jungen werden alle zehn Tage vom Tierarzt mit Vitamin B-Spritzen versorgt, das dem Futter fehlt. Die Vögel signalisieren, wenn sie bereit sind, das häusliche Nest zu verlassen. Sie breiten ihre Flügel aus und machen Hebebewegungen, stemmen die Brust hoch und runter. Und sie haben noch eine wunderbare Eigenschaft: Wenn sie merken, dass sie zu viel wiegen, stellen sie das Fressen ein.

Nun geht es in die Freiheit

Dann ist es endlich soweit. Silvia Feuchthofen fährt mit den Jungvögeln auf eine große freie Wiese, wo sie ihre flache Hand ausstreckt und diese mit dem Jungvogel in die Luft hält. Wenn er sich nach fünf Minuten nicht in die Lüfte schwingen hat, nimmt sie ihn wieder mit nach Hause. „Wichtig ist für mich zu beobachten, ob er weiter fliegt. Wenn er zu Boden geht, kann ich ihn wieder einfangen.“ Silvia Feuchthofen verabschiedet sich mit einem weinenden und einem lachenden Auge von ihnen. Stolz, sie großgezogen zu haben. Traurig, die Box mit den kleinen Familienmitglieder leer zu wissen. Doch dann endlich beginnt auch ihr Urlaub, den sie niemals antreten würde, wenn es noch jemanden zu versorgen gäbe.

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