Kriminalgeschichte

Erinnerungen an die Nacht der Duisburger Mafiamorde

Tatort Mülheimer Straße: Am Morgen nach den tödlichen Schüssen vor dem Restaurant „Da Bruno“ in Duisburg-Neudorf werden die Leichen der sechs Männer abtransportiert.

Tatort Mülheimer Straße: Am Morgen nach den tödlichen Schüssen vor dem Restaurant „Da Bruno“ in Duisburg-Neudorf werden die Leichen der sechs Männer abtransportiert.

Foto: Stephan Eickershoff

Duisburg.   Vor zwölf Jahren ereignete sich einer der spektakulärsten Kriminalfälle in Duisburgs Historie. Sechs Menschen starben. Eine Chronik:

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Heute auf den Tag genau vor zwölf Jahren ereigneten sich die „Duisburger Mafiamorde“. Sechs Menschen starben im Kugelhagel vor einem Restaurant in Neudorf. Die Leitung der Mordkommission übernahm Heinz Sprenger, der in diesem Jahr im Alter von 66 Jahren überraschend verstorben ist. In seinem Buch „Der wahre Schimanski“ (Riva-Verlag) erzählt der frühere Kriminalpolizist von diesem Fall, der zu den spektakulärsten in der Geschichte dieser Stadt zählt. Eine Chronik:

Die Tatnacht: sechs Opfer sterben

Die frühen Morgenstunden des 15. August 2007. Es ist 2.20 Uhr, als sechs Personen das im Erdgeschoss des Klöckner-Hauses untergebrachte Lokal „Da Bruno“ verlassen. Sie gehen zu ihren zwei Autos, die sie in einer angrenzenden Durchfahrt abgestellt haben – ein Opel-Lieferwagen und ein angemieteter VW Golf. In dem Moment, als die Motoren gestartet werden sollen, treten aus der Dunkelheit die Täter an die Fahrzeuge heran und eröffnen mit zwei italienischen Beretta-Pistolen das Feuer. Fünf Insassen sind sofort tot, der sechste wird reanimiert, verstirbt aber kurz darauf.

Die Opfer: Die Identitäten stehen schnell fest

„Die Identitäten der Getöteten konnte bald ermittelt werden“, erinnerte sich Sprenger vor zwei Jahren im Gespräch mit dieser Zeitung. Es handelt sich um den Besitzer und Wirt des „Da Bruno“, dazu um einen als Auftragsmörder bekannten Mann und um zwei Brüder, die dort beschäftigt waren, sowie um zwei Jugendliche (16 und 18). Der Jüngere war das Patenkind des „Da Bruno“-Besitzers, der Ältere war erst an diesem Abend im Rahmen eines zeremoniellen Aktes in die ‘Ndrangheta aufgenommen worden. Dieser kalabrischen Mafia-Organisation gehörten auch die übrigen Opfer an. Das wissen Kollegen Sprengers, die im Bereich der organisierten Kriminalität ermitteln.

Die Ermittler: 140 Beamte sind mit Fall beschäftigt

„In der Spitze waren bis zu 140 Leute mit diesem Fall beschäftigt“, sagte Sprenger. Darunter auch italienische Kollegen. Auch Spezialisten des Bundeskriminalamtes machen sich auf den Weg nach Duisburg. Sie hatten über Jahre alle Informationen zur ‘Ndrangheta gesammelt. Tags darauf wird entschieden, dass die Zuständigkeit für den Fall bei der Duisburger Mordkommission bleiben und nicht zum LKA oder BKA verlagert wird. „Nicht zuletzt, weil wir eine sehr gute Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten vorzuweisen hatten“, vermutete Sprenger damals.

Die Zeugen: Wertvolle Hinweise

Noch in der Tatnacht gibt es wertvolle Hinweise. Einer jungen Frau waren zur Tatzeit auf der anderen Seite der Mülheimer Straße zwei Gestalten entgegengekommen, die dann die Straßenseite zum Tatort wechselten. Dann hörte sie Geräusche, die für sie im ersten Moment wie Silvesterböller klangen. Als sie nachschaute, fand sie die Wagen mit den zerschossenen Seitenscheiben und den Getöteten vor. Sie alarmierte sofort die Polizei.

Schnell konnte ermittelt werden, dass eine Tätergruppe in einem Renault Clio über die Neudorfer Straße am UCI-Kino vorbei geflüchtet war. Dass es einen zweiten Fluchtwagen gab, berichtete kurz darauf ein Zeitungsbote. Dieser hatte in einer Nachbarstraße Zeitungen verteilt, als zwei Personen auf einen Wagen zueilten. Nach einem kurzen Dialog mit ihm brauste das Duo in Richtung Kreuz Kaiserberg davon. Anhand der Angaben des Boten entstanden Phantombilder.

Die Methoden: Beweise wurden nicht anerkannt

Wie sich bald herausstellen sollte, standen die Getöteten und das Lokal bereits im Fokus italienischer Ermittlungsbehörden. Diese hatten den VW Golf, mit dem die Opfer wegfahren wollten, verwanzt und mit GPS-Sender ausgestattet. Das verschwiegen die Ermittler aber gegenüber deutschen Behörden – ein Verstoß gegen geltendes Recht. Die so zusammengetragenen Fakten und Beweise wurden von der Staatsanwaltschaft daher nicht anerkannt. „Die Erkenntnisse der verdeckten Maßnahme der Italiener flossen aber zumindest in unsere weiteren Ermittlungen ein“, sagte Sprenger. So kam schnell heraus, dass fast alle Opfer aus dem Ort San Luca in Kalabrien stammten, das als Mutterhaus der ‘Ndrangheta gilt. Zum Tatzeitpunkt lebten 80 Personen aus San Luca oder dem direkten Umfeld in Duisburg. Fast alle galten als Clan-Mitglieder.

Bei den Ermittlungen werden auch Bilder der Videokameras am Klöckner-Haus ausgewertet. Weil die Anlage aus den 70ern stammt, ist die Qualität der Bilder eher mäßig. Sie helfen bei der Rekonstruktion der Tat dennoch. So können Fahrzeuge ausgewertet werden, die in der Nacht rund um den Tatort unterwegs waren. Bei einer Analyse der Scheinwerferoptik wird der Hersteller eines Fluchtwagens bestimmt, mit Hilfe eines Fotomessverfahrens die genaue Größe der Täter ermittelt. Eine Straße im Sichtfeld einer Kamera wird mehrmals nachts gesperrt, damit die Polizei dort mögliche Szenarien nachstellen kann. Jeder Hausbewohner im Umfeld wird befragt, jede Zigarettenkippe aufgelesen und jede Handyverbindung aus den Funknetzen der Umgebung geprüft, ob in der Tatnacht Telefonate in Richtung Italien stattgefunden haben. Dies ist nur eine von 5000 Spuren, die es für das Team abzuarbeiten gilt.

Der Ärger: Kein Zugang zum Mautsystem

Dass die Täter über Autobahnen flüchten wollten, liegt schnell auf der Hand. Dennoch erhalten die Ermittler keinen Zugang zu den Daten des Mautsystems, das alle Fahrzeugbewegungen auf Autobahnen erfasst und Kennzeichen speichert. Als Grund für die Ablehnung bekommen die Ermittler stets dieselbe Antwort: Datenschutz. Ein Argument, das Sprenger vor dem Hintergrund eines Mordfalls mit sechs Toten damals nicht gelten ließ.

Die Täter: Fehde zwischen verfeindeten Clans

Schnell kommen die Ermittler Giovanni S. auf die Spur, einem Pizzeria-Inhaber aus Kaarst. Es folgen Wohnungs- und Ladendurchsuchungen. Mit Hilfe von DNA-Analysen wird klar, dass S. zum Täterkreis gehört. Der Gesuchte bleibt aber verschwunden. Das Motiv: die Fortführung einer Fehde zwischen verfeindeten Clans samt Tötung von Familienmitgliedern. Gefunden wird zwei Monate nach der Tat der Clio-Fluchtwagen: in Belgien. DNA-Analysen zeigen auch hier, dass die Ermittler richtig liegen. Es soll aber bis zum 12. März 2009 dauern, bis Giovanni S, der erste Schütze, gefasst werden kann. In Amsterdam. Der zweite Schütze, Domenico N., wird erst im Frühjahr 2010 identifiziert und in Italien festgenommen. Weil die beteiligten Behörden zum Schluss kommen, dass es das Beste sei, das Verfahren in Italien durchzuführen, wurden alle Festgenommenen ausgeliefert. Beide Schützen erhalten lebenslange Haftstrafen.

>> OHNE PAUSE ERMITTELT

- „Das war der aufwendigste Fall in meiner Dienstlaufbahn“, blickte Heinz Sprenger vor zwei Jahren auf die Mafiamorde zurück. Allein im ersten Jahr nach der Tat hätten er und sein Team quasi ohne Pause ermittelt. „Ich bin mit diesem Fall morgens aufgestanden und abends ins Bett gegangen.“

- Bis zu 140 Ermittler arbeiteten zeitgleich an dem Fall.

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