Nächstenliebe

Duisburger Obdachlose übernachten in der Kirche St. Peter

Feldbetten sind im Vorraum der Marxloher Kirche St. Peter aufgestellt. Dort suchen Obdachlose nachts Zuflucht vor der Winterkälte.

Feldbetten sind im Vorraum der Marxloher Kirche St. Peter aufgestellt. Dort suchen Obdachlose nachts Zuflucht vor der Winterkälte.

Foto: Tamara Ramos

Duisburg-Marxloh.  Damit sie nachts nicht erfrieren, öffnet die Gemeinde um Pater Oliver Hilfesuchenden die Kirche als Schlafplatz. Politik und Stadt unterstützen.

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„Nächstenliebe ist nicht verhandelbar“ steht auf dem Banner in der Marxloher Kirche St. Peter. Ein Kampfslogan? „Nein“, sagt Pater Oliver, der Gemeindepfarrer. „Aber ein bisschen kämpfen müssen wir.“ Dazu gehört, dass die Gemeinde vor gut fünf Wochen ihre Kirche für Obdachlose geöffnet hat, damit sie in den kalten Winternächten nicht auf der Straße erfrieren. „Es ist eine Notlösung, aber sie ist zunächst alternativlos.“ Diese Hilfe bedeutet für das Gemeindeleben einige Herausforderungen – und dennoch ist sie dort selbstverständlich.

„Straßenobdachlosigkeit war vor drei Jahren in Marxloh noch kein Thema“, sagt Pater Oliver, inzwischen sitzen einige Betroffene am August-Bebel-Platz. Im Januar standen dann die ersten frierend vor der Kirchentür. „Also haben wir reagiert“, und dies wird nun fortgeführt. Ein Dutzend Feldbetten stehen in St. Peter, darauf liegen morgens, ordentlich gefaltet, frische Kissen und warme Decken.

20 Obdachlose nehmen das Übernachtungsangebot wahr

„Es sind nicht immer die Gleichen da“, sagt der Priester, insgesamt sei es eine Gruppe von circa 20 Notleidenden, die an der Mittelstraße einen Unterschlupf für die Nacht suchen. „Hier übernachten Männer und Frauen, das ist ganz schwierig. Aber wir wahren hier den Frieden.“

Schwierig sei auch, Würde und Privatsphäre aufrecht zu erhalten. Und heizen lässt sich die Kirche, die zur Propsteipfarrei St. Johann gehört, ebenfalls nicht. Der Pater und seine ehrenamtlichen Helfer kennen die Obdachlosen persönlich, das mache vieles einfacher, etwa das Alkoholverbot durchzusetzen. „Der einzige, der in der Kirche Wein trinkt, bin ich“, sagt der Pfarrer und lacht.

Allmorgendlich weckt er die Gruppe und bietet Kaffee an. Nebenan im Petershof können die Obdachlosen duschen, bekommen saubere Kleidung und später ein Mittagessen. Betroffene kommen derzeit sogar aus der Innenstadt zu der Marxloher Kirche.

Betroffene stecken bis zur Halskrause in der Sucht

„Die Leute hier haben keine Alternative“, sagt Schwester Ursula von der Petershof-Leitung. „Sie stecken bis an die Halskrause in der Sucht“ und dies schließe sie von städtischen Unterkünften aus. „Dass sie in der Kälte sterben, darf nicht sein.“ Daher sei die Rückendeckung der Gemeinde groß, obwohl die Übernachtungsgäste „keine besonders sozialverträglichen Gesellen“ seien, längst nicht alles „hübsch ordentlich und fromm zugeht“, es abends „schon mal Palaver“ gebe und der Gestank „nicht leicht wegzustecken“ sei. Pater Oliver winkt ab: „Wir haben das im Griff. Eine Kirche, die nur sonntags von 10 bis 12 Uhr geöffnet ist, die hat ihre Berechtigung verloren.“ Und das soll St. Peter nicht passieren.

„Uns begegnen die Grenzfälle des Lebens, für sie gibt es keine einfache Lösung“, sagt der Ordensbruder der Prämonstratenser, denn die Gründe für Obdachlosigkeit seien vielfältig. Doch in St. Peter und im Petershof frage man nicht nach dem Warum, sondern nur danach, was die Hilfesuchenden bräuchten. „Am Anfang sieht man eine Horde ungewaschener Leute, nach einer Weile entwickelt man eine Beziehung“, sagt Schwester Ursula. „Sie werden von Obdachlosen zu Menschen“, ergänzt Pater Oliver.

Die Hilfsaktion wird getragen von Ehrenamtlern und von Spenden, betont der Geistliche: „Mich erhält hier aufrecht, dass es immer noch eine große und ungebrochene Hilfsbereitschaft in der Gemeinde gibt.“ Unterstützung kommt auch von der Stadt Duisburg; sie hat ein Dixiklo vor der Kirche aufstellen lassen, die Kosten übernimmt das Sozialamt.

25.000 Euro gibt die Stadt Duisburg für Schlafcontainer

„Der Politik ist auch nicht egal, was da abgeht“, sagt der Ratsherr Rainer Enzweiler (CDU), der zu der Marxloher Kirchengemeinde gehört. „Wir wollen Solidarität mit den Schwächsten üben.“ Die aktuelle Situation sei weder für die Kirchgänger schön, noch für die Obdachlosen, die im Kirchvorraum keine Intimsphäre haben. Daher hat sich Enzweiler dafür stark gemacht, dass der Stadtrat mit 25.000 Euro hilft. Davon werden auf dem Kirchengelände an der Mittelstraße zwei Schlafcontainer mit Sanitäranlagen errichtet.

Für Pater Oliver steht fest, dass Obdachlose solange in St. Peter schlafen dürfen, bis es nicht mehr notwendig ist. Hoffentlich bald. „Die Container sind ein erster Schritt.“

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