Kirche

„Die Zukunft der Kirche liegt nicht im Vatikan“

„Ich bin durch meine Eltern zur Gemeindearbeit gekommen“, sagt Julia Rissmann vor der Kirche Christus unser Friede in Duisburg Meiderich. In der Gemeinde betreut sie Geflüchtete

„Ich bin durch meine Eltern zur Gemeindearbeit gekommen“, sagt Julia Rissmann vor der Kirche Christus unser Friede in Duisburg Meiderich. In der Gemeinde betreut sie Geflüchtete

Foto: Tanja Pickartz

Duisburg.   „Duisburgs Welten“: Was denken junge Frauen und Männer über die Kirche? Warum engagieren Sie sich in den Gemeinden? Was bedeutet Glaube für sie?

Das christliche Selbstverständnis, basierend auf Barmherzigkeit und Nächstenliebe, hat sich seit gut zweitausend Jahren nicht geändert. Wohl aber die individuelle Art, den Glauben zu leben. Die Katholische Kirche setzt vehement auf die Erneuerung der jungen Katholiken von innen. Die Evangelen haben sich schon länger für Gleichberechtigung stark gemacht und möchten vor allem junge Familien wieder stärker in ihre Gemeinschaft integrieren. Beide Glaubensgemeinschaften kämpfen gegen massiven Mitgliederschwund und den demographischen Wandel. Auch in Duisburg.

Aber was denken junge Leute über die Kirchenarbeit. Was bedeutet für sie Glaube und Kirchen. Dieser Frage ist die NRZ im Rahmen ihrer Serie „Duisburgs Welten“ in der Karwoche in unserer Serie „Duisburgs Welten“ nachgegangen. Sowohl in der evangelischen, als auch in der katholischen Kirche sind Männer und Frauen in etwa gleich stark vertreten. Bei beiden Konfessionen werden ähnlich viele Jungen und Mädchen getauft, so dass das Geschlechterverhältnis auch hier in etwa 50 zu 50 ist. Nur die Zahl der jungen Täuflinge hat sich geändert. Zählte die katholische Gemeinde in Duisburg 1993 noch 2.986 Kinder unter einem Jahr, so liegt die Zahl heute bei 124. Die evangelische Kirche veröffentlicht die Zahlen gar nicht erst. Nachträglich seien die Zahlen nicht mehr generierbar, heißt es auf Nachfrage.

Trotz dieser Zahlen leben auch junge Menschen heute ihren Glauben. Nur außerhalb der dunklen Mauern. Und weder die Männer, noch die Frauen ordnen sich den Kirchenriten wie Beichte, Fasten oder dem Kirchgang unter, sondern leben Glauben nach ihren Vorstellungen.

Glauben ohne Pastor, Fasten und Beichten

„Mein Glaube hat mit Kirche nichts zu tun“, da ist sich Katharina Haak ganz sicher. Liebevoll streichelt die junge Frau ihrem kleinen Sohn über den Kopf und blickt offen in die Runde. Niemand der anwesenden jungen Leute, die sich schon seit Jahren aktiv in den katholischen Kirchengemeinden in Duisburg engagieren, scheint ein Problem mit dieser Aussage zu haben. Im Gegenteil: Nicken und Zustimmung sind die Reaktionen, die Katharina auf ihr Verständnis zum Thema gelebte Religion bekommt. „Ich sehe mich als Christin, die den Gedanken der Nächstenliebe verfolgt“, erklärt sie weiter. „Das hat nicht so viel mit der Institution katholische Kirche zu tun, sondern eher mit der grundlegenden Annahme, dass es etwas gibt, was über allem steht. Nämlich Gott. Diesen Grundkonsens teilen wir alle. Deswegen fühlen wir uns in unseren Gemeinden wohl. Dieser Gedanke eint uns.“ In ihrer Heimatgemeinde Herz Jesu Neumühl engagiert sie sich in der katholischen Jungen Gemeinde und veranstaltet und plant Ferienfreizeiten.

„Die Zukunft der Kirche liegt an der Basis“

Mit dieser progressiven Interpretation von katholischem Glauben ist die junge Mutter in der Geschäftsstelle des BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) nicht allein. Alle anwesenden jungen Männer und Frauen im Alter von 25 bis 30 sehen das ganz ähnlich. Regelmäßig zur Kirche oder zur Beichte geht niemand. Auch das Thema Fasten wird von der jungen Mutter lachend ad acta gelegt. „Ja, das kann man alles machen, aber für mich hat das nichts mit dem Glauben an sich zu tun. Die Kirche wandelt sich und jeder darf sich in der Gemeinde so einbringen, wie er das für richtig hält. Das entscheiden wir selbst.“

In der Tat steht in den Statuten des BDKJ, der in Duisburg gut 3.500 Mitglieder zählt, dass die Jugendorganisationen selbstständig sind und sich selbst gestalten und verwalten. Hier gibt es also viel Spielraum für ein modernes Kirchenleben, auch als Frau. Sie können hier genauso mitgestalten und entscheiden wie ihre männlichen Kollegen.

„Ich bin durch meine Eltern zur Gemeindearbeit gekommen“, erzählt Julia Rissmann. „Die sind aber früher glaube ich etwas öfter sonntags in die Kirche gegangen als ich.“ Sie kümmert sich in der Gemeinde Christus unser Friede in Obermeiderich um die 72 Stunden Aktion und betreut junge Geflüchtete. Auch sie muss, genau wie Katharina, erst ein wenig nachdenken, als die Frage auf die Diskriminierung der Frau in der katholischen Kirche kommt. „Nein, hab ich selber nicht erfahren. Ich bin aber auch hier in unserer Gemeinde und habe mit den Kirchenoberen nicht so viel zu tun.“

Die Geschehnisse in der Führungsebene der katholischen Kirche sind für die Duisburgerinnen so weit von ihrem Erleben entfernt, dass sie die katholische Kirche als solche generell nicht infrage stellen. „Das sind jahrtausende alte Strukturen, die kann man nicht von heute auf morgen ändern. Das braucht Zeit“, ergänzt Katharina.

Beide Frauen machen sehr deutlich, dass sexueller Missbrauch und alles, was da momentan im Vatikan ans Licht kommt, völlig inakzeptabel sind. Allerdings haben diese Vorgänge mit ihrer kirchlichen Erfahrungswelt nicht das Geringste zu tun. Beide verstehen sich als aktive Teilnehmerinnen und Gestalterinnen einer Kirche im Wandel. Einer offenen und durchaus auch weiblichen Kirche. Für beide liegt die Zukunft ihres Glaubens an der Basis, bei den Menschen vor Ort und nicht bei alten Leuten im Vatikan, die sowieso bald verschwunden sein werden.

Auch auf die Frage nach der offensichtlichen Diskriminierung von Frauen zuckt sie gut gelaunt die Achseln. „Ich fühle mich in meiner Gemeinde überhaupt nicht unterdrückt oder eingeengt. Es macht mir Spaß mit Jugendlichen vor Ort im Quartier zu arbeiten. Da ist es egal, ob man männlich oder weiblich ist. Ich spüre da keinen Unterschied.“

„Die Kirche aus der Jugendarbeit heraus verändern“

„Wir machen, was wir wollen, was soll schon passieren? Die Mittel streichen kann uns die Kirche nicht. Wo nichts ist, kann auch nichts gestrichen werden.“ Nick Erichsen und Henning Gerlach lehnen sich nach diesem gemeinsamen Statement entspannt zurück und blicken beinahe kämpferisch drein. Beide jungen Männer engagieren sich aktiv in ihren katholischen Gemeinden. Und zwar genau so, wie sie es für richtig halten. „Wir sind in unserem Tun selbstständig, wir brauchen die Erlaubnis des Priesters nicht“, sagt Nick. Er organisiert die Sternsinger im Stadtgebiet, während Henning Gerlach Geschäftsführer des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in Duisburg ist und außerdem die Friedenslicht-Aktion managed.

Aufbruchstimmung

Beide geben zu, dass man sie eher selten innerhalb der Kirchenmauern antrifft. Sie bewegen sich im Quartier, im Stadtteil, bei den Menschen vor Ort. „Wir ziehen einen ganz klaren Trennungsstrich zwischen katholischer Kirche und Glaube. Wir wollen unseren Glauben der Nächstenliebe leben und mit den Menschen teilen. Das hat aber nicht mehr viel mit den Ideen der katholischen Kirche in Rom zu tun“, erklärt auch Simon Schild aus der Gemeinde St. Georg in Fahrn. Er organisiert die Ferienfreizeiten und betreut die Pfadfinder.

„Alles hat seine Zeit und die Kirche, wie sie vor 60 oder 70 Jahren war, ist so gut wie tot.“ Nick scheut sich nicht im geringsten, leitende Kirchenhäupter genauso zu kritisieren wie andere Nicht-Katholiken auch. Der Glaube, der für viele Ältere noch einherging mit Respekt, Angst und Demut, fehlt gänzlich im Duisburger BDKJ. Es herrschen eher Aufbruchsstimmung und Kampfgeist. „Wir befinden uns auf Augenhöhe mit den Priestern und dem Kirchenvorstand. Schließlich machen wir die Jugendarbeit und interessieren den Nachwuchs für die Kirche. Was wären sie ohne uns?“ Während die jungen Frauen eher auf Toleranz und einen sanften Wechsel hin zu einer neuen Kirche setzen, schlagen die jungen Männer hier härtere Töne an: „Wir sind die Zukunft der Kirche. Wir reformieren von innen und übernehmen dann das Ruder.“ Nick zuckt auch nicht mit der Wimper bei der Frage nach einem weiblichen Papst. „Klar, ich persönlich kann mir das durchaus vorstellen.“

Die Kirche muss sich ändern

Während diese Vision wahrscheinlich noch weit entfernt ist, gibt es ganz konkrete Pläne für andere tief greifende Veränderungen in Duisburg: „Wir setzen uns dafür ein, dass wir die Firmung demnächst auch in den Verbänden vornehmen können und nicht mehr nur in der Kirche“, sagt Henning Gerlach. Damit meint er die sieben Mitgliedsverbände, deren Dach der BDKJ ist. Dieses Sakrament könnte dann unter anderem von der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg, dem Bund der Sankt Sebastianus Schützenjugend (BdSJ) oder der Kolpingjugend vorgenommen werden.

Was noch vor 20 Jahren als Häresie gegolten hätte, ist heute denkbar. „Die Kirche hat klar erkannt, dass sie sich ändern muss. Ich halte das Essener Bistum in diesem Bereich für sehr fortschrittlich“, sagt Sebastian Haak. Er ist in der Herz Jesu Kirche in Neumühl aktiv, organisiert Ferienfreizeiten und kümmert sich mit seiner Frau Katharina um die Katholische Junge Gemeinde. Dort erkennt der SPD-Ratsherr klare Anzeichen eines Wandels: „Es gibt mittwochmorgens um 6 Uhr eine Andacht. Das wäre früher nie möglich gewesen.“ Grund genug für ihn, seine junge Familie und alle anderen, aktiv am Ball zu bleiben, um modernen Glauben mit der Kirche zu vereinen.

„Die evangelische Kirche ist anders als vor 30 Jahren“

In den Augen von Pfarrersgattin Hiltrud Grimoni hat die evangelische Kirche sich bereits vor einigen Jahrzehnten stark gewandelt. Sie sei weltoffener und weiblicher geworden. „Die evangelische Kirche hat sich stark gewandelt. Sie ist viel lebensnaher und auch weiblicher geworden.“ So zumindest sieht das Hiltrud Grimoni. Die 79-Jährige ist seit Jahrzehnten in der Evangelischen Gemeinde Alt Duisburg (jetzt Duisburg-Innenstadt) zu Hause und hat die Entwicklung der letzten Jahrzehnte quasi aus erster Hand miterleben dürfen. „Mein Mann war über 30 Jahre lang hier Pfarrer und auch ich habe mich immer engagiert.“ Noch heute leitet die ehemalige Lehrerin einen Frauenkreis, der sich einmal im Monat trifft. Zum Austausch, zum Gespräch und auch zum kritischen Dialog. „Mir ist wichtig, dass ich Themen aussuche, bei denen viele Frauen mitreden können und ihre eigenen Erfahrungen schildern wollen“, erzählt sie.

Die Damen treffen sich schon über 30 Jahre lang und haben viele Gemeindethemen gemeinsam unter die Lupe genommen. Der Kreis ist Hiltrud Grimoni eine Herzensangelegenheit. Früher hat sie noch viel mehr Kinder- und Jugendarbeit gemacht und immer darauf geachtet, dass junge Familien den Kontakt zur Kirche nicht verlieren. „Wir haben damals einen Miniclub ins Leben gerufen, der heute noch existiert.“ Dort treffen sich Mütter von Kleinkindern und unterhalten sich zwanglos über die ersten Krabbelversuche des Nachwuchses, die besten Mittel, um Karottenflecke aus der Babykleidung zu bekommen, eben über Gott und die Welt. „Außerdem machen wir einen Mini-Gottesdienst. Dorthin kommen Eltern mit ihren Kleinkindern. Das macht immer sehr viel Spaß. Viele Mamas und Papas sagen mir auch ganz ehrlich, dass sie ohne Kinder wahrscheinlich niemals den Weg zurück in die Kirche gefunden hätten“, erzählt die Mutter von drei Kindern.

„Man müsste sich besinnen“

Für sie gehört Kirche seit der frühesten Kindheit fest zu ihrem Leben dazu. „Erst hatten wir nur eine Kirche im Nachbardorf, das war schwierig, aber als es dann bei uns auch eine gab, bin ich jeden Sonntag mit meinem Vater zur Kirche gegangen.“ Wieso das heute für die Familien nicht mehr normal ist, da ist die Pfarrersfrau sich auch unsicher. „Wir sind heute alle Selbstmacher, können alles alleine und brauchen keinen göttlichen Beistand. So zumindest wird es von den Medien vermittelt.“

Früher, als ihr Mann noch aktiv war, gab es in jeder der fünf Duisburger Gemeinden rund 3.000 aktive Christen und Mitgestalter. Die Gemeinde war füreinander da und unterstützte sich nach Kräften. Heute bröckeln die Mitgliederzahlen weg, trotz des Wandels, den allerdings nur regelmäßige Kirchgänger überhaupt bemerken. „In der Kirche müsste man sich besinnen, sich die Ermahnungen und Anregungen, sich kritisch mit seinem Leben auseinanderzusetzen, gefallen lassen. Und das wollen heute immer weniger Menschen“, ist Hiltrud Grimoni sich sicher. Auch die Marienkirche, das Heimatgemäuer der Grimonis, wird nur noch alle zwei Wochen abends für einen Gottesdienst und nach wie vor für den Minigottesdienst genutzt. Der Rest der Gemeinde ist in die Salvatorkirche umgezogen. Das wird auch vorerst so bleiben, denn die Diakonie plant, alle Kirchenbauten rund um die unter Denkmal stehende Kirche abzureißen, um dort ein neues Familienzentrum zu errichten.

„Auf die Kanzel gehört ein Pfarrer“

Wandel gehört dazu und ist wichtig, das sieht Hiltrud Grimoni, auch wenn sie natürlich traurig ist, dass ihr Pfarrhaus, in dem sie so lange gelebt hat, abgerissen wird. Gott, Christentum, aber auch Familie und Gleichberechtigung haben immer zu ihrem Leben dazugehört und waren auch früher keine Gegensätze. „Als die ersten weiblichen Pastoren predigten, da hatten damals die männlichen Kollegen überhaupt keine Probleme mit. Nur die Gemeinde hat sich anfangs gesträubt. Gerade die Älteren.“

Schmunzelnd erzählt Grimoni von ihrer Mutter (Jahrgang 1904), die generell nichts gegen weibliche Würdenträger einzuwenden hatte; aber bitte nur in den sozialen Bereichen. „Auf die Kanzel gehört ein Pfarrer“, war ihr Credo. Natürlich tun sich ältere Menschen grundsätzlich etwas schwerer mit bahnbrechenden Neuerungen. Und einige davon hat Lorenz Grimoni gemeinsam mit seiner Frau am Standort Marienkirche durchgeboxt. „Als mein Mann so um 1968 zum ersten Mal einen Gottesdienst mit Jugendlichen gemeinsam gestalten wollte, da mussten wir ganz ganz lange Gespräche mit den Presbytern führen, die das allesamt für völlig abwegig hielten“, erinnert sich die Oma von drei Enkeln.

Nichtsdestotrotz hat das Pastorenehepaar seine Ideen durchgesetzt. In fester Überzeugung, etwas Gutes für die Kirche zu bewirken. „Das Presbytariat bestand damals zu 100 Prozent aus älteren Männern. Die hatten für unsere Vorschläge nicht viel übrig. Toll war allerdings, dass sie trotz der Ablehnung regelmäßig zu den Jugendgottesdiensten gekommen sind. Auch später, als wir Tanzveranstaltungen im Gemeindehaus organisiert haben, waren alle dabei, obwohl sie eigentlich gegen die Veranstaltung gestimmt hatten.“ Die Männer hatten offensichtlich akzeptiert, dass die Zeiten sich ändern. Trotzdem haben sie sich nicht abgewandt oder sind ausgetreten. Für diese Generation gehörte das Aushalten von etwas, was einem nicht in den Kram passte noch zum Leben dazu.

Die jetzige Generation sieht das ganze etwas flexibler. Sie geht, wenn etwas nicht nach ihren Wünschen läuft. „Und genau deswegen ist sie auch aus der Kirche gegangen. Wir müssen uns heute bemühen, den Ort des Glaubens wieder attraktiv zu machen“, sagt Hiltrud Grimoni. Sie und ihr Mann haben schon viel getan, aber es ist wohl noch ein weiter Weg hin zu steigenden Gemeindemitgliederzahlen.

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