Stahlindustrie

Nach 60 Jahren: Ehemalige Thyssen-Lehrlinge erinnern sich

Die Auszubildenden, die 1959 ihre Lehre bei Thyssen begannen, mussten sechs Tage in der Woche im Schichtdienst arbeiten. 

Die Auszubildenden, die 1959 ihre Lehre bei Thyssen begannen, mussten sechs Tage in der Woche im Schichtdienst arbeiten. 

Foto: Foto: Herbert Mikolajczak

Duisburg-Bruckhausen.  Sechs Duisburger begannen 1959 ihre Ausbildung als Hüttenjungwerker. Sie erzählen von Scherzen der älteren Mitarbeiter und wenig Schlaf.

Unruhige Zeiten im Stahlwerk in Bruckhausen. Die Beschäftigten dort bangen um ihre Jobs. Davon konnte vor 60 Jahren keine Rede sein. Die Lehrlinge des Jahrgangs 1959 haben gute Erinnerungen an ihre Jahre beim Thyssen-Werk an der Franz-Lenze-Straße. Von Zeit zu Zeit treffen sie sich noch zum gemeinsamen Klönen.

Ein Mittwoch im Frühling war es, als Udo Hofer, Peter Lordan, Herbert Mikolajczak, Volker Schüler, Jürgen Isselmann, Bernhard David, Horst Ingenhoff, Wilfried Rüttgers und Burkhard Marzein am 1. April 1959 ihre Ausbildung als Hüttenjungwerker begannen. „Heute würde man Verfahrensmechaniker sagen“, erklärt Peter Lordan.

Die Jüngsten war gerade mal 15 Jahre alt

„Erstmal haben wir drei Jahre Betriebsschlosser gelernt, dann folgte ein Jahr als Hüttenwerker.“ Feilen, drehen, bohren, schmieden und schweißen gehörte fortan zum Alltag. „Wenn an den Maschinen etwas kaputt war, wurde gehupt und wir mussten kommen und nachsehen, wo der Fehler liegt – sofern es mechanisch war, alles Elektrische haben natürlich Andere gemacht“, sagt er.

An ihren ersten Tag erinnern können sich die Thyssen-Mitarbeiter aber nicht mehr. „Ich weiß nichts mehr, außer, dass ich viel zu viel Schiss hatte“, sagt Herbert Mikolajczak. Zwischen 15 und 16 Jahren waren die sechs Burschen erst alt. „Das war damals eben so, nach der Volksschule begann man zu arbeiten“, sagt Jürgen Isselmann achselzuckend.

15 Kilometer täglich mit dem Rad

„Und gekommen sind wir alle mit dem Rad, bis wir endlich Mofa fahren durften. Ich bin jeden Tag die 15 Kilometer von und nach Wehofen gefahren“, ergänzt Udo Hofer. 45 Stunden in der Woche betrug die Arbeitszeit, 50 Mark im Monat die erste Lohnstufe als Auszubildender, später 125 Mark. Gezahlt wurde er noch in die Lohntüte.

„Wir mussten von Montag bis Samstag ran, frei hatten wir nur am Sonntag. Auch damals arbeiteten wir schon im Schichtbetrieb. Geschlafen haben wir kaum, weil wir natürlich jeden Moment Freizeit ausnutzen wollten“, sagt Lordan.

Scherze mit den Lehrlingen

Jedem der Neulinge, die mit einem grünen Helm als solche gekennzeichnet waren, wurde ein erfahrener Hüttenwerker zur Seite gestellt. „Die haben natürlich ihre Späße mit uns gemacht: Man sollte einen Eimer Stromabfall wegbringen oder Gewichte für die Wasserwaage holen“, erzählt Volker Schüler. Zur Ausbildung gehörte allerdings auch Theorie in der Berufsschule. „Da herrschte noch die Prügelstrafe“, so Schüler.

Anfang der 60er legte der Konzern noch nicht so viel Wert auf körperliche Unversehrtheit. „Damals passierten so viele Unfälle: Einer ist in das flüssige Metall gesprungen, wahrscheinlich als Selbstmörder. Der Kohlenstoffgehalt im Eisen war dann halt um 0,01 Prozent erhöht“, sagt Schüler. „Sicherheit ist bei Thyssen heute das A und O.“ Es sei eine gute Ausbildung gewesen, „man hat halt alle mechanischen Bereiche des Betriebs durchlaufen.“

Treffen zwei bis drei Mal im Jahr

Geblieben sind sie alle bei Thyssen, bis zu ihrem Ruhestand, den sie zwischen 2001 und 2008 begannen. Die meisten des 59er-Jahrgangs verbrachten die letzten Jahre aber bei ruhigen Büro-Tätigkeiten, Schüler stieg sogar zum Senior Vice President der Edelstahlwerke auf. Heute treffen sich die Thyssen-Veteranen noch zwei bis drei Mal im Jahr. „Durch WhatsApp geht das alles ganz einfach“, sagt Mikolajczak.

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