Serie Bandvorstellungen

Haldern Pop: Giant Rooks haben Sahnehäubchen-Potenzial

2017 traten Giant Rooks im Spiegelzelt beim Haldern Pop auf

2017 traten Giant Rooks im Spiegelzelt beim Haldern Pop auf

Foto: Klaus-Dieter Stade / FUNKE Foto Services

Haldern.  Giant Rooks hat Haldern Pop erst ganz spät bestätigt. Das zeigt, welch Potenzial die Band hat. Bandvorstellungen heute mit: Father John Misty.

Heute schließt die NRZ die Serie der Band- und Künstlervorstellungen zum Haldern Pop Festival, 8. bis 10. August, ab:

Father John Misty: Der Pasta-Stand links der Hauptbühne gehört inzwischen nicht mehr zum kulinarischen Angebot beim Haldern Pop Festival. Ob Father John Misty da seine Hände im Spiel hatte? Der US-Barde amüsierte 2015 die Besucher köstlich, als er völlig unaufgeregt und fast beiläufig den Pasta-Verkäufer aufs Korn nahm. Immer wieder. Ohne, dass dieser es merkte.

Nur ein Beispiel für den herrlich-subtilen Humor des Folk-Rock-Musikers. Ansonsten macht der einstige Schlagzeuger der Fleet Foxes durch seine geniale Stimme, die voller Melancholie steckt, von sich reden. Und durch etliche erfolgreiche Tonträger. Zuletzt mit Album Nummer vier in 2018 mit dem Titel „God’s Favorite Customer“, auf dem etwa „Mr. Tillman“ heraussticht. Ohne die Qualität einer der Alben zu schmälern, am meisten bleiben einige seiner etwas älteren Hits wie „Hollywood Forever Cemetery Sings“ oder „Chateau Lobby #4“ im Ohr. Geniale Stück. Wer die Muße hat, sollte sich mit Sinn und Verstand die Texte zu Gemüte führen – da wären wir wieder bei dem subtilen Humor. Musik als: Würdigung eines Gesamtkunstwerkes. Erlebnispotenzial: 5/5 Sterne.

Giant Rooks: Die moderne Indie-Rock-Formation trat vor einigen Jahren erst im Tipi hinten auf dem Festivalgelände auf, dann im Spiegelzelt, jetzt haben sie schon das Potenzial als Sahnehäubchen erst kurz vor dem Festival bestätigt zu werden. Eine tolle Entwicklung der jungen Band. Die Stimme von Frederik Rabe ist phänomenal. Ihre Kompositionen sind erfrischend abwechslungsreich. Die Gruppe hat das Potenzial, auch international für Furore zu sorgen. Haldern Pop wird auf diesem Weg sicher wieder hilfreich sein.

2019 ist die EP „Wild Stare“ erschienen. Noch ein kurzer Tonträger? Ja, tatsächlich haben Giant Rooks noch kein vollwertiges Album veröffentlicht. Musik für: Gruppies aus allen Generationen. Erlebnispotenzial: 5/5 Sterne.

Hörproben: „Wild Stare“, „Bright Lies“.

Moka Efti Orchestra: Willkommen in den 20er-Jahren. Das Ensemble wurde eigenst für die erfolgreiche TV-Serie „Babylon Berlin“ ins Leben gerufen. Doch Nikko Weidemann und Mario Kamien standen mehr vor der Herausforderung, einen Sound zu schaffen, der das heutige TV-Publikum anspricht, als historisch den Ton 100-prozentig zu treffen. Das gilt besonders für den Titelsong „Zu Asche, zu Staub“, ein echter Hit, der die Hymne des Festivals werden könnte.

Ansonsten sind Blues, Ragtime, Chanson und Big Band Charleston aus einer Zeit zu hören, in der Berlin für seine Live-Musik bekannt war. Man darf gespannt sein, wie diese Zeitreise beim Haldern Pop gelingt. Zumal es außer der Musik zur Serie kein Album des Orchesters bisher gibt. Musik zum: Tanzen wie früher. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Kikagaku Moyo: Wer die ersten Töne ihrer Lieder hört, würde diese Band niemals in Japan verorten. Erst der japanische Gesang verrät die Psychedelic-Rock-Band aus Tokyo, die auch Acid Folk, Krautrock und Indian Ragas in ihre Musik einfließen lässt.

Das Gitarrenspiel ist großartig: beseelt und spitzfindig wie etwa bei „Smoke and Mirrors“. Manche Stücke kommen eher verträumt daher und erinnern an manch musikalischen Trip aus der Hippie-Zeit. In diesen Stücken könnte man fast vergessen, welche Sprache hier gesungen wird. Funktioniert. Manche Stücke plätschern aber auch derart dahin, das man die Konzentration verlieren kann – wie bei „Nazo Nazo“. Musik als: Beweis, dass die Japaner die 60er in den USA wahrgenommen haben. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Soap & Skin mit Stargaze: Nein, nochmal von vorne. Die österreichische Liedermacherin Anja Plaschg ist wahrlich eine Perfektionistin. Anders lässt es sich kaum erklären, dass sie im Live-Konzert den schönen Song „This Day“ nochmal von vorne beginnt, bei dem für den Zuhörer ein Fehler nicht wahrnehmbar war. So geschah es beim Kaltern Pop Festival 2018.

Auch bei dem von Haldern Pop kuratierten Festival trat Soap & Skin mit dem Ensemble Stargaze auf. Die Lieder des 2018 erschienen Albums „From Gas to Solid / You Are My Friend“ eignen sich hervorragend für eine orchestrale Begleitung durch das Künstlerkollektiv. Es ist eine zerbrechliche, detailverliebte Musik, nichts fürs Radio. Die Stücke sind epischer als zuvor, wie etwa „Surrounded“.

Dass Stargaze Konzerte in Haldern zu einzigartigen Erlebnis machen kann, ist längst ein offenes Geheimnis. Dabei haben sie diese Fähigkeit auch schon bei völlig unterschiedlichen Stilrichtungen bewiesen. Das Künstlerkollektiv um André de Ridder ist schlichtweg besetzt mit wahren Könnern. Musik für: große und kleine Emotionen. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Kat Frankie: Nanu, die Australierin singt ja auf Deutsch?! Die Wahl-Berlinerin hat mit „Du/Ich“ ihr erstes Lied auf Deutsch veröffentlicht. Hat was. Die Melodie bleibt im Kopf. Eine gute Stimme hat sie ohnehin.

Ihr 2018 veröffentlichtes Album „Bad Behaviour“ war noch komplett auf Englisch. Hier sticht der Song „Headed for the Reaper“ heraus. Ein absoluter Ohrwurm. Ansonsten gibt’s aber auch ein paar Längen auf dem Album. Im Wesentlichen ist es Pop-Musik mit einigen Schlenkern. Beim Kaltern Pop Festival konnte sie die Emotionalität ihrer Musik, vor allem der Balladen, nicht so recht auf die Bühne bringen. War vielleicht die Tagesform. Musik für: gefühlvolle Schwingungen. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Rayland Baxter: Zwischen Country, Pop, Folk, Indie und Americana wandelt der Musiker aus Nashville, Tennessee. Das Gitarrenspiel prägt die Stimmung, mal durch eine lässige Spielweise, mal schnittiger. Kompositorisch sorgen kleine Feinheiten immer wieder für die willkommene Abwechslung. Die Stimme kann ihre amerikanische Heimat nicht leugnen – passt total zum Country.

Thematisch wandelt er auf dem 2018 veröffentlichen Album „Wide Awake“ von tagesaktueller Politik in den USA über Heiratsschwindler bis zur Schwärmerei für eine Seriendarstellerin – der ganz normale Wahnsinn. Musik zum: Schunkeln auf amerikanische Art. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Casanova“, „Bad Things“.

Loyle Carner: Der britische Rapper mit dem leichtfüßigem Flow kehrt zurück zum Festival. Die Wörter gehen geschmeidig ineinander über. Auf der Bühne kann er die Massen zum Tanz animieren. Zuletzt holte er sich für die Singles Verstärkung. Bei „Loose Ends“ sorgt Jorja Smith für eine angenehme stimmliche Ergänzung. Bei „You Don’t Know“ rappen Rebel Kleff und Kiko Bun mit.

Die Musik lässt Hip-Hop-Fans der alten Schule jubilieren. Wer Hip-Hop nur nebenbei hört, für den klingt vieles gleich. Musik für: Hip-Hop-Puristen. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Woods of Birnam: Als die Gruppe 2015 zum Haldern Pop kamen, hatte sie mit „I’ll Call Thee Hamlet“ aus dem Film „Honig im Kopf“ einen echten Hit im Gepäck. Und jetzt? Im Dezember ist das dritte Album „Grace“ erschienen.

Die Band um den Sänger und Schauspieler Christian Friedel ist etwas elektronischer geworden, so dass die Musik mehr an die Gruppe Polarkreis 18 erinnert, von der vier Musiker einst Woods of Birnam mitgründeten. Die schönen Melodien der bisherigen Tonträger sind geblieben. Es fehlt allerdings eine Kino-Leinwand, auf der die Massen die Lieder wahrnehmen hätten können. Das sagt aber nichts über die sehr wohl vorhandene Qualität der Musik aus. Die tanzbaren Pop-Stücke sind erneut abwechslungsreich geschrieben. Friedels helle Stimme überzeugt auch in einem elektronischerem Umfeld. Musik für: Freunde euphorischen Opulenz. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „No Love Out / No Love In“, „Into the Rapture“.

Felix Kramer: Der entschleunigte Wiener ist ein Geschichten-Erzähler. Der Akzent erfordert Aufmerksamkeit, damit man den Geschichten auch folgen kann, aber es hat auch seinen Charme, wie bei „Vielleicht bist es eh du“. Aber es macht keinen Sinn, diese Musik nebenbei zu hören – im Radio wird’s nicht laufen. Können. Höchstens in Nischen-Programmen.

Die sanften Melodien, wie sie auf dem 2018 veröffentlichten Debütalbum „Wahrnehmungssache“ zu hören sind, laufen meist eher hintergründig mit. Hin und wieder drängen sich Streicher in den Fokus, wie in dem dezent-apokalyptischem „Trotzdem Platz“. Musik für: jene, die Akzente zelebrieren mögen. Erlebnispotenzial: 2/5 Sterne.

Alex the Astronaut: Die Australierin Alexandra Lynn kommt mit einem fröhlich-launigem Pop-Sound daher. Ihre Stimme bleibt hängen, die optimistischen Melodien sowieso. Lynn singt mit einem erzählerischen Sing-Sang, der bei dem Zuhörer den Wunsch weckt, der Geschichte zu folgen.

Aber im Gegensatz zu manch einem Singer-Songwriter sind die instrumentalen Elemente nicht nur schmückendes Beiwerk. Gelungene Percussions, eine abwechslungsreiche Instrumentierung und verspielte Melodien überzeugen im Gesamtwerk. Folk-Pop und Folktronica sind für einen Teil ihrer Lieder auch treffende Genres. Musik für: Freudentänzer. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Waste of Time“, „Not Worth Hiding“.

Syml: Es fing an mit nur einem Lied – „Where’s my Love“. Mit diesem Lied in mehreren Versionen machte Brian Fennell aus Seattle 2018 auf sich aufmerksam. Im Frühjahr ist dann sein Debütalbum „Syml“ erschienen, was auf Walisisch „simpel“ bedeutet.

Zu hören ist moderner Pop, Electronica. Symls starke Stimme, die auch gerne ins Falsett abdriftet, wird durch gefühlvolle Synthie-Sounds, elegante Beats, aber auch reichlich Effekte begleitet. Manche Lieder sind zurückhaltender wie „Girl“. Andere Stücke gehen mehr voran wie „Clean Eyes“. Die Musik ist radiotauglich. Symls Europa- und Nordamerikatour in 2019 war schnell restlos ausverkauft. Seine Haldern Pop-Tauglichkeit muss er noch beweisen. Musik für: Tagträumer. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Whenyoung: Mit der Liebe zu Velvet Underground ging es für das irische Trio einst los. Heute in London ansässig spielt die Band Indie-Pop-Hymnen, die man sich auf jeder Bühne vorstellen kann. Sänger und Bassistin Aoife Power kommt mit einer engelhaften-klaren Stimme daher. Niederschwellige Gitarren-Sounds und prägnante Synthie-Klänge

Jüngst ist ihr vielversprechendes erstes Album „Reasons to Dream“ erschienen. Stücke wie „Pretty Pure“ oder „Blank Walls“ überzeugen schon beim ersten Hören. Die Musik hat das Potenzial, einem jüngeren Publikum zu gefallen und von Streaming-Portalen gepusht zu werden.

Musik für: Momente hüpfender Glückseligkeit. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Niels Frevert: Da ist er endlich wieder. Fünf Jahre war es ruhig um den Hamburger, in den 90ern Mitglied der Band Nationalgalerie, geworden. 2012 trat er beim Haldern Pop auf. Nach dem fünften Album in 2014 unter dem Titel „Paradies der gefälschten Dinge“ ist der Liedermacher mit den poetisch-starken Worten wieder bereit für die Bühne. Der Song „Leguan“, der jüngst erschienen ist, kommt gewohnt wortstark, aber durchaus auch musikalisch ansprechend daher. Sanfter Pop-Rock mit einer schönen Stimmung.

Freverts Lieder sind fast Kurzgeschichten, wie Haldern Pop treffend feststellt. Sein Wort hat Bedeutung. Die Musik ummantelt das Erzählte sanft, ohne die Aufmerksamkeit vollends auf sich zu ziehen. Leichte Akustik-Gitarre, dezente Streicher oder Bläser, verträumtes Piano – so läuft’s oft ab. Diese Wohlfühlstimme mag man gerne um sich haben. Musik für: jene, die tagsüber träumen und abends nachdenken. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörprobe: „Das mit dem Glücklichsein ist relativ“.

Jasen Bartsch: Na, gibt’s nach Herbert Grönemeyer noch eine Bochumer Stimme? Der Literaturpreisträger und Moderator hat 2017 jedenfalls mit seinem Album „4478“ Aufmerksamkeit erregt. Sein Hit „4478 Bochum“ greift sogar Grönemeyer-Textzeilen aus dessen Hit „Bochum“ auf. Aber musikalisch trennen Bochum und Bochum Welten. Bartsch ist Hip-Hopper, einer für den Worte keine Geschwindigkeitsbegrenzung kennen. Die Fähigkeit Texte zu schreiben, schadet den Liedern nicht. Sie treffen den Zeitgeist. Manche Stücke halten auch Elektro-Elemente vor. Live kann man sich das gut vorstellen. Musik für: das Kitzeln von Hirn und Tanzbein. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörprobe: „Son of Anarchy“.

Kurzfristig ist auch noch Brad Barr von der Folk-Gruppe The Barr Brothers ins Programm gerutscht, der Solo auftritt.

Resttickets gibt es zum Preis von 125,40 Euro auf der neuen Internetseite www.haldernpoptickets.com.

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