Premiere "Ein anarchistischer Bankier"

Reichtum ist pure Anarchie

Foto: PHOTOZEPPELIN.COM

Dortmund. Der Mann, der aus dem Untergrund der Finanzwelt auftaucht, ist überzeugt, Anarchist zu sein - und das als schwerreicher Bankier. Der portugiesische Autor Fernando Pessoa hat mit „Ein anarchistischer Bankier” einen furiosen Monolog geschrieben.

Er wie eine aktuelle Reflektion auf die Krise der heutigen Gesellschaft wirkt - dabei verfasste er ihn 1922. Thorsten Schlengers Inszenierung feierte jetzt in der 18. Etage des Harenberg City-Centers Premiere. Das eigentlich als innere Reflektion angelegte Gedankenspiel hat Schlenger zu einem Dialog umgeformt, in dem Kammerschauspieler Claus Dieter Clausnitzer und Eva Maria Sommersberg als zwei gegenläufige Seiten einer Person auftreten: Sie ist die junge, nach Weltrevolution strebende Idealistin, die sein Handeln hinterfragt. Er ist der Abgeklärte, extrem Durchdachte, der solche Hitzigkeiten längst hinter sich hat.

Überraschende Logik

Das Argumentationskonstrukt, nach dem der Bankier lebt, ist von überraschender Logik: Aus der frühen Erfahrung in Anarchistengruppen hat er den Schluss gezogen, dass der wahre Anarchist nur allein agieren kann - da selbst in solch kleinen Gruppen schon neue Formen von Tyrannei entstünden. „Der Mensch ist nicht geboren, um solidarisch zu sein.” Aufgrund seiner Tyrannennatur stellt der Bankier gar in Frage, ob der Mensch per se zur Anarchie fähig ist. Sein Schluss: Jeder kann einzig sich selbst zur Freiheit verhelfen. Und da der Staat nur abgeschafft werden könne, indem man seine Fiktionen - nicht seine Repräsentanten - attackiert, findet der Bankier eine skurrile Lösung: „Ich mache mich daran, die Fiktion Geld zu bezwingen, indem ich mich bereichere.”

Wie eine Welle schwappt diese kontroverse, philosophische Betrachtung über den Zuschauer. Dass das Publikum nicht in Theorie ertrinkt, dafür sorgt Schlenger eben durch die Dialogform, die den Gedanken Struktur und Dynamik gibt. Etwas zu plakativ ist es zwar, wenn er Eva Maria Sommersberg Whisky spucken und Scheiben beschmieren lässt, um ihren Überschwang zu illustrieren. Gleichwohl gelingt mit einem Aquarium (Ausstattung Martin Beeretz) in der kühlen Ästhetik des HCC ein schöner Kommentar zu des Bankiers Weltsicht.

Dass die Inszenierung jedoch soviel nachdenklich machende Lebendigkeit hat, liegt insbesondere an den Schauspielern: Sommersberg gibt überzeugend wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch den Konterpart zu dem selbstsicheren, gewieften, wortstarken Clausnitzer. Der Kammerschauspieler kann in seiner letzten Rolle im festen Ensemble noch einmal die ganze Facette seines Könnens zeigen

Fotos: Michael Printz

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