Ausgerüstet mit Kamera

Der Planespotter Sascha Kamrau jagt Flugzeuge

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Sascha Kamrau will möglichst viele Flugzeuge vor die Linse bekommen. Diese Maschine, eine Lockheed Tristar, ist aber in das Bild hineinmontiert worden. Es handelte sich um die letzte aktive zivile Maschine dieses Typs.

Sascha Kamrau will möglichst viele Flugzeuge vor die Linse bekommen. Diese Maschine, eine Lockheed Tristar, ist aber in das Bild hineinmontiert worden. Es handelte sich um die letzte aktive zivile Maschine dieses Typs.

Dortmund.  Man muss sich das mal vorstellen. Da kommt jemand in ein Reisebüro und sagt: Guten Tag, wir hätten gerne für unseren Urlaub ein Hotel mit Fluglärm! Dieser jemand im Reisebüro ist Sascha Kamrau. Er ist Flugzeugjäger. Planespotter. Und seine Waffe ist die Kamera.

So alt könnten die Mitglieder der Schutzgemeinschaft Fluglärm Dortmund gar nicht werden, um das zu verstehen. Ist auch schwierig, das gibt Sascha Kamrau zu. Aber er ist nun mal Planespotter, Sammler und Jäger von Fotografien, die Flugzeuge vorzugsweise beim Landen und Starten zeigen. Das Hotel damals in Arrecife auf Lanzarote, ganz nah am Airport? "Herrlich", sagt er, "ab mittags am Pool liegen und Flugzeuge fotografieren …"

Rund 200 000 Digitalfotos birgt das Archiv des 40-jährigen Wickeders inzwischen, davon etwa 10 000 mit unterschiedlichen Motiven. Darunter alles, was fliegt - vom Ballon über Kleinflugzeuge und Hubschrauber bis hin zu den großen Maschinen, die ihre Netze aus Kondensstreifen über den gesamten Globus ziehen.

"Am ehesten", meint er, "sind Planespotter mit Leuten zu vergleichen, die Briefmarken sammeln." Es gehe beim Fotografieren um möglichst seltene Maschinen, aber auch um Flugzeuge mit Sonderlackierungen oder Werbeaufdrucken, durch die sie - oft nur für kurze Zeit - Individualität zeigen.

Alles fing vor 17 Jahren an

Er kann nur sagen, wann das angefangen hat - nämlich vor etwa 17 Jahren. Aber die Frage nach dem Warum beantwortet er nur schulterzuckend. Jeder Sammler weiß im Grunde nicht, warum er nahezu seine gesamte Freizeit seinem Hobby opfert - ob er nun Insekten mit Nadeln aufpickt, Steine oder Kettensägen sammelt oder eben Flugzeuge fotografiert. Sie sind alle irgendwie Opfer ihrer Leidenschaft.

Wenn Kamrau sich auf Spurensuche begibt, fällt ihm ein, dass er in Nachbarschaft zum Flughafen, nämlich in Asseln, aufgewachsen ist und immer flugbegeistert war. "Einflugschneise war nie ein Schimpfwort für mich", erinnert er sich. Er begann zu fotografieren, trat den Flughafenfreunden Dortmund bei, traf auf andere Fotografen - und war Planespotter.

Das, "was von der Norm abweicht"

Seitdem fotografiert er alles, was Flugzeug heißt und am Liebsten das, "was von der Norm abweicht. Das Aussehen ist wichtig: Bei der Hauptjagd geht’s um Sonderlackierungen und Logos." Manche gebe es anlassbezogen nur für einen Tag, "und das ist für einen Spotter wertvoll". Wieder andere auf hier selten gesehenen Maschinen wie Antonow oder Tupolew. Noch andere mit seitenverkehrt geklebten Emblemen. Oder ein Casino-Millionär aus Las Vegas landet mit eigenem Flugzeug in Düsseldorf. Oder die Rockband Iron Maiden ebenfalls dort mit eigenem Gerät. Kamrau hat sie alle.

Die Jagd nach Motiven treibt ihn mitunter durch Europa. Amsterdam, Brüssel, Dublin, Helsinki und Lissabon - immer baut er seine Stehleiter und sich in Flughafennähe auf und wartet, die Kamera im Anschlag. Herrlich seien große Sportveranstaltungen wie die Fußball-WM 2006, als Dortmund Airport zum Zielpunkt zahlreicher Flugzeuge geworden ist, die Mannschaften und Fans brachten.

BVB-Fan durch und durch

Dieses Jahr steht zum Beispiel neben Stockholm auch Cardiff auf seinem Reiseplan. Dort wird am dritten Juni das Champions-League-Endspiel ausgetragen, und Sascha Kamrau wird überall sein - nur nicht im Millenium-Stadion. Er ist zwar durch und durch BVB-Fan, aber als Planespotter bleibt seine Horrorvorstellung ein Spiel zwischen einer deutschen und einer britischen Mannschaft. Der Grund: "Die deutschen Fans kommen nur mit bekanntem Flugmaterial - und die englischen mit dem Auto."

Bei seiner Leidenschaft ist es nur gut, dass seine Frau Annika ebenfalls Planespotterin ist und die gemeinsame Tochter Jeanette auch schon eine eigene Kamera besitzt. Der DEW 21-Angestellte ist dankbar, dass sein Spleen bei den Kollegen geduldet wird. Denn wenn das Netzwerk aus Planespottern irgendetwas Besonderes meldet - dann gibt es kein Halten mehr. Dann wird kurz ausgecheckt.

Einmal im Lebe nach St. Martin

Sascha Kamrau sitzt einem am Wickeder Flughafen gegenüber und checkt mit seinem Handy über Flugradar, welche Gesellschaft mit welcher Maschine gerade im Anflug ist. "Die Wizz-Air geht raus", murmelt er, "die Ryanair ist gerade gelandet und Easyjet hat Verspätung." In dem Moment landet sie. Alles bekanntes Gerät.

Was er sich wünscht? Einmal Urlaub auf St. Martin zu machen, jener Antillen-Insel in der Karibik, die so klein ist, dass man wirklich keinen Quadratmeter verschenken kann. "Strand, Straße, Zaun, Landebahn", beschreibt er kurz und knapp die Bedingungen dort. "Wenn die Maschinen da beim Start Vollschub geben, sind alle am Strand sandgestrahlt." Das ist weit weg von Wickede, aber ganz nah dran an Sascha Kamraus größtem Traum.