Jochen Schrumpf

Saitensprung von den Beatles zu Jimi Hendrix

Foto: WR

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Die erste Platte ist wie die erste Liebe - nicht zu vergessen, aber auch vergänglich. „Ich hab' sie nicht mehr”, sagt Jochen Schrumpf, Leiter der Jazzakademie.

„Yellow Submarine” von den Beatles dokumentierte 1966 Schrumpfs noch kindlich geprägten Verfolgungswahn von Hitparaden-Nominierungen. Wie man so ist mit 13 Jahren. Seine musikalische Erweckung, sein Wandel vom Hörer zum Macher hatte er ein Jahr später mit dem Kauf der eigentlich für ihn wichtigeren zweiten Platte: „Axis: Bold as Love” von Jimi Hendrix. „Ich hörte die Gitarre und dachte nur: Was ist DAS denn?” Er setzte zum Saitensprung an, für ihn war klar: „Ich muss jetzt Gitarre spielen.” Sofort und immer.

42 Jahre später muss Schrumpf lächeln, wenn er an Hendrix denkt. Heute ist er selber ein Klangkörper, der jährlich 80 bis 110 Konzerte spielt, der unterrichtet, der in 14 Bands durch die Stilrichtungen Blus, Rock und Jazz mäandert. Und der die Naivität der frühen Jahre vermisst, als es nur das Spielen gab. Zig mal „Hey Joe” aufgelegt, Noten rausgehört, später festgestellt, dass nur 70 Prozent stimmten, aber es reichte: „Die Mädchen im Jugendzentrum Huckarde konntest du damit beeindrucken.”

Heute hört er analytisch, das ist wohl nicht zu verhindern, wenn man Lehrer ist. „Du verlierst was. Völlig losgelöst zu spielen, ist schwierig”, meint er, „aber es gibt auch heute noch Momente, in denen ich völlig weg bin.” Vielleicht ein, zwei mal im Jahr tragen ihn die Emotionen fort.

Über Jimi kam er auch zum Jazz. Kurz bevor Hendrix 1970 starb, hatte er mit dem kanadischen Jazzer Gil Evans vorgehabt, seine Stücke zu verjazzen. Ein Werk, das Evans wegen Hendrix frühem Ende mit anderen Gitarristen umsetzte - für Schrumpf hat's gereicht. Miles Davis und John McLaughlin wurden später zu seinen neuen Helden.

„Nicht nur hören, selber machen!”

„Ich hab Platten gehört, bis der Arzt kommt.” Seine Sammlung umfasste 1982 4000 Stück. „1983 habe ich sie verkauft.” Sein neuer Grundsatz: „Nicht nur hören, selber machen!” Also wieder spielen, spielen, spielen. Auch mit 56 Jahren hört die Bewunderung nicht auf. „Wenn ich McLaughlin höre, steh ich da wie ein kleines Kind. Der spielt in einem Parallel-Universum”. Hochemotional, hochaggressiv, „du weißt erst am Ende, wie alles zusammenpasst. Unerreichbar.”

Ist Brillanz immer das Ergebnis von Technik? „Nein, drei Akkorde reichen manchmal auch. ,A whiter shade of pale' von Annie Lennox zum Beispiel - so schlicht, da bin ich fassungslos. Aber es berührt dich.” Er schätzt auch Pop-Harmonien und wundert sich, welch schöne Melodien der Pop immer wieder hervorbringt.

Im Musik-Geschäft muss man sich um sich selber kümmern. Viele Sachen machen, auf die man keine Lust hat. Aber das Wichtigste ist: „Du musst geil aufs Spielen sein - alles Andere muss dir am Arsch vorbei gehen.” Das ist Jimis Vermächtnis. Jimi hat das gelbe Unterseeboot aus Schrumpfs Kindheit vor seine Gitarrenriffs geschleudert. Es ist abgesoffen.

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