Dortmund von unten

Tödliche Spiele in Dortmunds letztem Urwald

In einem Munitionsdepot im Niederhofer Wald in Dortmund lagerte im Zweiten Weltkrieg Munition für eine nahe Flak-Stellung. Viele Granat- und Bombensplitter stecken noch heute in den Bäumen.

Foto: WAZ FotoPool

In einem Munitionsdepot im Niederhofer Wald in Dortmund lagerte im Zweiten Weltkrieg Munition für eine nahe Flak-Stellung. Viele Granat- und Bombensplitter stecken noch heute in den Bäumen. Foto: WAZ FotoPool

Dortmund.  Im Dortmunder Süden befindet sich der letzte Urwald der Stadt — der östliche Teil des Niederhofer Holzes hebt sich deutlich von anderen Wäldern im Stadtgebiet ab. Ein Grund für die Urwüchsigkeit des Gehölzes lag unter der Erde und kostete sogar einige Kinder das Leben.

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Wer mit offenen Augen für die Natur durch das Niederhofer Holz im Süden der Stadt schlendert, merkt vielleicht, dass ein Teil des kleinen Waldes irgendwie anders, urwüchsiger aussieht als andere Dortmunder Gehölze. In der Tat ist das Niederhofer Holz der letzte Urwald auf Dortmunder Stadtgebiet.

Im östlichen Teil des Waldes säumen alte, niedrige Gemäuer die Wege. Es sind die Reste eines Munitions-Depots aus dem Zweiten Weltkrieg. Hier lagerten die Granaten für die Flak-Stellung, die sich während des Krieges ungefähr dort befand, wo heute die Erweiterung des städtischen Friedhofs in Dortmund-Wellinghofen liegt.

Die Gegend um die Brücherhofstraße war damals noch weitgehend unbesiedelt. "Das war alles Feld", erinnert sich der Hörder Willi Garth. Und auf diesem Feld stand die Flak, die Munition lagerte versteckt im Wald, wenige hundert Meter entfernt.

Bombentrichter und Bergbau-Pingen

Die Alliierten müssen das gewusst haben, denn der Waldboden ist übersät mit Bombentrichtern. Wobei nicht jede runde Mulde im Waldboden Zeuge eines Bombeneinschlags ist. Denn ganz so urwüchsig ist das Niederhofer Holz dann doch nicht, obwohl dort naturnahe Bewirtschaftung erfolgt und das Waldgebiet in Zukunft sogar in weiten Teilen komplett sich selbst überlassen bleiben soll.

Richtung Niederhofer Bach haben die alten Zechen Nicolaus I. und Eisenfeld zahlreiche Pingen (Einbruchtrichter) und Halden hinterlassen, die teils für die wellige Beschaffenheit des Terrains verantwortlich sind. Die beiden Zechen förderten zwischen 1840 und 1861 Steinkohle und Eisenstein, ein phosphorhaltiges Gemisch aus Eisenerz und Stein.

Die Überreste der Zeche Nicolaus I. wurden von dem Munitionsdepot überbaut und sind somit verschwunden. Nach dem Krieg sprengten die Alliierten die in den unterirdischen Bunkern gelagerte Munition. Heute stehen nur noch die Mauerreste von etwa 15 Depots.

Der Sprengung der gelagerten Geschosse hat das Niederhofer Holz sein heutiges Aussehen zu verdanken. Denn die Explosion schleuderte Granatsplitter in die Stämme der im Umkreis wachsenden Bäume, betroffen ist ein Areal von ungefähr zehn Hektar Größe. Die so gespickten Gewächse lassen sich jedoch kaum wirtschaftlich nutzen. "Wir haben schon handtellergroße Stücke in Baumstämmen gefunden", sagt Erwin Fischer, Leiter des Forstbetriebs der Stadt Dortmund.

Bombensplitter im Sägewerk kann tödliche Folgen haben

"Wenn ein solches Teil in ein Sägewerk gerät, kann das tödlich enden", erklärt der Förster. Darum werden alle Bäume, die im Niederhofer Holz gefällt werden, mit Metalldetektoren auf Splitter untersucht. Keine ungefährliche Arbeit, denn die Bruchstücke sind zum Teil scharf wie Rasiermesser.

Insbesondere bei Buchen besteht die Gefahr, dass beim Sägen Metallsplitter erwischt werden, da bei dieser Baumart die durch die Einschlüsse verursachten Narben kaum zu sehen sind. "Dann ist die Kettensäge sofort stumpf", erklärt Fischer und präsentiert ein Stück von einem Artilleriegeschoss. Darauf verläuft gut sichtbar die Spur einer Kettensäge.

Herumliegende Geschosse kosteten Kinder das Leben 

Heute stellen die scharfkantigen Bomben- und Granatsplitter nur bei Baumfällarbeiten eine Gefahr dar. Unmittelbar nach dem Krieg war das Waldstück ein gefährlicher, aber reizvoller Spielplatz für die Kinder aus der Umgebung.

Willi Garth erinnert sich, dass er als Kind oft in dem Wald gespielt hat. "Was wir damals gemacht haben, darf man eigentlich niemandem erzählen", sagt der Hörder Heimatforscher. Die Überbleibsel des Krieges übten eine magische Anziehungskraft auf die Kinder aus — "Es gab ja keine Verbote".

"In den Bombentrichtern haben wir Splitter gefunden", erinnert sich Garth. Noch gefährlicher seien jedoch die Reste der in dem Munitionsdepot verstauten Geschosse gewesen. "Da lagen Pulverstangen aus Flak-Granaten", so Garth. Die Kinder zündeten die Stangen an einem Ende an, während sie mit dem Fuß auf das andere Ende traten. "Das hörte sich an wie ein Silvesterheuler", erinnert sich der 75-Jährige an die gefährlichen Spiele und fügt hinzu: "Das war lebensgefährlich!"

Das kann auch Werner Steinkühler bestätigen. "Als Kind sind wir durch das Depot gegangen, da riefen die Soldaten schon immer, wir sollten weggehen, weil da Blindgänger lagen", so Steinkühler. "Wir haben die großen Flak-Granaten unterm Arm geschleppt. Da kamen dann lange Pulverstangen raus. Das war natürlich sehr gefährlich. Unfassbar, was wir damals für einen Scheiß gemacht haben", blickt der 77-Jährige zurück und erinnert sich an das tragische Unglück eines Spielkameraden.

Junge von Phosphorstangen verbrannt

"Der wollte mit Streichhölzern in den Wald. Meine Oma kam dahinter und gab mir Stubenarrest." Das war Steinkühlers Glück, denn: "Später kam mein Spielkamerad aus dem Wald zurück – ganz schwarz. Der hat noch vier oder sechs Wochen gelebt.

Er hatte sich Phosphorstangen in die Jacke gesteckt. Das brannte alles ein und man kann das ja nicht löschen. Der ist blind geworden und dann gestorben", schildert der ehemalige Hoesch-Angestellte.

Doch der Unsinn im Wald ging weiter. "Diese langen Pulverstangen knallten wie ein Karabiner. Dann gab es noch kleinere, die heulten wie ein Silvester-Heuler. Im Wald wurde auch Munition verbrannt. In der Schule haben dann einige angegeben und stolz die Brandblasen an ihren Armen gezeigt", so Steinkühler.

"Schrecklich, was wir damals gemacht haben"

Dem Senior ist auch ein anderer tragischer Fall in lebhafter Erinnerung: "Ein Junge hier aus der Nähe hatte mit einer Handgranate gespielt und sich schwer verletzt. Der ist kurz danach auch daran gestorben. Hinter Haus Überacker lagen Panzerfaust und Panzerschreck.

So ein Ding hat ein Junge über eine Mauer geworfen. Das ist dann explodiert und hat die Schaufensterscheiben zerstört. Dabei ist dann auch noch ein kleiner Junge gestorben. Der hatte den ganzen Leib aufgerissen. Schrecklich, was wir damals gemacht haben."

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