Traumzeit-Festival

Furioser „Traumzeit“-Schlussakkord mit Frank Turner

Ein sprunggewaltiges Energiebündel: Frank Turner und seine Band The Sleeping Souls als Top-Act des 22. „Traumzeit“-Festivals lieferten eine herausragend gute Performance ab, die noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Ein sprunggewaltiges Energiebündel: Frank Turner und seine Band The Sleeping Souls als Top-Act des 22. „Traumzeit“-Festivals lieferten eine herausragend gute Performance ab, die noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Foto: Frank Oppitz / FUNKE Foto Services

Zum Abschluss des „Traumzeit“-Festivals lieferten Frank Turner & The Sleeping Souls eine brillante Show ab. Über 26.000 Besucher an drei Tagen.

Positive Energie ist ansteckend. Und weil die Masse zu seinen Füßen in den 75 Minuten zuvor in Begeisterungsstürmen wild hin und her gewogt ist, will Frank Turner beim letzten Stück des Abends nun selbst ein Bad in der Menge nehmen. Also wagt sich der britische Gute-Laune-Rock’n’Roller in den tanz- und springwütigen Mob hinein – und wird von diesem auf Händen hoch über deren Köpfen zurück auf die Bühne balanciert. Es war der denkwürdige Schlusspunkt eines „Traumzeit“-Auftritts, der allen Beteiligten lange in Erinnerung bleiben wird.

Das Gaspedal voll durchgedrückt

Pünktlich um 21.15 Uhr am Sonntagabend betritt Turner, dessen richtiger Vorname Francis Edward lautet, mit seiner vierköpfigen Band The Sleeping Souls die Bühne am Cowperplatz. Einem Teil des Publikums ist anzumerken, dass es da bereits drei lange Festivaltage in den Knochen stecken hat und entsprechend erschöpft ist. Das Gefühl ist aber sofort wie weggeblasen, denn Turner drückt ab Konzertsekunde eins das Gaspedal gnadenlos durch. Er klettert aufs Schlagzeug. Nimmt so hohe Luftsprünge, wie sie sich nur Kunstturner wagen. Und ist mit seiner offenen, sympathisch selbstironischen Art derart zugewandt, dass das Publikum gar nicht anders kann, als mit Hingabe mitzufeiern.

„Guten Abend, Duisburg! Wie geht’s?“, fragt der Bandchef nach dem zweiten Stück leicht atemlos in die Runde. Was sofort auffällt, ist, dass Turner Duisburg korrekt ausspricht – eine absolute Seltenheit für einen Engländer. Bei den meisten klingt das immer nach „Du-iesbörg“. Turner bekennt, dass er den halben Tag üben musste, bis er die richtige Sprechweise draufhatte. „Dabei habe ich zwei Jahre mit einer Frau aus Duisburg zusammengelebt“, erzählt er zwischen zwei Songs. Doch sie habe ihn stets im Unklaren gelassen.

Für Turner war dieser „Traumzeit“-Auftritt die Duisburg-Premiere. Auch das hatte besagte Frau früher stets für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten, dass er hier einmal live spielen würde. Sie lebt inzwischen übrigens in China. Und Turner schickte am Sonntag ihr und allen anderen Fans via Instagram und Facebook ein kleines Filmchen, in dem er erklärt, wofür Duisburg steht (Mercator, Hafen, Zoo).

Zurück zum Konzert: Turner verausgabt sich derart, dass er am Ende sogar die schwarze Krawatte von seinem durchgeschwitzten weißen Hemd abstreift und ins Publikum wirft. Doch Tempo nimmt er nicht heraus. Er strotzt so vor Energie, als habe er vor dem Konzert Traubenzucker in Brikettgröße verputzt. Vollgas bis zum Schlussakkord. Die war Turners 2351. Live-Show seit dem Karrierestart in 2008. Und vermutlich wird sie auch bei ihm einen Platz im Gedächtnis behalten.

„Der Auftritt war Wahnsinn“, lobt auch Festivalleiter Frank Jebavy. Dem liegen am Montagmittag alle genauen Zahlen vor. Allein am lauen Sonntagabend betraten laut elektronischer Messanlage über 11.000 Besucher das Festivalareal. „Wir hatten an den drei Tagen exakt 26.028 Besucher hier. Und das sind nur die, die durch den Haupteingang gekommen sind“, erläutert Jebavy.

Duisburg-Premiere auch für die Hamburger Jungs von Kettcar

Unter dieser Masse waren zahlreiche Fans der Band Kettcar. Auch für die Hamburger Indie-Rocker war es der allererste Duisburg-Auftritt. „Warum waren wir noch nie hier?!?“, fragt Bassist Reimer Bustorff laut in die Runde der mit 1800 Fans prall gefüllten Gießhalle. Und sein Kopfschütteln und die Tonlage lassen erahnen, dass dies ein Selbstvorwurf ist – so angetan sind er und seine vier Mitstreiter vom leicht abgewetzten und doch majestätischen Charme der Landschaftspark-Kulisse.

Kettcar-Frontmann und Gitarrist Marcus Wiebusch will aber nicht nur die Schönheit der Industriekultur bestaunen, sondern auch Haltung zeigen. Also bezieht er in seinen Song-Anmoderationen eindeutig Positionen gegen Fremdenhass („Helfen ist ein zutiefst menschlicher Akt, Humanismus ist nicht verhandelbar“) oder gegen die Homophobie im Profifußball.

Das Publikum erweist sich als äußerst textsicher, singt Songs wie „Sommer ‘89“, „Balu“ oder „Landungsbrücken raus“ laut mit. „Ich hab mein Herz an die Traumzeit verloren“, japst Bassist Bustorff nachher beseelt. Dieses Schicksal teilt er mit seiner Zuhörerschaft.

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