Dortmunder Zeitzeugen

Reichspogromnacht - "Werde den Tag nie vergessen"

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Dortmund. Am Sonntag jährt sich zum 70. Mal die Reichspogromnacht. In ganz Deutschland brannten in dieser Nacht die Synagogen. Dortmunder Zeitzeugen erinnern sich.

Auch in Dortmund wurden jüdische Wohnungen und Geschäfte geplündert und zerstört, jüdische Menschen über die mit Glasscherben übersäten Straßen getrieben, verhöhnt, geschlagen und in die Steinwache gesperrt.

Wolfgang Polak erinnert sich noch genau an den 9. November 1938: „Es ist meine erste Kindheitserinnerung. Sowas vergisst man nicht”, berichtet der Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde. „Ich war vier Jahre alt, als die Nazis in unserer Haus stürmten.” Sie hätten die Wohnung verwüstet und die Sachen aus den Fenstern auf die Nordstraße geworfen. „Die Polizei stand unten und hat nur zugesehen”, so Polak. Am 10. November packte die Familie ihre Habseligkeiten und floh nach Holland. Dort tauchten sie unter und überlebten.

Lore Junge kam an dem Tag vom Bahnhof und lief zur ihrer Arbeitsstelle in der Märkischen Straße. „Überall lag Glas auf den Wegen. Stühle und Möbel”, erinnert sich die Dortmunderin Jahrgang 1923. „Ich wusste nicht, was passiert war und habe mich im Büro darüber empört.” Der Hausmeister hörte das und schnauzte das Lehrmädchen an: „Fressen Sie etwa auch die polnische Knoblauchwurst?” Ihr Chef hielt das Mädchen aus einer antifaschistischen Familie zurück, damit sie keine Probleme mit der Gestapo bekam.

Heinz Feldewerth hat die „Reichskristallnacht” als 15-Jähriger erlebt. Der Bäckerlehrling musste jeden Morgen Brötchen ausliefern. „Ich hatte auch zwei jüdische Kunden.” Doch an diesem Morgen kam ihm die Tochter eine jüdischen Gastwirts („eine nette Familie”) tränenüberströmt entgegen. „Die Leute haben die Geschäfte zerstört und die Sachen der Juden aus den Fenstern geworfen”, erinnert sich der heute 85-Jährige. „Überall lagen Kleiderberge auf der Straße. Sogar ein Klavier.” Damals habe er das nicht verstanden und niemand sprach darüber. Nur das es ihnen Recht geschehe, habe er gehört. Der jüdische Gastwirt beging Selbstmord. „Erst später habe ich das ganze Ausmaß verstanden - das hat mich für mein Leben geprägt.”

„Es ist schon so lange vorbei. Aber vergessen werd ich das nie”, berichtet auch Günter Baehr. Er war damals 12 Jahre alt. Die jüdische Familie lebte in der Münsterstraße. Die Nacht verschliefen sie im wahren Sinne des Wortes. Aber tags drauf wurde Baehrs Vater verhaftet. „Ich bin mit meiner Mutter aus Angst in den Fredenbaumpark gelaufen. Übernachtet haben wir bei einer christlichen Familie.” Am nächsten Tag kamen sie zurück. „Bei meinem Onkel in der Nordstraße war alles kaputt.” Sein Vater kam 14 Tage später aus dem KZ Sachsenhausen zurück. „Ohne Haare und Bart. Meine Mutter hatte ihn nicht erkannt und wollte ihn nicht reinlassen.”

Mit Schrecken erinnert sich der Dortmunder an die NS-Zeit. „Wenn wir aus der jüdischen Schule in der alten Kampstraße kamen, wurden wir von den Hitlerjungen bespuckt.” Auch ihre große Wohnung in der Lütgebrückstraße mussten sie räumen. Stattdessen mussten sie sich jetzt mit der Familie des Kantors eine zwei-Zimmer-Wohnung teilen. Günter Baehr hat die NS-Zeit überlebt. Er konnte fliehen. Seine Eltern wurden nach Zamocz deportiert. Für sie wurde die Reise nach Zamocz eine Reise in den Tod.

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