Doktorarbeit

Zwischen persönlicher Distanz und öffentlicher Billigung

Janosch Steuwer sprach auf Einladung des Vereins Stolpersteine für Dinslaken im Restaurant Zur Alten Apotheke

Janosch Steuwer sprach auf Einladung des Vereins Stolpersteine für Dinslaken im Restaurant Zur Alten Apotheke

Foto: WAZ FotoPool

Dinslaken.   Janosch Steuwer erforscht Tagebücher aus der Nazizeit. Erste Ergebnisse wurden jetzt präsentiert.

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„Da steckt man nicht drin.“ Manchmal bleibt einem das Verhalten anderer Menschen fremd, rätselhaft, nicht nachvollziehbar. Eigentlich ein fast alltägliches Phänomen, das aber eine gänzliche andere Qualität erlangt, wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus ging. Wie erlebten Menschen, die nicht explizit Opfer oder Täter waren, die Zeit zwischen der Machtergreifung 1933 und dem Beginn des zweiten Weltkriegs 1939? Bezogen sie Position? Wie ließen sie sich in ihrem Denken vereinnahmen?

Wenig ist darüber bekannt. Der in Dinslaken aufgewachsene Historiker Janosch Steuwer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhruniversität Bochum, wertet derzeit für seine Doktorarbeit „Die individuelle Herausforderung des Nationalsozialismus“ Tagebücher aus den betreffenden Jahren aus. Am Donnerstag sprach er auf Einladung des Vereins Stolpersteine für Dinslaken im Restaurant Zur Alten Apotheke über erste Forschungsergebnisse.

150 Tagebücher. Geschrieben von Menschen aus allen sozialen Schichten, vom in die Untätigkeit gezwungenen Parlamentarier bis hin zur angehenden Gärtnerin aus dem Ruhrgebiet, die zwar noch nicht wahlberechtigt ist, die Wahlkämpfe jedoch als politisch aufgeladene Momente empfindet. Wahlen. Tatsächlich. In seinen Ausführungen konzentrierte sich Steuwer auf Wahlen zwischen ‘33 und ‘39. Was prompt zu Diskussionen führte. Lässt denn eine Diktatur überhaupt eine Wahl?

Wahlen hätten im Nationalsozialismus - wie im Kaiserreich - eine andere Bedeutung als in unserem demokratischen Verständnis gehabt, führt Janosch Steuwer aus. Wer wählte, zeigte vor allem, dass er wahlberechtigt war. Dass er zum Kollektiv dazugehörte. Die Nationalsozialisten machten sich dies zunutze. Wie sie den Begriff der Volksgemeinschaft vereinnahmten, ein Terminus, der - so Steuwer - von jedem Tagebuchschreiber anders interpretiert wurde. Vereinnahmung und Öffentlichkeit: zwei Mechanismen, für die Wahlen eine optimale Plattform boten. Und so ließ das Regime in seinem Sinne wählen. Reichstagswahlen mit festgesetzten Listen, Volksentscheide zum Austritt aus dem Völkerbund, der Remilitarisierung des Rheinlandes und dem Anschluss Österreichs.

Billigung der Außenpolitik

Waren alle, die dafür stimmten, automatisch Nationalsozialisten? Steuwer möchte differenzieren und belegen, dass man nicht Nazi sein brauchte, um beispielsweise deren außenpolitischen Ziele gutzuheißen. Mochten sich die Schreiber von der Unterdrückung jeglicher Opposition und offener Gewaltanwendung noch so distanzieren, wenn es um Deutschland ging, siegte der eigene Patriotismus über alle Vorbehalte.

Janosch Steuwer machte es den Hörern mit seiner Differenzierung zwischen der Identifikation mit dem Nationalsozialismus und der Billigung dessen Politik nicht leicht. Zumal beantworteten die zitierten Tagebucheintragungen auch nicht, wie Menschen zu schweigenden Zuschauern von Gewalt in der Öffentlichkeit werden konnten. Es wurde lange diskutiert, emotionsgeladen. Was den Abend spannend machte. Er zeigt, dass bei aller Aufarbeitung die Menschen noch immer die Kernfrage beschäftigt: Wie konnte es soweit kommen?

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