Quartiersbüro am Borsigplatz

Stadt verhindert Stadt-kritische Kunst-Ausstellung

Barbara Meisner vor dem Quartiersbüro am Borsigplatz, in dem sie ihre Stadt-kritische Ausstellung eröffnen wollte.

Barbara Meisner vor dem Quartiersbüro am Borsigplatz, in dem sie ihre Stadt-kritische Ausstellung eröffnen wollte.

Foto: Dieter Menne

Dortmund.  Diese Künstlerin ist frech. Barbara Meisner wollte am Freitagabend im Quartiersbüro am Borsigplatz eine Ausstellung über die Nordstadt eröffnen. Darin äußert sie sich kritisch über den Zustand der Nordstadt und die Arbeit der Stadt. Doch die Stadt stoppte die Eröffnung.

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Einen Tag vor Eröffnung entschied die Stadt: Die Ausstellung muss verschoben, der Inhalt erst juristisch überprüft werden. "Wir müssen unsere Mitarbeiter vor solchen unangemessenen Anschuldigungen schützen." Diese Begründung führte Stadtsprecher Thomas Kampmann am Freitagmittag als Grund für die Absage der Ausstellungs-Eröffnung an.

Grund für die hektische Reaktion der Stadt sinddie Briefe, die Meisner seit August 2012 etwa wöchentlich an OB Sierau geschrieben hat und die sie in der Ausstellung am Rande zeigen wollte - denn hauptsächlich sollten dort Plastiken zu sehen sein. Häuser, dieMeisnergebastelt hat aus Müll, den sie in den Straßen der Nordstadt gesammelt hat. Die Briefe wollte Meisner als inhaltliche Ergänzung dazustellen.

Erster Brief an Sierau: "Was mich schockiert und nervt"

Im Juli zog die freischaffende Künstlerin und Grafikerin Barbara Meisner in die Nordstadt. Was sie dort sah, verschlug ihr den Atem. In einem ersten Brief an OB Sierau im August schrieb sie,der Schulweg mit ihrem neunjährigen Sohn sei"eine Belastung, sieht man doch tatsächlich offenen Drogenhandel, verwahrloste Menschen mit Flaschen und Kippen in der Hand, dreckige Straßen, kurz ein Bild, was mich schockiert und nervt."

Im Brief heißt es weiter: "Warum hat sich die Politik nicht darum gekümmert, dass es in Dortmund zu keiner derartigem Stadtviertel-Ghettoisierung kommen konnte? Warum bestimmen überwiegend arme, ungepflegte Menschen, wartende und Kerne spuckende oder Alkohol trinkende Männerrudel (...) das Straßenbild und vereinnahmen so, zumindest optisch, ein ganzes Viertel? (...) Ein andermal sah ich auf der Mallinckrodtstraße, wie ein ausländischer Mitbürger einem anderen wirklich mit der Faust ins Gesicht schlug. Oder eine deutsche (...), die am Nordmarkt wild gestikulierend und schreiend ihre Bierflasche auf den Boden haute."

Sieraus Antwort: "Es tut sich etwas!"

Ihr Fazit: "Ich bin in den westfälischen Favelas gelandet!" Und ihr Appell an Sierau: "Ich bitte Sie, gehen Sie gegen den Drogenhandel, die Prostitution und die Verwahrlosung vor, entwickeln Sie ein Wohnungs- und Stadtkonzept für die Nordstadt. (...) Ich zähle sehr auf Sie und Ihre Politik!"

Der OB antwortete mit einem Brief am 20. September, der der Redaktion vorliegt. Darin zählt Sierau die laufenden Nordstadt-Projekte auf: Schließung des Straßenstrichs, die Gesprächsrunde"Bürgerdialog Nordstadt" im Depot im Mai und eine daraus folgende "Begehung des Brunnenstraßenviertels" im August zur Sichtung der "Problemlagen", die Einsetzung eines Quartiersmanagers im Schleswiger Viertels, ein Konzept zur "Reduzierung der Problemhäuser" und einiges mehr. Sierau schließt mit der Behauptung: "Wie Sie sehen: Es tut sich etwas!"

Künstlerin Meisner: "Nur Beschwichtigung"

Die meisten Argumente des OBsind allerdings neu eingerichtete Projekt-Gruppen, konkrete Ergebnisse nennt Sierau in diesem Schreiben kaum. Für Meisner zu wenig: "Das war mir zu beschwichtigend. Ich wohne doch hier und sehe das hier jeden Tag. Da gibt es Bulgaren oder Rumänen, die in ihrer Wohnung ein offenes Feuer anzünden. Und nebenan soll eine Waldorfschule eröffnet werden. Wie soll das denn zusammengehen?"

Die Künstlerin zog Konsequenzen: Da habe sie begonnen,selbst gezielt zu recherchieren, sagt Meisner. Punkt für Punkt untersuchte siedie ArgumenteSieraus, und jeden Freitag schickte sie einen weiteren Brief an den OB, in dem sie ihm ihre Ergebnisse mitteilte. Zwischendurch auch mal einen wie am 14. September, in dem sie den Schulweg ihres Sohnes mit Fotos dokumentiert hat. Einen weiteren Brief von OB Sierau erhielt sie nicht.

"Bringt nichts für die Nordstadt!"

Doch nicht nur das Straßenbild ging ihr gegen den Strich. Auch die Arbeit der städtischen Angestellten im Quartiersbüro überzeugte sie nicht. Am 9. November schrieb sie Sierau einige Aussagen von Nordstadt-Anwohnern, die Meisner auf das Quartiersbüro angesprochen hatte.

Die Zitate sind hauptsächlich negativ: "Kosmetik, "bringt nichts für die Nordstadt außer den Mitarbeitern ihre Posten", "Gutmenschen, die hier sowieso nicht leben, also gar nicht mitreden können", oder "keine Ahnung, was die die ganze Zeit machen!" Außerdem kritisierte sie die Leistung einzelner Mitarbeiter des Quartiersmanagements, unter anderem als "weichgespült", die sie außerdem mit Namen nannte.

Stadt: "Es blieb keine Zeit für eine andere Entscheidung"

Damit habeMeisner "Datenschutz- und Persönlichkeitsverletzungen" riskiert, argumentiert nun die Stadt. Leider seien die Briefe den Mitarbeitern im Quartiersbüro erst aufgefallen, als Meisner ihre Ausstellung am Donnerstag aufbaute. Das sei eine "echte faustdicke Überraschung" gewesen, sagte Sprecher Kampmann am Freitag. Es sei schlicht keine Zeit geblieben, um anders zu reagieren.

Die Stadt entschied: Bevor die Ausstellung eröffnet werden darf, müssen diese Briefe juristisch geprüft werden. Zwar hätte die Möglichkeit bestanden, die fraglichen Passagen zu schwärzen oder einzelne Briefe erstmal nicht zu zeigen. Aber dann, argumentiert Kampmann,wäre das ein Eingriff in die künstlerische Freiheit gewesen, der sich nach juristischer Prüfung als unnötig hätte herausstellen können. Und das, sagte Kampmann, wolle die Stadt auf jeden Fall verhindern.

Meisner: "Bin zwischen belustigt und schockgefrostet"

Die Künstlerin dagegen hatte sich genau damit schon am Donnerstag einverstanden erklärt. Als derart brisant hat Meisnerihre Korrespondenz auch nie gesehen. Genau hinzusehen sei doch die Aufgabe eines Künstlers. "Aber ich will natürlich niemanden bewusst in die Pfanne hauen. Ich wollte die Missstände aufzeigen." Und dass sie die Briefe zeigen wolle, habe sie den Quartiersbüro-Mitarbeitern schon im September bei den ersten Vorgesprächen mitgeteilt. Doch niemand hätte sie nach dem Inhalt gefragt.

Als Meisner am Freitagmorgen zum Quartiersbüro kam, habe sie die Ausstellung schon komplett abgebaut und im Büro versteckt vorgefunden. "Das war auch nicht abgesprochen." Das Angebot der Stadt, nach der juristischen Prüfung die Schau zu zeigen, wird sie wohl nicht annehmen. "Ich bin so ein bisschen zwischen belustigt und schockgefrostet. So ein Ärger wegen so einer kleinen Ausstellung, da gibt es doch viel kritischere Kunst-Projekte. Ich weiß nicht, ob ichdie Schauüberhaupt noch zeigen will. Aber wenn, dann sicher nicht in einem städtischen Raum."

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