Anti-Rechts-Schulung

Verdi lehrt, wie man gegen Stammtisch-Parolen argumentiert

Nazi-Demo in Dortmund: Meistens sind die Argumente der Rechtspopulisten allerdings doch subtiler.

Nazi-Demo in Dortmund: Meistens sind die Argumente der Rechtspopulisten allerdings doch subtiler.

Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.  Die Seminarreihe „Stammtischkämpfer*innen“ will auf die Diskussion mit Rechten vorbereiten. Doch manche Antwort ist zu einfach.

„Im Koran wird zum Töten aufgerufen“ – Vorurteil oder Tatsache?

Hemmo, 28, Verdi-Mitglied und Teilnehmer dieses Seminars gegen rechte Parolen, in dem sich alle duzen, erhebt sich aus dem Stuhlkreis, greift die Karte mit dem Koran-Spruch vom Boden, zögert und legt sie zu den Tatsachen. „In den Büchern aller Weltreligionen gibt es solche Stellen“, sagt er, aber die Aussage selbst sei faktisch korrekt.

Aber hat sie nicht einen Subtext? Im Koran wird doch überwiegend zum Frieden aufgerufen – was macht eine Aussage zur Parole?

Das diskutieren ein dutzend Verdi-Aktive an einem sonnigen Heimspielsamstag in Dortmund, so wie fast 8800 Seminar-Teilnehmer vor ihnen. Denn nach Angaben des Bündnisses „Aufstehen gegen Rechts“ findet jeden Tag in Deutschland ein „Stammtischkämpfer*innen“-Seminar statt, oft bei Gewerkschaften, aber auch getragen von Parteien, Jugend- und Migrantenverbänden. Die Menschen sollen schlagfertiger gemacht werden, wenn sie plötzlich im Sportverein, bei der Arbeit oder beim Kaffeeklatsch mit rechten Argumenten konfrontiert sind. Und der Stammtisch ist überall.

Schulungsleiter Jochen ordnet ein: „Wir beobachten bei Verdi, dass die Rechten die Betriebsratswahlen nutzen, um sich in Positionen zu bringen. Dass sie gezielt Seminare sprengen und Diskussionen verunmöglichen.“

Scheinbare Wahrheiten von zweifelhaften Internetseiten

Der ehrenamtliche Ortsvorsteher in einem sauerländischen Dorf „weiß nicht, wie ich reagieren soll“, wenn einige Jugendliche wieder Nazi-Symbole rumschicken in den WhatsApp-Gruppen, die ein Dorf so hat. Sie engagieren sich bei der Freiwilligen Feuerwehr, aber lesen nur zweifelhafte Internetseiten, sagt er, knallen ihm menschenverachtende Trump- und Putin-Aussagen wie Wahrheiten an den Kopf, und was soll er nur darauf entgegnen? „Ich bin zu einigen Veranstaltungen nicht mehr hingegangen.“

Ein Telekom-Betriebsrat sieht zunehmend aggressive Pausengespräche: „Ich muss ja arbeiten, die Asylanten kriegen Geld.“ Und für ihn noch schlimmer: „Im familiären Kreis wird auch so pauschalisiert.“ Wie soll man sich da nur verhalten – „man will ja nicht jede Kaffeerunde sprengen.“

Martin, Busfahrer und interessiert an Persönlichkeitsentwicklung, wird eine mögliche Antwort geben: „Du musst lernen, deine Familie von außen zu betrachten.“ Ich- und Du-Botschaften gelte es zu vermeiden, „Du Idiot“ etwa. Und Gewerkschaftssekretärin Sonja springt bei mit dem Beispiel eines AfD-Fans in einem Betriebsrat: „Der darf seine Meinung haben. Aber er darf die Gruppe nicht sprengen. Der Nächste bitte.“ Verdi-Mitarbeiter Thorsten setzt auf Fragen: Diese Flüchtlinge können sich ja Handys leisten. – „Aber wenn Du das Haus verlässt, was nimmst Du mit? Und warum?“

So hilft die Gruppe sich gegenseitig mehr, als dass die beiden Kursleiter systematisch Wissen vermitteln. Rhetorische Kniffe lernt man hier nur zufällig im Argumentations-Rollenspiel. „Fake-News“ zu enttarnen, ist auch für Profis schwierig. Wie man einem geschulten Parteikader begegnet, sprengt den Rahmen dieser sechs Stunden.

„Wer vorbereitet ist, kann reagieren. Wer es nicht ist, hat schon verloren“

Aber es gibt Muster an die Hand: „Wir können ja nicht alle aufnehmen.“ – „Wie kommen sie darauf, dass alle zu uns kommen wollen?“ oder „Im Vergleich zu den Kosten der Abwrackprämie sind die Kosten für Flüchtlinge doch sehr gering.“ Letzteres wäre ein Beispiel für Argumentieren mit Haltung. Darauf können sich heute alle verständigen. Das will der Ortsvorsteher mitnehmen, auch „wenn ich noch an meiner Schlagfertigkeit arbeiten muss“.

Und was ist nun mit dem Koran, der angeblich zum Töten aufruft? Hemmo sagt nach der Diskussion: „Vielleicht gehört die Karte in die Mitte zwischen Tatsache und Vorurteil.“ Heute gibt es keine einfachen Antworten – denn wären die nicht gleichsam populistisch?

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