Naziverbrechen

Elf Gräber erinnern an Nazi-Grauen

Valeria Kulik und Nikita Hlopotov vom KSV Vita verlesen die Namen der elf hier begrabenen Kriegsgefallenen.

Valeria Kulik und Nikita Hlopotov vom KSV Vita verlesen die Namen der elf hier begrabenen Kriegsgefallenen.

Foto: WAZ Fotopool

Dortmund.   Am Volkstrauertag fand eine Kranzniederlegung zum Gedenken an elf russische Zwangsarbeiter, deren Gräber jetzt einen Namen erhalten, auf dem Friedhof Derne an der Nierstefeldstraße statt. Es soll erst der Anfang für weitere Grabsetzungen sein.

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Eigentlich war buchstäblich Gras über die Sache gewachsen. Das fand mit dem gestrigen Volkstrauertag ein vorläufiges Ende: Auf dem katholischen Friedhof in Dernes Nierstefeldstraße haben nach jahrelanger Recherche elf russische Zwangsarbeiter bzw. Kriegsgefangene, die auf Gneisenau für die Nazis schuften mussten und 1942 oder 1943 ums Leben kamen, Holzkreuze mit ihren Namen erhalten.

Im Feld 26 an der Rückseite zur Kleingartenanlage sind auf 85 Metern etliche Zwangsarbeiter anonym begraben, die meisten davon aus Russland. Das forderte Dmitriy Kostovarov heraus, der seit 2009 auf Identitätssuche ist und über das Internet etliche Karteikarten sichtete. Der gebürtige Kasache hatte kürzlich den gemeinnützigen Verein „Ar.kod.M“ gegründet und die gestrige Kranzniederlegung an den neuen Gräbern vor dem alten Gedenkstein „Hier ruhen unbekannte sowjetische Tote des 2. Weltkriegs“ organisiert. Dafür wurde das verschmutzte Denkmal gereinigt und das russische Konsulat eingeladen. Bestatter Strauß stiftete die Holztafeln mit den Namen.

Nazi-Problem früher und heute

In seiner Ansprache schlug zunächst Bezirksbürgermeister Rüdiger Schmidt einen Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart. Von insgesamt etwa 80 000 Zwangsarbeitern, die 1942/43 im Ruhrgebiet unter den Nazis litten, waren auch viele in Baracken und hinter Stacheldraht untergebracht. Viele von ihnen mussten in Dortmund in naheliegenden Zechen schuften und Misshandlungen seitens der SS erdulden, die auch zum Tod führen konnten. Auch wenn es sich bei den Nazis um Verbrechen „ungeheuren Ausmaßes“ gehandelt habe, geht es bei den Opfern um einzelne Menschen, betonte Schmidt. Alles Vergangenheit? Mitnichten, so Schmidt, der an die „Handvoll Verblendeter“ erinnerte, die kürzlich vor der ehemaligen Hauptschule Derne gegen die Notunterkunft für Flüchtlinge und Asyl-Suchende demonstrierte und der sich fast 400 Bürger couragiert entgegenstellten.

40 Gäste („Bei gutem Wetter wären bestimmt noch mehr gekommen“, so Kostovarov) erlebten dann, wie Valeria Kulik und Nikita Hlopotov vom Kultur-, Sport- und Freizeitverein (KSF) Vita die elf Namen und kurze Informationen zu den Nazi-Opfern vortrugen. Nachdem der katholische Pfarrer Joachim Nowak als Hausherr und Dmitriy Bobow von der russisch-orthodoxen Kirche Dortmunds die Gräber gesegnet hatten, stellten Jugendliche die Holztafeln – zum Teil mit Bildern – auf, ehe die Kränze niedergelegt wurden.

Für Kostovarov soll all dies aber nur der Anfang sein. Über die deutsche Kriegsgräberfürsorge und Dernes Kirche bemüht er sich um ein neues Denkmal für alle Verstorbenen. Zudem hat er auf 49 Friedhöfen in der Umgebung, 13 davon in Dortmund, russische Kriegs-Grabstellen ausgemacht. Auf dem Hauptfriedhof in Wambel etwa fehlen von 4985 bestatten Kriegsgefangenen noch etwa 500 Namen.

Was Rüdiger Schmidt an Bertolt Brechts Zitat erinnerte: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“

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