Klein Korea: Leben in Parallelgesellschaft

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Eving. Das Schicksal ihrer Eltern schweißte die Freundinnen zusammen: Als Töchter Heimatloser wuchsen Danuta Jelinek, Halina Walter und ihre Freunde mit polnischen Traditionen in der Siedlung an der Preußischen Straße auf. Das war in den 50-er Jahren. ...

... Nun trafen sich die Nachbarskinder von damals wieder. Zwischen schwarz-weiß Fotos und lebendigen Erinnerungen erneuerten sie ihren Zusammenhalt. Wer als ehemaliger Zwangsarbeiter 1951 hier eine Wohnung fand, hatte eine Odyssee quer durch Deutschland hinter sich. So wie Mutter und Vater der 59-jährigen Danuta Jelinek, geborene Janik. Nationalsozialisten hatten ihre Eltern von den Straßen ihrer polnischen Heimatstädte nach Deutschland verschleppt, damit sie in Fabriken und auf Bauernhöfen arbeiteten. Als Zwangsarbeiter wurde sie schlecht behandelt. "Es war eine schlimme Zeit. Meine Mutter spricht nicht darüber." In einem Lager lernten sie einander kennen. Sie kamen in die Evinger Siedlung, die aus 28 Gebäuden besteht und als Klein Korea bekannt werden sollte. Hier lebten eine Hand voll Serben, Ukrainer, Russen und Esten. Vor allem aber Polen. "Der Ostblock ist sehr temperamentvoll", erklärt Jelinek. "Zwischen den Kulturen konnte es schon lautstark zugehen." Zeitgleich mit den Konflikten in Eving gab es in Korea Krieg - daher der Spitzname, der noch haften blieb, als die Siedler sich schon lange angefreundet hatten.

Glückliche Kindheit - fester Zusammenhalt

Wenn Jelinek und ihre Freundin Halina Walter die alten Fotos ansehen und mit strahlenden Augen von ihrer glücklichen Kindheit und Jugend erzählen, berichten sie von polnischen Traditionen, festem Zusammenhalt und wunderbaren Kinderspielen zwischen Lehmhügeln, wo die Preußische Straße entstehen sollte. Nur der Blickwinkel hat sich geändert: "Die Siedlung war eher ein Ghetto", sagt Jelinek. "Wir hatten einen eigenen polnischen Friseurladen, eine Kneipe und ein Geschäft. Integration gab es damals nicht." Dem Prinzip der Parallelgesellschaft schienen auch die Lehrer der Volksschule zu folgen: Bis zur vierten Klasse blieben die polnische Kinder in den Gruppen unter sich. Erst im fünften Jahrgang wurden sie mit deutschen Schülern gemischt. "Damals begann der Ernst des Lebens", sagt Walter und lacht. "Die Siedlung hatte einen schlechten Ruf, die Klassenkameraden durften uns nicht besuchen." Dann setzt sie lachend hinzu: "Aber aus uns allen ist etwas Anständiges geworden."

Bis zur Einschulung sprachen die in Deutschland geborenen Kinder der Aussiedler nur polnisch. Einige Eltern sträubten sich gegen die deutsche Sprache, weiß Jelinek. Auch war der Gedanke an die Rückkehr sehr lebendig. Aber wer wollte in ein kommunistisches Land zurückreisen?

Also bauten sie ihr Leben neu auf. Die Männer fanden Arbeit in Fabriken, die Frauen als Putzkräfte, Gärtnerinnen, Näherinnen. Und die Heimatlosen ließen ein Kulturleben entstehen. Besonderes Aushängeschild wurde die Volkstanztruppe Syrena, mit der sie durch Europa tourten. Die Gruppe gibt es heute noch. "Aber die Mitglieder sind nun alle Deutsche", weiß Jelinek. Ein Zeichen für die aufbrechende Parallelgesellschaft.

Die Siedlung scheint ihren wenig schmeichelhaften Spitznamen verloren zu haben, längst leben hier auch Deutsche. "Ich könnte nicht mehr einfach an einem Haus schellen, weil ich nicht weiß, wer hier noch lebt", sagt Walter, die 20 Jahre ihres Lebens hier verbrachte.

Danuta Jelinek wohnt hier noch immer. Sie möchte nicht weg. Hier ist ihr zu Hause. Die polnischen Traditionen führt sie fort. Sie pflegt den Kontakt zur Familie in Polen, zur "Heimat meiner Eltern". Kontakte gibt es auch zu den alten Freunde, die durch Mundpropaganda zum Treffen von Walter und Jelinek anreisen. "30 haben sich auf den Weg nach Eving gemacht", sagt Jelinek. Jeder mit einer eigenen Geschichte.

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