Antisemitismus

„Jude“ grassiert als Schimpfwort an Dortmunder Schulen

Polizistinnen vor der jüdischen Gemeinde an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße in der Dortmunder Innenstadt: Die Polizei kontrolliert das Umfeld von Synagoge, Kindergarten und anderen Gebäuden der Gemeinde, für die dieses Bild zum Alltag gehört.

Foto: Peter Bandermann

Polizistinnen vor der jüdischen Gemeinde an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße in der Dortmunder Innenstadt: Die Polizei kontrolliert das Umfeld von Synagoge, Kindergarten und anderen Gebäuden der Gemeinde, für die dieses Bild zum Alltag gehört. Foto: Peter Bandermann

Dortmund.  Mit wachsendem Antisemitismus muss sich die jüdische Gemeinde in Dortmund auseinandersetzen. An Schulen wird "Du Jude" als Schimpfwort verwendet.

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Die jüdische Gemeinde in Dortmund spürt einen wachsenden Antisemitismus und fordert eine Debatte über Respekt in der Gesellschaft. Das Problem existiert auch an Schulen: Jugendliche verwenden „Du Jude“ als Schimpfwort, um Mitschüler herabzusetzen.

Dortmund am vergangenen Wochenende: Beschädigte Figuren jüdischer Spieler vor dem Fußballmuseum am Königswall. Ein Foto der 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen gestorbenen Jüdin Anne Frank auf einem Aufkleber mit Schalke-Emblem, der im BVB-Umfeld aufgetaucht ist. Dazu der ständige Hass auf Juden in Kommentarspalten im Internet. Verunsichert und besorgt beobachtet die jüdische Gemeinde in Dortmund einen größer werdenden Antisemitismus.

„Es ist höchste Zeit, dass wir uns aktiver mit diesen Problemen beschäftigen“, sagte der Rabbiner Baruch Babaev am Donnerstag auf einem „Netzwerktreffen gegen Antisemitismus“. Eingeladen hatten dazu die Amadeu-Antonio-Stiftung und das Anne-Frank-Zentrum aus Berlin. Mehrere Dortmunder Organisationen nahmen daran teil.

Existenzrecht Israels wird in Zweifel gezogen

Antisemitismus werde in Deutschland „offener und aggressiver“ ausgelebt und sei auf Umwegen über einseitige Kritik an Israel in der Mitte der Gesellschaft angekommen, berichtet die Stiftung in ihrem „Lagebild Antisemitismus 2016/2017“. Die Kritik geht so weit, dass das Existenzrecht Israels in Zweifel gezogen wird. Irritiert hat die jüdische Gemeinde zur Kenntnis genommen, dass die Auslandsgesellschaft einem Redner mit israel-feindlichen Positionen Räume zur Verfügung gestellt habe.

Der Sozialwissenschaftler Jan Riebe von der Amadeu-Antonio-Stiftung berichtete auch vom selbstbewussten Auftreten der Rechtsextremisten. „Ungehemmt“ werde der Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten (Holocaust) geleugnet. Die Angst vor Strafverfolgung sei abgelegt. Gedenkveranstaltungen für die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Dortmund wie am 9. November am Mahnmal in Dorstfeld werden seit Jahren von Neonazis gestört.

Im Bewusstsein vieler Menschen wird Antisemitismus nicht wahrgenommen

Zwi Rappoport vom Vorstand der jüdischen Gemeinde vermisst eine öffentliche Debatte, die nicht allein eine Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft sei. „Die Zivilgesellschaft muss insgesamt unsere demokratischen Rechte schützen. Aber es fehlt oft an Empathie und Interesse. Da ist auch eine große Geschichtslosigkeit festzustellen“, sagte er. Desinteresse in Dortmund?

Zwi Rappoport erklärt: „Im interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen werden wir sehr ernstgenommen. Auch beim Oberbürgermeister und dem Polizeipräsidenten finden wir volle Unterstützung. Aber im Bewusstsein vieler Menschen wird Antisemitismus nicht wahrgenommen.“ Mit der Zuwanderung aus arabischen Ländern sei der Antisemitismus weiter gestiegen.

Schüler hören „Du Jude“ als Schimpfwort

Max Kolbasner vom Studentenverband der jüdischen Gemeinde berichtete auf dem Treffen vom Alltag jüdischer Kinder, die antisemitischen Ressentiments ausgesetzt seien und „Du Jude“ als Schimpfwort ertragen müssten. Er schilderte einen Fall an einem Gymnasium, an dem Lehrer nach judenfeindlichen Äußerungen „das Problem heruntergespielt“ hätten.

Max Kolbasner: „So etwas macht den Kindern Angst. Sie schalten auf stumm, wenn ihnen in der Schule nicht geholfen wird.“ In einem Fall habe ein Gymnasium erst nach Intervention der jüdischen Gemeinde reagiert.

Auch solche Ereignisse führten dazu, dass einige Familien sich nicht mehr trauten, sich als Juden zu erkennen zu geben. Rabbiner Babaev: „Einige Familien ziehen in Erwägung, nach Israel auszuwandern. Ich frage mich, wohin das führen soll, denn Dortmund ist unsere Heimat.“

Kinder spüren den Judenhass

Die Notwendigkeit der Polizeikontrollen vor der Gemeinde in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße und dem Kindergarten hinterließen bei Kindern ihre Wirkung. Zwi Rappoport: „Was denken und fühlen Kinder, die mit Polizeischutz aufwachsen? Unbewusst übertragen Eltern ihre Angst auf sie. Kinder spüren: Es gibt Leute, die mich hassen.“

Vielen sei nicht bewusst, wie sich der Antisemitismus für Kinder und Jugendliche anfühle. Max Kolbasner: „Solange ,Du Jude‘ als Schimpfwort an den Schulen benutzt wird, läuft etwas falsch. Eine gute Aufklärungsarbeit kann helfen, das zu unterbinden.“ Gemeinde-Geschäftsführer Leonid Chraga sagte, dass „Du Jude“ inzwischen ein „Standard-Schimpfwort“ sei. Teilnehmer des Netzwerktreffens in den Räumen der jüdischen Gemeinde wollen beraten, wie das Problem in Schulen angegangen werden kann.

Dazu Dortmunds Schuldezernentin Daniela Schneckenburger auf Anfrage der Redaktion: „Lernen in Dortmund bedeutet auch: Lernen für eine offene und tolerante Gesellschaft. Dazu gehört die beständige Auseinandersetzung mit den Ursachen des Antisemitismus und mit der Verantwortung für den Holocaust. Antisemitismus darf auf Dortmunder Schulhöfen keinen Platz haben, egal von wem.“

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