Kirche

Duisburger Nonnen mit Leib und Seele im Einsatz

Schwester Mariotte Hillebrand (41) leitet den Kinderchor im Kindergarten St.Peter in Marxloh.

Schwester Mariotte Hillebrand (41) leitet den Kinderchor im Kindergarten St.Peter in Marxloh.

Foto: Joerg Schimmel

Duisburg.   In Duisburg gibt es noch 15 Ordensschwestern, die sich für Bedürftige engagieren. Und zwar mit Handy und Computer, nicht nur mit Ornat und Kreuz.

Mariotte Hillebrand trägt einen rot-weiß gestreiften Strickpullover über dem Polohemd, dazu eine schwarze Hose. Das Gesicht der 41-Jährigen umrahmt eine akkurat geföhnte Kurzhaarfrisur. Niemand, den Mariotte im Kindergarten St. Peter in Marxloh trifft, würde die gut gelaunte Chorleiterin für eine Nonne halten. Gleiches gilt für die übrigen elf Ordensschwestern, die in Duisburg arbeiten. Keine der Damen trägt die schwarze Tracht, die die Dienerinnen Gottes über Jahrhunderte zierte. „Die traditionelle Kleidung tragen wir bewusst nicht mehr. Viele Leute würden dadurch abgeschreckt“, erzählt Mariotte (mit gesprochenem „e“), die ihren ursprünglichen Vornamen behalten hat. „Ich wollte meinen Vornamen gerne behalten, das ist heute möglich“, erklärt sie. Und möglich ist heute bei den Orden weit mehr, als der Laie sich das so vorstellt.

Geregelte Arbeitszeiten und Rentenanspruch

Während es in Osteuropa noch viele Klöster gibt, in denen die Nonnen Tracht tragen und wenig Kontakt zur Außenwelt haben, ist das in Duisburg doch wesentlich progressiver. Alle Nonnen sind oder waren ganz normal berufstätig und gehen einer geregelten und bezahlten Arbeit nach. Mit geregelter Arbeitszeit, Renten-, und Urlaubsanspruch. Wirklich „Verboten“ ist den Damen tatsächlich wenig. „Wir haben uns natürlich zur Ehe- und Kinderlosigkeit verpflichtet, um mehr für die Armen und Bedürftigen da sein zu können“, erklärt sie. Darüber hinaus gibt es nichts so wirklich streng Verbotenes. Netflix, Kino, Kaffeetrinken, Fitnessstudio …? Mariotte lacht und erklärt geduldig, dass es wirklich sehr wenig Tabus gibt.

„Klar, Sport ist eine tolle Sache, das unterstützt der Orden ausdrücklich. Man muss nur bedenken, dass wir uns ja auch freiwillig der Armut verschrieben haben. Wir leben unter Menschen, die kein Geld für das Fitness-Studio haben und wenn ich beispielsweise anfangen würde Golf zu spielen, dann wäre das irgendwie komisch.“ Möglich wäre es allerdings. Auch die Wahl des Urlaubsortes ist da freiwillig etwas eingeschränkter. „In einem südafrikanischen Wellness-Hotel hätte ich da ein schlechtes Gefühl“, erzählt die Pastoralreferentin, die einen Großteil ihres Gehaltes sowie ihr Privatvermögen dem Orden überantwortet hat. Zum Thema Sport und Entspannung verweist sie da weiter auf ihre Kollegin Sr. Stephani (79). Sie hat lange Jahre in Rumänien gearbeitet und ist ausgebildete ZEN-Lehrerin und leitet viele Meditationsgruppen. Fernöstliche Meditation scheint heute genauso problemlos in die katholische Kirche integriert zu sein wie Ordensschwestern, die Webseiten designen und Marketingkonzepte für Kirchenaktivitäten entwerfen.

Sehr gut ausgebildete Schwestern

Doch alle Duisburger Schwestern eint der Wille, in einer der ärmsten Städte Deutschlands zu leben und die bedürftigen Menschen hier zu unterstützen. Schwester Ursula (57) ist als Krankenschwester in den Orden eingetreten. Sie hat in London eine Ausbildung in Pflegewissenschaft und Pädagogik gemacht. Danach hat sie 20 Jahre in Ghana gearbeitet. In Duisburg kümmert sie sich nun um die Sozialberatung, die Kleiderstube und gibt Deutschkurse. „Ich möchte die christliche Präsenz in einem Umfeld zeigen, das geprägt ist von großer Armut. Das hätte ich in Deutschland nicht erwartet.“ Gemeinsam mit Schwester Mariotte lebt sie in einer Kommunität.

Die Schwestern teilen sich eine Wohnung, treffen sich aber auch täglich zum gemeinsamen Austausch und so oft es geht auch zum gemeinsamen Gebet. „Da jede von uns berufstätig ist, schaffen wir es nicht, uns täglich zum Beten zu treffen“, sagt Mariotte. Sie hat Sozialpädagogik und Theologie studiert und nach einem Auslandsjahr in Lyon beschlossen, in den Orden einzutreten.

„Das war natürlich keine Entscheidung von heute auf morgen. Ich habe nur gemerkt, dass mir der Glaube mit der Zeit immer wichtiger wurde.“ Die 41-Jährige stammt aus einem katholischen Elternhaus und hat seit jeher ein enges Verhältnis zur katholischen Kirche. „Natürlich hab ich mich gefragt, ob ich meinen Glauben und mein Bedürfnis zu helfen nicht auch als Ehefrau und Mutter leben kann“, erklärt sie. Je länger die junge Frau allerdings darüber nachdachte, umso mehr wuchs die Erkenntnis in ihr, dass das Leben als Nonne ihr einen Luxus bieten kann, den sie als Mutter und Ehefrau niemals hätte.

Ein Leben jenseits der Leistungsgesellschaft

„Ich bin hier in der Kommunität frei, mir morgens eine halbe oder dreiviertel Stunde Zeit zum Gebet zu nehmen. Berufstätig mit zwei Kindern wäre das utopisch. Ich habe viel Zeit für mich und kann Kraft schöpfen, um den Menschen zu helfen, die Liebe und Zuneigung nicht so erfahren haben.“ 2006 ist sie in den Orden eingetreten. Nach Beendigung ihres Studiums, zu dem Zeitpunkt, wo viele junge Leute ihr Leben neu ordnen, den Wohnort wechseln und einen Beruf anfangen. „In mir ist mehr und mehr der Gedanke gereift, dass Gott mich genau so liebt wie ich bin, jenseits der Leistungsgesellschaft. Und dann habe ich mir die Frage gestellt, wie ich darauf antworten kann.“ Sie beschreibt ihr Leben im Orden und in der Kommunität als Heimat, als Gemeinschaft. Nur mit dem Fokus auf Gott. „Ich habe hier Leute gefunden, die mir ähnlich sind, die bedingungslos ja zu mir sagen, mit allen Licht und Schattenseiten.“ Sie und ihre Mitschwestern haben ihren Lebensweg gefunden und sich selbst verwirklicht. Auch viele der älteren Schwestern haben einen akademischen Abschluss und mehrere Jahre Auslandserfahrung inklusive Teamleitungshistorie. Qualifikationen, die heute bei Managern hoch im Kurs sind. Spannende Lebensläufe, die bei der Hausfrauengeneration der 60er und 70er Jahre oft ihresgleichen suchen.

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