Brandschau

Warum 50 Jahre alte Häuser plötzlich nicht mehr sicher sind

Bei einer Brandverhütungsschau werden die Prüfsiegel von Feuerlöschern kontrolliert. Die Feuerwehr achtet auf freie Rettungswege, geschlossene Brandschutztüren, Platz für Drehleitern und vieles mehr.

Bei einer Brandverhütungsschau werden die Prüfsiegel von Feuerlöschern kontrolliert. Die Feuerwehr achtet auf freie Rettungswege, geschlossene Brandschutztüren, Platz für Drehleitern und vieles mehr.

Foto: Volker Herold

Duisburg.   Mangelnder Brandschutz hat hunderte Menschen in Duisburg aus ihrem Zuhause vertrieben. Ein Feuerwehrmann erklärt, wie Brandschauen funktionieren.

Mangelnder Brandschutz hat in Duisburg zuletzt die Leben hunderter Menschen durcheinander gewirbelt. Die Bewohner der Hochhäuser an der Husemannstraße in Homberg und die Nachbarn aus der Gitschiner Straße in Hochfeld mussten ihre Koffer packen und die eigenen vier Wände verlassen.

Entdeckt wurden die Mängel bei einer Brandverhütungsschau. Wir haben mit Michael Koppmann von der Feuerwehr gesprochen, wie so eine Brandverhütungsschau funktioniert und warum Häuser aus den 60er Jahren plötzlich als nicht mehr sicher gelten.

Tausende Objekte werden in regelmäßigen Abständen kontrolliert

Koppmann leitet die Abteilung 4 bei der Feuerwehr Duisburg, die für den Vorbeugenden Brandschutz und die Gefahrenabwehr zuständig ist. Seine Mannschaft begeht in regelmäßigen Abständen tausende Objekte. Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen, Schulen, Kitas und Versammlungsstätten werden alle drei Jahre kontrolliert, Campingplätze oder Großgaragen, Kirchen und Hotelschiffe alle sechs Jahre.

Die Liste ist lang und umfangreich, nicht zuletzt durch die vielen Industriestandorte. Duisburg hat nach Angaben von Presseamtsleiterin Anja Kopka die meisten sogenannten Störfallbetriebe bundesweit, zum Teil eng umringt von Wohngebäuden, da gelten noch mal besondere Maßstäbe.

Besuche für eine Brandschau werden früh angekündigt

Über 90 Prozent der begutachteten Gebäude seien privat, sagt Koppmann. Die Brandschau beschneide Grundrechte des Betreibers, Eigentümers oder Nutzers, deshalb würden die Besuche rechtzeitig angekündigt, gemeinsam suche man nach einem Termin. Anders also als bei der Task Force, die unmittelbar und unangekündigt eingreift, wenn Gefahr im Verzug ist.

Eine Brandverhütungsschau könne wenige Stunden oder eine ganze Woche dauern, je nach Größe des Objekts, sagt Koppmann. Zu den typischen Mängeln, die sein Team aufspürt, gehörten abgelaufene Prüfplaketten für Feuerlöscher oder Brandschutztüren, die von einem Keil aufgehalten werden. Kritisiert werden auch Gegenstände, die im Weg stehen, weil der Flur im Brandfall zum Rettungsweg wird. Die Begehung sei stichprobenhaft, man lasse sich auch vom Bauchgefühl leiten, wo sich ein genauerer Blick lohne.

Für die Brandschau wird „nichts aufgemeißelt“

Geprüft wird „auf Sicht, wir meißeln nichts auf, sondern machen eine zerstörungsfreie Schau“, betont Koppmann. Deshalb seien die zusammenhängenden Schächte in den Hochhäusern in Homberg bislang nicht aufgefallen. Erst nach einem Hinweis durch einen Hausmeister während einer Baumaßnahme habe man die Gefahr erkennen können, erklärt der Feuerwehrmann.

Auch die Umgebung der Objekte wird geprüft, vor dem Gebäude muss zum Beispiel genug Platz sein, um eine Drehleiter aufzustellen. Die Aufstellfläche dürfe nicht zum Parkplatz zweckentfremdet werden, sagt Koppmann. Im Fall der Gitschiner Straße mangelte es an einer Möglichkeit, von der Rückseite ans Gebäude zu kommen, um im Notfall einen zweiten Rettungsweg zu eröffnen.

Sprinkleranlagen werden auch kontrolliert

„Wir sind froh, wenn eine Anlage ok ist“, betont Koppmann. „Es dient ja dem Wohle der Menschen, die da wohnen.“ Es sei „purer Stress“ für die Kollegen, wenn bei einem Brand Menschen aus oberen Etagen auf sich aufmerksam machen und die Feuerwehr nicht wie geplant mit Leitern zu ihnen gelange.

Begutachtet werden bei Brandverhütungsschauen auch Sprinkleranlagen. Allerdings werde hier nur auf Prüffristen geachtet, keine technische Überprüfung durchgeführt, erklärt Koppmann mit Blick auf das Theater der Stadt Duisburg, das kürzlich durch die hauseigene Sprinkleranlage nach Wartungsarbeiten unter Wasser gesetzt wurde.

Betreiber müssen entdeckte Mängel beseitigen

Während die Feuerwehr die Mängel feststellt, setzt das Bauordnungsamt die Beseitigung durch. Verantwortlich ist der Betreiber, er ist in der Pflicht, entdeckte Mängel zu beheben, betont Anja Kopka.

Normale Mehrfamilienhäuser werden in der Regel nicht begutachtet. Als Hochhäuser, die einer regelmäßigen Brandschau unterliegen, gelten sie erst, wenn die Oberkante des Fußbodens in der höchsten genutzten Etage 22 Meter über dem Erdboden ist. Auch in die Wohnungen gehen die Sachverständigen nicht. Man gehe davon aus, dass der „Bauvorlagenberechtigte“, wie der Architekt oder Planer im Amtsdeutsch heißt, sich an geltendes Recht beim Bau gehalten hat. Er übernehme im Zweifelsfall auch die Verantwortung, so Kopka.

600 Brandschauen jährlich in Duisburg

Die Feuerwehr Duisburg nimmt jährlich rund 600 Brandverhütungsschauen vor und gibt etwa 900 Stellungnahmen für die Bauaufsicht ab. Dafür sind in den Bezirken Nord, Süd und West im Schnitt fünf Kollegen beschäftigt, sagt Michael Koppmann, eine Stelle sei unbesetzt.

Neue Software soll Brandschau-Bericht erleichtern

In Arbeit ist zur Zeit eine Optimierung der Brandverhütungsschau. Noch werde alles handschriftlich in dicken Akten erfasst, künftig soll die Arbeit digital auf Tablets dokumentiert werden. Bis Mitte des Jahres soll eine entsprechende Software vorliegen. Sie ermöglicht, Fotos vor Ort zu machen und sofort in den Bericht einzubinden.

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