Public Viewing

So erlebten die BVB-Fans das Spiel um die Meisterschaft

Dortmund.  Wenn schon nicht ins Stadion, dann wenigstens in die Stadt. Tausende Fans fieberten in Sportsbars und Kneipen mit ihrem BVB. Ein Chronologie.

Anstoß minus drei Stunden: Gegen Mittag sind die Lokale rund um den Alten Markt in Dortmund schon gut besucht. Public Viewing gibt es nicht. Viele haben deshalb schon vor Monaten reserviert, um vor dem Bildschirm dabei zu sein, wenn Reus & Co. am letzten Spieltag um die Schale spielen. „Hätte ich nicht gedacht, dass es noch mal so spannend wird“, sagt Alex (34). Die Wirte schon. „Die Vorräte sind aufgestockt, wir sind auf alles vorbereitet“, zerstreuen sie die Sorge des schwarz-gelben Anhangs vor leergelaufenen Leitungen.

Anstoß minus 60 Minuten: Auf dem Alten Markt gibt es kaum noch einen freien Sitzplatz. „Alles voll“, heißt es aus den Lokalen. Und draußen, wo die Wirte angesichts des schönen Wetters Tische und Fernseher aufgebaut haben, geht auch nicht mehr viel. Einmal besetzte Stühle werden verteidigt, wie Sonnenliegen am Swimming-Pool auf Malle. „Alles belegt“, bescheidet Martin (43) zwei neu eintreffenden Besuchern und zieht das Mobiliar links und rechts zu sich ran. „Die Kumpels sind nur gerade Bier holen.“

Anstoß minus zehn Minuten: Die Menge kann den Anpfiff kaum noch erwarten. Zur Einstimmung wird gesungen. Deutscher Meister wird natürlich nur der BVB und selbstverständlich gilt auch an diesem Nachmittag: „You’ll Never Walk Alone.“ Die meisten geben sich nach außen realistisch, glauben aber insgeheim noch an die Sensation. „Ja, wird schwierig“, sagt Alex. „Aber vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist.“ Und Angelika hofft auf die Hilfe der Frankfurter Eintracht. „Die können die Bayern schlagen.“ Ihre Freundin Annette verrät derweil, dass sie die ganze Nacht nicht geschlafen hat. Weil sie sich sorgt, dass Frankfurt in München siegt und Dortmund gegen Gladbach verliert. „Das wäre echt das Schlimmste.“

Die Hiobs-Botschaft vom ersten Bayern-Tor kommt erst später

Anstoß: Endlich. „Ole, Ole“ schallt es über den Platz, viele Zweifel scheinen vergessen. „Jetzt geehts los.“ Leider trifft das eher auf München als auf Mönchengladbach zu.

4. Minute: Tor für den FC Bayern. Weil in Dortmund keine Sky-Konferenz gezeigt wird, dauert es ein paar Minuten, bis sich die Hiobsbotschaft herumgesprochen hat. Die Reaktion ist einhellig. „Schlechter hätte es nicht beginnen können.“

12. Minute: Gladbach stärker als von vielen Fans erwartet. Traore trifft die Latte. Das war Knapp. „Mann, Mann, Mann, was machen die denn da“, fragen sich nicht nur Martin und seine Freunde.

Das Wetter passt zum Ergebnis

27. Minute: Auf dem Platz macht das 2:0 für den FC Bayern die Runde. „Das war’s dann wohl“, sagt eine junge Frau. „Gehen wir zum gemütlichen Teil des Nachmittags über..“ Doch dann wird das Tor annulliert: Abseits. „Alles wieder drin“

42. Minute. Reus fällt im gegnerischen Strafraum, ein Chor aus tausenden von Kehlen fordert „Elfmeter“. Gibt es aber nicht. Der Chor weiß auch warum: „Betrug.“

43. Minute: Toooor für den BVB. Reus hat von der Torauslinie geflankt, Sancho den Ball ins Netz gejagt. Aber war die Kugel überhaupt noch im Spiel? Nach Ansicht der gezeigten Zeitlupe räumen die meisten BVB-Fans ein. „Nein, war Aus.“ Dann gibt es Videobeweis, der Schiri gibt das Tor, und schon hat sich die Meinung der Menge geändert. „War ganz klar vor der Torauslinie.“

Halbzeit: Leichter Applaus. Es beginnt zu tröpfeln.

46. Minute: Es tröpfelt nicht mehr, es schüttet vom Himmel. Auf dem Platz wird es leerer, in den Kneipen noch ein wenig voller.

50. Minute: Es beginnt die Zeit der großen Hoffnung. Frankfurt hat ausgeglichen. „Geht doch“, ruft Alex und glaubt: „Jetzt können wir es tatsächlich schaffen.“ Kaum hat er das gesagt, übernimmt Bayern durch Alaba wieder die Führung. Das 2:0, das Marco kurz darauf erzielt, wird dann auch bejubelt, gefeiert wird es nicht. „Nutzt ja alles nichts, so lange die Bayern nicht verlieren.“

58. Minute: Ein Stöhnen geht durch die Menge. 3:1 für die Münchener und von den Fans in Dortmund mit nicht zitierbaren Kommentaren bedacht. Allen ist klar: Es ist vorbei.

72. Minute: 4:1 durch Ribery. „Ausgerechnet der“, sagt Alex. Die ersten Besucher gehen. Was nicht nur am Spiel in Mönchengladbach liegt, das mittlerweile ein wenig vor sich hinplätschert. Auf dem Alten Markt plätschert es auch. Aber von oben. Unaufhörlich und heftig.

Das Meisterwunder bleibt aus: Enttäuschung und Stolz

78 Minute: 5:1 durch Robben. „Jetzt der auch noch“, sagt Alex und leert sein vom Regen verdünntes Bier. „Ich habe die Schnauze voll, ich haue ab.“

85. Minute: Keine Meisterschaft aber dennoch behaupten viele Fans, nicht enttäuscht zu sein. „Vize ist doch auch keine schlechte Sache“, redet sich Angelika die Saison schön. Und alle sind sich einig, dass ihr Team den Titel nicht heute verspielt hat. Für die einen war es das Derby gegen Schalke, für viele andere das Remis in Bremen.

90. Minute: Noch einmal wird der BVB besungen. Trotzig, nicht traurig. „Schade“, sagt Martin und blickt schon wieder nach vorne: „Dann eben in der nächsten Saison“

Abpfiff: Schnell hat sich der Platz geleert. Immerhin: Der Regen hat aufgehört.

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