Dortmund von unten

1900 Kilometer Kanalisation unter Dortmund

Ein Ausflug in die dunkle Welt der Kanalisation unter Dortmund. Unter der Seydlitzstraße in Hörde verläuft ein Rohr mit etwa zwei Metern Durchmesser.

Foto: Stefan Reinke

Ein Ausflug in die dunkle Welt der Kanalisation unter Dortmund. Unter der Seydlitzstraße in Hörde verläuft ein Rohr mit etwa zwei Metern Durchmesser. Foto: Stefan Reinke

Dortmund.  Jeder der knapp 580.000 Dortmunder nutzt sie täglich. Beim Toilettengang, beim Händewaschen, Spülen oder Kaffee-ins-Waschbecken-kippen: die Kanalisation. Rund 1900 Kilometer messen die unterirdischen Rohre, die das Abwasser der ganzen Stadt aufnehmen.

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Wann immer ein Dortmunder die Klospülung betätigt, den Wasserhahn aufdreht oder etwas ins Waschbecken kippt, führt der Weg des Wassers nach unten in das Dortmunder Kanalnetz. Auch jeder Regenguss, der über dem Stadtgebiet niedergeht, füllt das unterirdische System - außer der Regen landet in einem der zahlreichen Bäche. Rund 1900 Kilometer lang sind die unterirdischen Rohre, die Dortmunds Dreckwasser zu den Kläranlagen führen.

Dunkel, schmutzig und widerlich stinkig muss es da unten sein, denkt sich der Oberflächenbewohner. Dunkel ist es in der Tat. Wer in die Kanalisation hinabsteigt, ist ohne Licht völlig aufgeschmissen. Schon nach wenigen Metern verschwindet alles in der Dunkelheit. Schmutzig ist es natürlich. Fäkalien schwimmen an der Wasseroberfläche, Fetzen von Klopapier wabern durch die trübe Brühe. Nein, kein Platz für eine Mittagspause. Aber stinkig? "Es geht", meldet die mit Vorurteilen belastete Nase beim ersten zaghaften Atemzug. Es riecht "nur" nach feuchtem Keller, nicht nach Fäkalien.

Unten lauern tödliche Gase

"Wenn es stinkt, haben wir ein Problem", sagt Uwe Paluszak, Leiter des Abwasserbetriebs der Stadt Dortmund. Denn dann könne das Wasser nicht so fließen, wie es das eigentlich soll. Dann entstehen gefährliche Gase im Kanal: Kohlendiokid, Methan oder Schwefelwasserstoff. "Der riecht nach faulen Eiern", weiß Paluszak. Doch richtig gefährlich werde es erst, wenn das tödliche Gas nicht mehr zu riechen sei. Denn schon in geringer Konzentration lähmt Schwefelwasserstoff die Geruchsnerven.

Daher schnüffelt vor dem Abstieg in den Kanal eine elektronische Nase, ob die Luft rein ist. Das Warngerät tragen die Kanalarbeiter immer am Mann. Genauso wie eine Sauerstoffflasche. Ohne das schwere Marschgepäck steigt niemand in die Unterwelt. Denn hier unten sind die Arbeiter auf sich allein gestellt, müssen sich im Notfall selbst zu helfen wissen. "Die Kollegen müssen genau so fit sein wie Feuerwehrleute", erklärt Paluszak. Denn in den acht Minuten, die die Feuerwehr in der Regel zum Einsatzort benötigt, kann es unter Tage schon zu spät sein. "Außerdem kennen wir uns hier unten besser aus als die Feuerwehr", sagt Kanalarbeiter Paul Michna.

Steile Wasserrutsche in die Unterwelt

Schon der Einstieg in die Welt unterm Gully ist risikoreich. Auf der Seydlitzstraße in Dortmund-Hörde haben Michna und sein Kollege Michael Kenschke bereits den Kanaldeckel und das darunter hängende Auffangsieb zur Seite geräumt. Die elektronische Nase hat geschnüffelt, der Weg nach unten ist frei. In voller Montur geht es runter in Dortmunds Unterwelt. Ein Haken gibt Halt, während die Füße mit den schweren und mit Stahlkappen bewehrten Gummistiefeln auf den schmalen Sprossen Halt suchen.

Etwa drei Meter weiter unten wartet das Ziel: ein kleiner Betonvorsprung, gerade groß genug für zwei Mal Schuhgröße 44. Direkt daneben fließt ein stetiges Rinnsal Schmutzwasser in einem einladenden Bogen nach unten. Wohin, ist nicht zu sehen - da unten ist es stockdunkel. "Vorsicht!", mahnt der erfahrene Michna. Bloß nicht den Halt verlieren, denn ein Fehltritt reicht und schon endet der Ausflug mit einer rasanten Rutschpartie in die Kanalisation. Lieber die Treppe nehmen. Michna gibt Tipps, leuchtet mit einer Lampe nach rechts auf einen fleckigen Handlauf aus Metall - sieht aus wie Bakterien- oder Schimmelkulturen, sind aber Kalkablagerungen, beruhigt Paluszak, um im nächsten Satz hinzuzufügen: "Natürlich ist hier alles kontaminiert." Darum dürften Arbeiter selbst mit kleinen Schnittverletzungen auch nicht nach unten. Zu groß ist das Risiko, dass trotz dicker Schutzhandschuhe Bakterien in den Körper gelangen.

Bei Platzregen fließt ein reißender Strom durch die Kanalisation 

Tastend geht es über die steile Treppe hinab. Knapp 20 Stufen weiter unten fließen Hördes Abwässer als überraschend schneller Strom in westliche Richtung. Die graue Brühe reicht bis gut über die Knöchel. Nach einem plötzlichen Sommerregen schwillt der Bach zu einem reißenden Strom an. Dann kann hier unten niemand arbeiten. Dabei wäre es gar nicht schlecht, wenn grundsätzlich mehr Wasser durch die Kanäle flösse. "Ein langsamer Wasserfluss führt zu mehr Ablagerungen und zu einem höheren Reinigungsaufwand", erklärt Paluszak. Dennoch sei es wichtig und richtig, mit Wasser sparsam umzugehen und sauberes Wasser nicht gedankenlos in die Kanalisation fließen zu lassen, wo es sofort kontaminiert wird. Die abnehmende Menge an Abwasser wird vielleicht in Zukunft zur Verwendung anderer Materialien führen, schätzt Paluszak. Kunststoffe seien weniger pflegeintensiv und verschmutzten nicht so schnell wie Beton.

Aus den Betonwänden unter der Seydlitzstraße ragen Zuflussrohre von den umstehenden Häusern. Ab und an kommt eine größere Ladung in den Abwasserbach geschossen. Das Gewölbe ist fast hallenartig. Richtung Westen setzt sich der Kanal als Rohr mit etwa 1,80 Metern Durchmesser fort. Richtung Osten ist der Kanal deutlich niedriger - wegen der U-Bahn, unter der das Wasser fließt.

Mächtige Infrastruktur unter der Erde

An der Oberfläche rechnet wohl niemand damit, dass es unter Tage so hohe Räume gibt. Dabei ist die unterirdische Infrastruktur sehr mächtig. Bis zu 4,20 Meter Durchmesser haben die Rohre. Einige wiederum sind so klein, dass die Arbeiter nur gebückt hindurch passen - "eine Knochenarbeit", weiß Michna mit seinen 30 Jahren Berufserfahrung.

"Die Kanalisation ist das größte Vermögen der Stadt Dortmund" erklärt Uwe Paluszak nicht ohne Stolz. 800 Millionen Euro seien all die Rohre, Röhren und Tunnel wert, die die Stadt unter dem gesamten Gebiet durchziehen. Ein über 130 Jahre gewachsenes Wirrwarr. Der Wiederbeschaffungswert betrage 1,5 Milliarden Euro rechnet der 54-Jährige vor. Darum sei es auch nicht leicht, das Abwassernetz zu privatisieren. Ein Investor müsste eine ganze Menge Geld mitbringen. Rund 100 Millionen Euro nimmt die Stadt über die Abwassergebühren ein. Von dem Geld müsse die Kommune wiederum einen erheblichen Teil an die drei Verbände Ruhr-Verband, Emscher-Genossenschaft und Lippe-Verband zahlen. Die Verbände betreiben die Kläranlagen. Der Unterhalt des Kanalnetzes verschlingt laut Paluszak rund 20 Millionen Euro im Jahr. "Bei der Summe müsste das Netz 200 Jahre halten, tut sie aber nicht", deutet der Leiter des Abwasserbetriebs an, dass die Stadt seiner Arbeit ruhig ein paar Euro mehr spendieren könnte.

Denn die Arbeiten, die unter Tage anfallen, sind vielfältig, hauptsächlich aber Reparaturarbeiten. Insbesondere im Frühjahr, wenn das Erdreich weich werde, komme es häufig zu Tagesbrüchen, erklärt Paul Michna. Speziell in den sandigen Böden des Dortmunder Nordens komme es häufiger zu Unterspülungen. Dann sacken Rohre ab, plötzlich kann das Wasser nicht mehr abfließen. Manche Kanäle stürzen sogar ein. Dann muss schnell gehandelt werden, da der Abwasserpegel schnell steigen kann, sobald eine Leitung verstopft ist. "Jede Menge toter Ratten sind mir schon entgegengekommen", erinnert sich Michna.

Ratten nutzen Kanalisation als U-Bahn

Apropos Ratten: Unter der Seydlitzstraße sind keine zu sehen. Dabei gilt die Kanalisation doch als Nager-Paradies. "Die Ratten nutzen die Kanalisation als U-Bahn", klärt Michna auf. Dort, wo wenig Wasser fließe, hielten sich mehr Ratten auf. Schwimmen würden die Tiere nur, wenn sie wirklich müssten. Für die pragmatischen Ratten sind die unterirdischen Rohre schlicht der kürzeste und sicherste Weg, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Außerdem können die intelligenten Tiere an dem, was so an der Wasseroberfläche treibt, erkennen, wo es Nahrungsquellen gibt. Schuld sind die Menschen, die ihr Essen gerne im Gully verklappen. So manche Schachtel Pommes landet im Gully, und so lernen die Ratten, wo es im Stadtgebiet viele Imbissbuden oder Restaurants gibt. Dort gibt es dann auch mehr Ratten in der Kanalisation. Oder im Dortmunder Süden, dort allerdings, weil viele Gartenbesitzer Essensreste auf ihre Komposthaufen werfen. "Das ist für die Tiere ein gedeckter Tisch", so Michna. "Aber die Leute sind auch selbst schuld, wenn sie Essensreste einfach ins Klo schütten", klagt er.

Das beste Mittel gegen Ratten in der Kanalisation sei ein ordentlicher Regenguss. Dann würden die Tiere schnell ertrinken. Doch das reicht nicht. Gut 100.000 Euro gibt die Stadt im Jahr für die Bekämpfung der Untergrund-Ratten aus.

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