Oper

Intendant Herzog inszeniert in Dortmund zum Abschied Nabucco

Militärjunta unter Beschuss: Nabucco (Sangmin Lee, Mitte) hat’s erwischt. Tochter Fenena (Almerija Delic) ist in Sorge.

Militärjunta unter Beschuss: Nabucco (Sangmin Lee, Mitte) hat’s erwischt. Tochter Fenena (Almerija Delic) ist in Sorge.

Foto: thomas m. jauk

Dortmund.   Intendant Jens-Daniel Herzog verlässt Dortmunds Oper. Zum Abschied inszenierte er „Nabucco“, es gab Samstag Jubel und Buh-Rufe.

An wen werden wir uns mit dem scheidenden Dortmunder Opernintendanten erinnern? Zumindest an einen, der sich bis zum Schluss seiner sieben Jahre treu geblieben ist. Jens-Daniel Herzog geht. Sein letztes Stück ist Verdis erster Erfolg: „Nabucco“. Ein echter Herzog – straff durcherzählter Politkrimi, kompromisslos auch in seinen Zumutungen.

Hoffnung ist Herzog kein Prinzip. Bei Verdi gibt es am Ende eine märchenhafte Erlösung: Nabucco, der grausame Babylonier, wird bekehrt. Die geknechten Juden sind frei. Doch die Fallhöhe der Grausamkeiten, auf die Herzogs Deutung es anlegt , lässt keine Erlösung zu. Der Sieg des Guten ist in Dortmund nur noch der Fieberwahn des todgeweihten Titelhelden über das Leichenmeer hinweg. Eine MP-Garbe hat die Unterjochten vernichtet. Längst wussten sie, dass ihr Gefangenenchor ein Abschiedsgesang ist. Er gibt diesem Protokoll der Auslöschung den Takt. Man hört es dem Dortmunder Chor an: So fragil, so gefährdet in zarter Zuversicht hört man den Ohrwurm jener Oper, die Verdi den Durchbruch schenkte, selten.

Intendant Jens-Daniel Herzog verlässt Dortmunds Oper. Zum Abschied inszenierte er „Nabucco“

Dieser „Nabucco“ lässt Markenzeichen des Intendanten Revue passieren. Wieder einmal sucht Herzog im Alten die Sprungfeder ins 20. Jahrhundert: zu Junta, Gotteskriegern, Bürokratie als Eskorte kalten Terrors, Folterlust im Spiegel von Allmachtsgier. Die konkrete Übertragung (hier in die 1970er, durch die Mathis Neidharts brüchige Machtkulisse fortwährend rotiert) bedeutet erzählerische Entschiedenheit, aber auch Verkleinerung des symbolsatten Stoffes.

Herzogs Verdienst: Seine Arbeit, die nach einer Party im Reich der Schlaghosen mehr und mehr filmreife Spannung gewinnt, nimmt der Story vielfach das Banale. Zu genau darf man diese Dreiecksgeschichte samt Gift und Dolch nicht betrachten, sie ist der reine Lore-Roman. Ismaele, jüdischer Hochadel, liebt Feindesbrut: Nabuccos Tochter Fenena. Deren Schwester schwärmt ihn auch an, dabei ist sie eigentlich adoptierte Sklavin, vernichtet aber ihren Taufschein...

Scharf gezeichnete Charaktere prägen die neue Deutung des „Nabucco“ an Dortmunds Oper

Den scharf gezeichneten Charakteren, die Herzogs Regie der Kolportage entgegensetzt, entzieht man sich nicht so leicht. Er darf auf gute bis sehr gute Sänger als Menschenbildner bauen. Ein Ereignis: Sangmin Lees Nabucco. Den Abstieg vom Tyrannen-Glanz zum Elend eines isolierten Diktators singt er mit dem Belcanto eleganter Melancholie, ein großer Bariton, eher schön als abgründig in der Färbung. Wenn die Armee - glänzend choreografiert! - Nabucco als Idioten im Rollstuhl vorführt, während der sich neu im Regenten-Sattel wähnt, verspürt man nachgerade Mitleid mit diesem Monster.

Mitleid mit einem Monster kann man haben, so elend ist hier das Ende des Babyloniers Nabucco

Abigaille, sein Teufel von Tochter (was die Dämonisierung weiblichen Autonomiestrebens betrifft, ist diese Oper nicht sonderlich frauenbewegt) ist Gabrielle Mouhlen. Kein Fanfaren-Sopran, aber eine die scharfen Klang-Facettenmörderischen Ehrgeizes fein ausformende und darstellerisch packende Sängerin. Die wunderbare Almerija Delic aktiviert ihre wärmsten, anrührendsten Mezzo-Farben, das Opfertierchen Fenena zu porträtieren. Sie alle brauchen viel Kraft: Verdi führt einen wütende Orchesterarmee ins Feld, die alles andere als sängerfreundlich ist. Umso mehr darf man staunen, wie Motonori Kobayashi – Dortmunds aktuell bester Operndirigent – dem apokalyptischen Blechgewittern die plumpe Rhetorik nimmt. Mit Dortmunds sehr geschmeidig agierenden Philharmonikern zähmt er Verdis großen Theaterdonner - und adelt so das lärmige Frühwerk. Viel Jubel am Ende, ein rechtes Buh-Getose aber gegen Herzog. Er schickt einen Kuss in den Saal. Ob er mehr ist als ein Lippen-Bekenntnis?

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Nabucco, Oper Dortmund, ca. 2 ¾ Stunden, eine Pause: Karten (ab 15€) 0231-50 27222


Nächste Termine: 18., 22. 25. März, 11., 15., 20., 28. April


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