Tiere

Eine Hand voll Mauersegler: Starthilfe für den Baby-Vogel

Zwei Wochen alt ist der kleine Mauersegler, der es sich auf der Hand von Christa Griese gemütlich macht.

Zwei Wochen alt ist der kleine Mauersegler, der es sich auf der Hand von Christa Griese gemütlich macht.

Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services

Duisburg-Baerl.  Naturfreundin Christa Griese kümmert sich in Duisburg-Baerl um Tiere in Not. Ihr jüngster Schützling ist ein zwei Wochen alter Mauersegler.

32 Gramm sind eindeutig zu wenig. Christa Griese öffnet ihre Finger und gibt den Blick frei auf eine Hand voll Vogel. Geschätzte zwei Wochen alt ist der Winzling, der sein Köpfchen an der warmen Menschenhand reibt. Ein Mauersegler, das hat die Vogelfreundin sofort erkannt, als man ihr das aus dem Nest gefallene und zum Glück unverletzte Jungtier brachte. Am gebogenen Schnabel, dem Gefieder und den auffällig kurzen Beinen hat sie ihn identifiziert. Wer in Baerl ein Lebewesen findet, das Hilfe braucht, der bringt es zu Christa Griese auf den Steinschenhof. Denn dass die Naturliebhaberin nicht nur ein Herz für Tiere, sondern auch ganz viel Fachkenntnis hat, das hat sich über die Jahre herumgesprochen.

Der Mauersegler schläft im Flug

Im Februar 2018 hat Christa Griese zuletzt im Gemeindehaus einen Vortrag über den Mauersegler gehalten. Der Vogel fasziniert sie besonders, weil er im Gegensatz zu den Singvögeln im Garten so geheimnisvoll ist und nur sehr wenig Berührungspunkte mit Menschen hat. Bis auf die Brutzeit verbringt er sein Leben komplett in der Luft. Dort schläft er im Flug, dort findet er sein Futter, dort paart er sich sogar. Kontakt zu den Menschen hat der Mauersegler vor allem dann, wenn im Nest nicht alles glatt läuft und die Jungen Starthilfe brauchen.

„Ich habe bestimmt schon 150 Segler großgezogen“, sagt Christa Griese und streichelt das Vogelbaby, das vorübergehend einen Platz in ihrem Schlafzimmer hat. Der Vogel ist ein angenehmer Zimmergenosse, denn er macht nachts überhaupt keine Geräusche. Er kuschelt sich unter die karierten Küchenhandtücher in seinem Karton. Anders als die Igeljungen, die hier vor einiger Zeit im Hotel Griese wohnten und in der Dunkelheit vor lauter Aufregung vor sich hingepfiffen haben. „Da musste ich ständig aufstehen, um die Kleinen zu beruhigen.“

Vogelmutter sein ist leichter. Der Mauersegler frisst nur tagsüber, aber das mit großem Appetit und jede Stunde. Zehn Gramm hat er in den vergangenen drei Tagen schon zugelegt. Das ist viel. „Er war sehr ausgehungert.“ Jetzt könnte er schon wieder etwas vertragen und beginnt zu betteln. Mit zarten Tönen, die mal ein ausgewachsenes „Sri Sri“ werden sollen, macht er sich bemerkbar. Gut, dass die Grillen, die frisch gekauft noch quietschlebendig in einer Plastikbox auf dem Gartentisch herumkrabbeln, nicht ahnen, was das für sie bedeutet. Tja, auch das ist Natur, die Heimchen sorgen dafür, dass der Mauersegler in drei Wochen hoffentlich sein Idealgewicht erreicht haben wird, um sich in die Luft zu erheben. „Das sind lebenswichtige Proteine für ihn“, sagt Christa Griese und tischt dem kleinen Gast sein Essen auf.

Noch bleiben die lebenden Grillen verschont, denn das Vögelchen mag sein Essen lieber, wenn es nicht mehr zappelt. Seine mundgerechte Portion, die noch mit einer Vitaminlösung angereichert ist, steht in einer Schale bereit. Mit dem Schnabel umklammert der Mauersegler den kleinen Finger von Christa Griese, die das Heimchen geschickt daran vorbei in den Vogelmund schiebt. Je nach Appetit verschlingt er bei einer Mahlzeit bis zu zwanzig Insekten. Sein Baerler Quartier ist ein Schlaraffenland. Wäre er noch im Nest, müsste er zwischendurch auch mal hungern, denn die Vogeleltern müssen für ein einziges Gramm Futter eine halbe Stunde jagen.

Vasco sieht zufrieden aus. Christa Griese hat ihm den Vornamen des großen portugiesischen Seglers da Gama gegeben, weil der Flug der Tiere, die ausgewachsen eine Flügelspannweite von bis zu 45 Zentimetern haben, sie an das majestätische Gleiten von Schiffen erinnert. Von einer solchen Eleganz ist bei Vasco allerdings noch nicht so viel zu sehen. Der satte Babyvogel lässt sich nach vorne auf die Hand plumpsen, schaut mit großen Augen in die Baerler Welt und sieht mit dem noch jungen Gefieder ein bisschen zerrupft aus. „Der wird mal pechschwarz.“ Erst wenn seine Federn in einigen Wochen nicht mehr in den Hülsen stecken, ist sein Kleid perfekt und er kann sich auf die Reise ins echte Leben machen.

Mit 45 Gramm geht es los

Das wird für Christa Griese wieder ein sehr bewegender Moment. „Manchmal kommen mir da die Tränen.“ Denn die Mauersegler haben eine ganz besondere Art, ins Leben zu starten. Wenn die Jungen ein Gewicht von ziemlich genau 45 Gramm haben und ein ausgereiftes Federkleid, dann spüren sie den Moment, in dem sie loslassen können. Eine Generalprobe gibt es nicht, ganz oder gar nicht! Christa Griese hält die Mauersegler dann immer wieder mal auf der ausgestreckten Hand in die Luft. „Ich merke genau, wenn der Tag gekommen ist, dann fängt der Vogel an zu zittern.“ Und dann hebt er ab, schraubt sich von jetzt auf gleich bis zu 3000 Meter hoch in die Luft. Und manchmal kommen wie aus dem Nichts plötzlich andere Mauersegler herbei und begleiten den Kleinen bei seiner Reise ins Leben.

Vasco hat noch ein bisschen Zeit. Erst in drei Wochen wird er auf der Startrampe sitzen und den Baerler Lebensabschnitt hinter sich lassen. Gute Reise, kleiner Mauersegler!

>>> Die Geschichten von Friedolin und Tommy

Nicht alle nabeln sich so schnell ab wie ein Mauersegler. Christa Griese hatte schon so einige Tiere, die sich nicht von ihr lösen wollten. Zum Beispiel Friedolin, eine Amsel, die in einem Käfig im Schlafzimmer groß geworden ist und auf ihre Stimme hörte. Das Auswildern passte dem Vogel gar nicht. Nachts rief Friedolin nach Christa Griese und schaffte es an einem Sonntagmorgen, durch das offene Dachfenster zurück ins Schlafzimmer zu flattern und auf seinem Stammplatz zu landen.

Besonders rührend war der Abschied von Hirsch Tommy, den Christa Griese in Gevelsberg großgezogen hat. Er war treu wie ein Hund und als er ins riesige Wildgatter umzog, verweigerte er das Futter. Er rief nach seiner Menschenmama und magerte so sehr ab, dass die Wildhüter ihn erschießen wollten. Als sie mit den Gewehren auftauchten, erschien plötzlich Papa Hirsch, der sich sonst nie den Menschen näherte. Er rief seinen Kleinen und Tommy stand auf und zog mit ihm davon

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