39. DUISBURGER AKZENTE

Theatergastspiel „Die Perser“ erfordert Riesenaufwand

Halb zogen sie sie, halb sank sie hin: Mit 28 Mann ist die Achse auch zu tragen, wird sie auf Rollen geschoben reicht weit weniger Muskelkraft.

Foto: Jörg Schimmel

Halb zogen sie sie, halb sank sie hin: Mit 28 Mann ist die Achse auch zu tragen, wird sie auf Rollen geschoben reicht weit weniger Muskelkraft.

Für das Gastspiel des Burgtheaters musste ein 1,5 Tonnen schweres Kulissenteil auf die Bühne bugsiert werden. Niemand wusste, ob es klappt.

Die Perser kommen! Diese Nachricht dürfte 480 v. Chr. bei den antiken Griechen angesichts der aus dem Osten unter Xerxes I. anrückenden gewaltigen Heerscharen eine ungleich größere Anspannung verursacht haben. Aber im Duisburger Theater löst sie am Montag dieser Woche dennoch eine gewisse Nervosität aus. Genau genommen sind auch nicht die Perser, sondern die Wiener vom Akademietheater im Anmarsch, aber im Gepäck haben sie die Aufbauten für die beiden Vorstellungen von Aischylos’ Drama „Die Perser“ beim Theatertreffen der Akzente (7. und 8. März), und es ist das Kernstück des Bühnenbildes, das Michael Steindl, dem Duisburger Schauspielintendanten, die Sorgenfalten in die Stirn gräbt: eine 1,5 Tonnen schwere Achse mit zwei Antriebsmotoren.

Unverzichtbare Effekte

Die bekommt das Publikum nicht zu Gesicht, aber deren Effekte, etwa wenn das Haar von Königsmutter Atossa dramatisch umnebelt ‘gen Zuschauerraum weht, oder sich bei Xerxes Rückkehr Ströme von Blut ergießen. „Das ist inszenatorisch klug eingesetzt, ohne diese Effekte würde die Aufführung nicht funktionieren“, sagt Steindl. Allein – das entscheidende Teil dafür ist reichlich sperrig. Gut zehn Meter lang passt es definitiv nicht in den Lastenaufzug, der innen gerade mal 8,38 Meter misst. „Der Lastenaufzug ist das Herz des Hauses, es hört auf zu schlagen, wenn der Aufzug nicht funktioniert“, erklärt Steindl. „Wenn wir die Achse nicht reinkriegen, müssen wir die Vorstellung absagen.“

Was nicht passt, wird passend gemacht

Im Ruhrgebiet gibt’s zwar den Spruch: Was nicht passt, wird passend gemacht. Doch der gilt nicht für die Achse aus Wien, die mit den beiden Motoren fest verschweißt ist. Kürzer machen geht nicht. „Nur weil der Lastenaufzug zu klein ist, gehen wir nicht in die Knie“, stellt Carsten Lucke, Technischer Leiter am Theater Duisburg, stoisch klar. Wenn die Achse nicht verkleinert werden kann, muss der Aufzug eben verlängert werden, indem er mit offenen Türen gefahren wird. Eigens dafür sind zwei Experten der Firma Niggemeier & Leurs gekommen.

Mit einer halben Stunde Verspätung fahren um 14.30 Uhr drei Riesenlaster vor dem Theaterhof auf. Welcher die Achse geladen hat, weiß auch Andreas Grundhoff, Technischer Leiter am Akademietheater Wien, nicht genau. Zu seinem Team gehören zwölf Bühnentechniker und Beleuchter. Auch von Duisburger Seite ist eine ähnlich starke Mannschaft angetreten. Und die Mehrheit von diesen Jungs, denen man ansieht, dass sie richtig anpacken können, hat sich auf dem Hof versammelt, um auszuladen. Nach einer halben Stunde ist der erste Lkw leer geräumt.

Acht Tonnen Schlamm nach Sibirien transportiert

Es wird geraucht, gescherzt und gelacht während alle beobachten wie der Fahrer den zweiten 35-Tonner geschickt an die Rampe des Lastenaufzugs rangiert, aber die Anspannung ist deutlich zu spüren. Umso mehr als niemand weiß, ob es klappen wird, die Achse ins Haus zu hieven. Auch Grundhoff nicht: „Das Stück war noch nie auf Gastspiel und war dafür auch eigentlich nicht vorgesehen.“ Andererseits hat er mit seiner Mannschaft schon so einiges auf die Beine gestellt, wie er amüsiert erzählt: „Wir machen öfter so ‘nen Blödsinn. Einmal haben wir für ein Gastspiel vom zerbrochenen Krug acht Tonnen Schlamm nach Omsk in Sibirien transportiert.“

Gegen 16 Uhr ist auch der zweite Laster ausgeräumt, die Achse war nicht drin. „Das Beste kommt immer zum Schluss“, unkt einer der Bühnentechniker. Der Fahrer setzt zurück, jetzt gilt’s. Nein, immer noch nicht. Die Achse ist mit weiteren Bühnenteilen zugestellt, die erstmal raus müssen. Beim Ausladen gerät die Rolle eines schweren Containers zwischen Rampe und Lkw-Anhänger. „Das war’s“, seufzt Grundhoff. Mit vereinten Kräften gelingt es den Technikern irgendwie, den Rollkasten dann doch in den Aufzug zu bugsieren.

Der Rest ist Kindergeburtstag

Das nächste Problem lässt nicht lange auf sich warten: Der Lastenaufzug hängt irgendwo zwischen 1. Etage und Parterre fest, die Achse hat sich auf dem Lkw verkantet und muss mit einem Gabelstapler befreit werden. Doch endlich kann sie auf ihrem fahrbaren Unterbau in den Aufzug geschoben werden. Und siehe da – sie passt viel besser als alle erwartet haben. Leider streikt der Aufzug, weil der Computer meldet, dass die Türen offen sind. Also muss der mal eben umprogrammiert werden.

Während alle der Minutenfahrt harren, raunt Dekorateur Peter Trappmann Steindl grinsend zu: „Nächstens kaufste nur Gastspiele, die in einen Pkw passen.“ Und Carsten Lucke meint beruhigend: „Wir fahren das Ding jetzt hoch, schieben es auf die Bühne und hängen es auf. Am Freitag geht’s zurück, dann sind für uns die Akzente gelaufen. Alles andere, was noch kommt, ist Kindergeburtstag.“ Steindl quittiert die Worte mit leicht gequältem Lächeln: „Mehr Nervenkitzel hätte ich jetzt auch nicht mehr brauchen können.“

Nach der kurzen Aufzugfahrt geht alles ganz rasch: Um 17.20 Uhr liegt die Achse auf der Bühne, sie wird an die Obermaschinerie gehängt, hochgezogen und auf die Seitenwände der Kulissen gesetzt. Um 18.30 Uhr ist alles im Lot. Das Spiel kann beginnen.

Die Herzkammer des Theaters

Der Lastenaufzug des Theaters wurde 1996 gebaut. Er kann vier Tonnen transportieren. In der Länge misst er 8,38 Meter, die Breite beträgt 2,10 Meter, die Türbreite zur Bühne 1,90 Meter, die zum Hof 1,73 Meter.

Kuriose Lasten gab’s auch vorher: ein lebendes Pferd für die Bochumer Aufführung von „King Lear“, ein Iglu für „Trauer muss Elektra tragen“ aus München und einen fahrtüchtigen BMW für die „Arturo Ui“-Version aus Bochum.

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