Stenografie

Ein Leben für die Kurzschrift

Helmut Bojahra gründete den Stenografenverein Mengede.

Foto: Klaus Pollkläsener

Helmut Bojahra gründete den Stenografenverein Mengede.

Mengede.   Verbittert ist Helmut Bojahra nicht. Der 85-Jährige blättert durch alte Kladden, fein säuberlich beschrieben. Ein großer Teil seines Lebens steckt darin. „Das ist Kurzschrift“, erläutert Bojahra. Er hat am 16. September 1952 den Mengeder Stenografenverein gegründet. Doch jetzt ist Schluss.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Verbittert ist Helmut Bojahra nicht. Der 85-Jährige blättert durch alte Kladden, fein säuberlich beschrieben. Ein großer Teil seines Lebens steckt in diesen Büchern. Wer näher hinsieht, wundert sich über die merkwürdig anmutende Schrift. „Das ist Kurzschrift“, erläutert Bojahra. Er hat am 16. September 1952 den Mengeder Stenografenverein gegründet, dessen Vorsitzender er bis zuletzt gewesen ist. Sechs Jahrzehnte lang hat der gelernte Industriekaufmann, der zuletzt Betriebsrat bei Hoesch war, die Geschicke des Vereins gelenkt. „Unser größter Erfolg“, erinnert er sich, „war der Sieg bei der Deutschen Meisterschaft in Berlin 1965.“

Das ist lange her. Lang her ist auch die Blütezeit der Mengeder Stenografen. „In den 1970er Jahren hatten wir mehr Kursteilnehmer, als morgens Schüler in den Klassenräumen waren.“ Steno-Lehrgänge mit jeweils 38 Kurzschrift-Fans: Davon kann Helmut Bojahra heute nur träumen. „Zum Schluss haben wir nicht einmal mehr einen Kurs zustande bekommen.“ Hinzu kam, dass die Mengeder Hauptschule am Markt – viele Jahre das Domizil der Stenografen – während der Renovierungsarbeiten nicht zur Verfügung stand.

Keine Verbitterung

Doch verbittert ist der Chef über das Schicksal seines Vereins nicht. Er blickt vielmehr realistisch in die Zukunft. In der Silvesternacht kam das Aus für den Stenografenverein Mengede. Schon im Mai vergangenen Jahres beschlossen die zuletzt noch 30 Mitglieder, den Verein zum Jahresende aufzulösen. Der Vorsitzende hat sich damals seiner Stimme enthalten.

Eine Tradition ist jetzt zu Ende gegangen, für die Helmut Bojahra einen großen Teil seiner Freizeit geopfert hat. Viel Dank und Anerkennung hat er deswegen erfahren. Auch der Verfasser dieser Zeilen verdankt dem Verein, dass er heute mit zehn Fingern und blind die Computer-Tastatur bearbeiten kann. Denn neben Kurzschrift hat der Verein auch Kurse im Schreibmaschinen-Schreiben angeboten.

„Mit elf Jahren habe ich einen Steno-Kurs absolviert“, sagt Bojahra. Sein Schulrektor erteilte damals in Huckarde den Steno-Unterricht außerhalb des Stundenplans. „Durch die Kurzschrift habe ich die Feinheiten der deutschen Sprache kennengelernt.“ Bis heute ist er überzeugt, dass sich durch Stenografie Sprachvermögen und Ausdrucksweise eines Menschen positiv verändern. Wer Helmut Bojahra zuhört, erkennt schnell, dass er recht hat.

Die Kurzschrift hat sein Leben geprägt – bis heute. Vier Jahre lang – von 1948 bis zur seiner Heirat 1952 – hat Bojahra bei der WR als Presse-Stenograf gearbeitet. „Montags bis freitags jeweils von 15 bis 23 Uhr.“ Und auch sonntags. Seine Frau, die vormittags berufstätig war, „ist darüber nicht so begeistert gewesen“, schmunzelt der Steno-Experte. Daher ging es von der Zeitung wieder zurück in die (Stahl-)Industrie – zu Hoesch. „Als 1958 die Fünf-Tage-Woche eingeführt wurde“, erzählt Bojahra, „habe ich den freien Samstag dazu genutzt, an der Berufsschule Kurzschrift zu unterrichten.“

Inzwischen ist er auf diesem Gebiet zum ausgewiesenen Fachmann avanciert: Zahlreiche Aufsätze in Fachpublikationen zeugen davon. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund beruft ihn in ihren Prüfungsausschuss, 1966 wird er zum Vorsitzenden für den schreibtechnischen Prüfungsteil bestellt. Kein Wunder: Innerhalb nur eines Jahres schafft Bojahra seinen persönlichen Rekord: 130 bis 280 Silben – das sind 14 Schreibmaschinen-Zeilen – in nur einer Minute zu stenografieren. 28 490 Mal hat er im Dienste der IHK bis heute eine Prüfung abgenommen. „Bis 2014 bin ich dafür noch beauftragt.“ Auch das ist wohl ein Rekord. 1991 erhält Bojahra das Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste beim Aufbau der IHK in Zwickau (Sachsen).

Immer korrekt. Immer fair. Immer unbestechlich. Auch als ein besorgter Vater, dessen Tochter bei Helmut Bojahra Steno-Unterricht nahm, einen Umschlag mit 2000 Mark einfach liegen ließ, stieß er bei dem Dozenten zwar auf Verständnis, aber auch auf Konsequenz: „Ich habe dem Mann das Geld damals zurückgegeben.“ Die Tochter rasselte zwar wegen zu vieler Fehler durch die Prüfung, bestand aber im zweiten Anlauf.

Kein Pflichtfach mehr

Solch ein gutes Ende hätte manch einer auch dem Mengeder Stenografenverein gewünscht. Doch das „Fräulein, zum Diktat bitte!“ ist längst verhallt. „Die Prüfungsrichtlinien haben sich geändert“, weiß Helmut Bojahra. „Stenografie ist nicht mehr Pflichtfach.“ Das ist vielleicht noch nicht das Ende der Kurzschrift. Aber doch das Ende der Stenografen-Ära in Mengede.

Huckarde, Kirchlinde und Brackel – all diese Steno-Vereine gibt es nicht mehr. Bojahra ist jetzt Mitglied im Stenografenverein Dortmund 1864. Seine Kinder beherrschen allesamt die Kurzschrift. Seine Enkel auch. Bis auf eine Enkeltochter. Aber die kommt vielleicht noch auf den Geschmack, wenn ihr Opa Striche, Bogen und Punkte aufs Papier zaubert.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik