Aids

„Ganz normal“: Düsseldorfer erzählt über sein Leben mit HIV

Der Düsseldorfer Christian Naumann (28) geht offene mit seiner HIV-Infektion um.

Der Düsseldorfer Christian Naumann (28) geht offene mit seiner HIV-Infektion um.

Foto: Michael Gottschalk / Michael Gottschalk/Photothek via Getty Images

Düsseldorf.  Christian Naumann (28) ist schwul, Aktivist und HIV-positiv: „Mein Leben läuft ohne Einschränkungen.“ Dennoch gebe es immer noch Stigmatisierung.

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Es ist eine Diagnose, die den meisten Menschen im ersten Moment den Boden unter den Füßen wegzieht: HIV-positiv. Die Gedanken kreisen schnell um Tod, Krankheit und die Frage, wie das Leben nun weitergehen soll. Wie man weiter eine Partnerschaft führen soll.

Dabei ist die Diagnose längst kein Todesurteil mehr. Medikamente helfen den Menschen heute gut und lange mit dem Virus zu leben, das Auftreten von Aids wird so verhindert. Neben dem gesundheitlichen Aspekt geht es jedoch für die Betroffenen vor allem noch um die Akzeptanz in der Gesellschaft. Einer, der damit konfrontiert wurde, ist Christian Naumann, Aktivist, Referent und Leiter des Geschäftsstelle der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren in Köln und SPD-Mitglied aus Düsseldorf.

Unterstützung von der Aidshilfe

2013 bekam er von seiner Hausärztin gesagt: „Sie haben HIV.“ Damals war er 21 Jahre alt. „Im ersten Moment fällt man schon um. Ich war damals noch über meine Eltern privat versichert. Ich habe gedacht: Jetzt erfahren die das! Und wie sage ich das meinem Ex-Freund“, beschreibt Naumann, der offen homosexuell lebt, seine damaligen Gedanken.

Doch der junge Mann holt sich genau bei der Aidshilfe Unterstützung. „Ich war ein Jahr lang in einer Selbsthilfegruppe für junge Schwule mit HIV. Das hat mir sehr geholfen.“ Wenige Monate nach der Diagnose machte der heute 28-Jährige das erste Mal seine Infektion öffentlich. Dabei ist er sehr selbstbewusst, will Gesicht zeigen. Es fällt ihm in Gegensatz zu anderen Menschen relativ leicht.

Und er hat auch kein Problem damit, offen zu sagen, dass er Sex ohne Kondom hat. „Ich nehme meine Medikamente, jeden Tag eine Tablette. Mit dieser Therapie ist HIV nicht mehr übertragbar, ich bin nicht infektiös.“ Doch die FDP nimmt damals Anstoß. Denn Naumann klärt auch an Schulen über Homosexualität auf. Es folgt sogar eine Anfrage im Landtag. Die Folge: ein riesiger Shitstorm, Mord-Drohungen und Beleidigungen. „Das war schon alles sehr unangenehm. Danach habe ich mich nicht mehr dazu in der Öffentlichkeit geäußert.“

Wichtig Gesicht zu zeigen

Nun aber redet er wieder darüber, auch im Rahmen einer Ausstellung der Aidshilfe Köln am Kölner Hauptbahnhof (25. November bis 1. Dezember) anlässlich des Weltaidstages am 1. Dezember. Denn es sei weiterhin wichtig, Gesicht zu zeigen – und aufmerksam zu machen. Denn es gibt immer noch Stigmatisierung und Diskriminierung – vor allem im Gesundheitswesen. Naumann selbst hat dabei eine richtige Ärzte-Odyssee hinter sich. So habe ein Hals-, Nasen-, Ohrenarzt ihn aus seiner Praxis geworfen, als dieser von der HIV-Infektion erfahren hat. Auch andere Ärzte hätten ihn immer wieder abgewiesen, „dabei wollte ich nur ganz normal behandelt werden“. Ein Kieferchirurg will ihn wenn überhaupt nur als letzten Patienten behandeln, „wegen der Hygienevorschriften“.

Angstbefreites Leben

Naumann will die einsehen – und stellt fest, dass es dabei nur um „allgemeine Vorschriften geht, die jeder gute Arzt einhalten sollte“. „Darin ging es nur darum, wie man Oberflächen zu reinigen hat. Es ging gar nicht um die Infektionskrankheit HIV.“ Der selbstbewusste Naumann lässt sich das nicht gefallen, widerspricht – und der Kieferchirurg muss zurückrudern. „Ich habe aber auch positive Freunde, die nicht so selbstbewusst sind und sich viel mehr gefallen lassen.“

Die Ärztesuche hat sich jedoch mittlerweile für ihn entspannt. Glücklicherweise steht ihm neben der Aidshilfe auch seine Hausärztin zur Seite, die sich – wie er erst durch die Diagnose erfährt – sich schwerpunktmäßig mit dem Thema HIV befasst. Durch beide findet er weitere Ärzte, die ihn behandeln.

Und auch seine Tabletten helfen ihm. Seit er nicht mehr infektiös ist, lebe er „angstbefreiter“. Und, so sagt er, gebe es Krankheiten „die viel schlimmer“ sind, wie Asthma oder Diabetes. „Ich muss nur einmal am Tag meine Tablette nehmen und ansonsten geht es mir gut. Das sind Krankheiten, die viel mehr einschränken und auf das Gemüt gehen.“ Er lebe ganz normal.

Offener Umgang mit dem Thema

Neben dem gesundheitlichen Aspekt spielt jedoch der private Bereich eine große Rolle. „Es gibt niemanden, der einem offen ins Gesicht sagt: ‘Das ist scheiße.’ Sowas erfährt man meistens hintern herum. Man wird da durchaus mit vielen Vorurteilen konfrontiert.“ So hat er die Erfahrung gemacht, dass sich manche Menschen nicht mehr mit ihm treffen wollten.

Oft seien ihm auch Sprüche entgegen gebracht worden wie: Wie kann dem das passieren, der ist doch so aufgeklärt? Einige warnten Leute, mit denen er sich traf. „Das ist manchmal schon sehr abfällig.“ Dennoch geht er weiterhin sehr offen mit dem Thema um, und verschweigt es nicht. „Ich gehe da nicht in die Defensive. Ich beziehe klar Stellung und oft sind es dann die anderen, die dann doof dastehen.“

Neuinfektionen sinken durch Prophylaxe

Mit der medikamentösen Prophylaxe gegen HIV, „PrEP“, gebe es zudem einen weiteren guten Schutz. „Das wird sogar von Ärzten empfohlen und es ist ein guter Weg, sich proaktiv mit dem Thema auseinander zu setzen“. Rund zehn bis zwölf Prozent der Schwulen in Düsseldorf sind HIV-positiv, so Naumann. Seit der Einführung der PrEP sinken die Zahlen der HIV-Neudiagnosen.

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