Kultur

So spielte Hanni Liang beim Klavier-Festival Ruhr in Hünxe

Hanni Liang spielt am Klavier.  

Hanni Liang spielt am Klavier.  

Foto: Klavier-Festival Ruhr / PR

Hünxe.  Pianistin Hanni Liang trat im Rahmen des Klavier-Festival Ruhr auf Schloss Gartrop in Hünxe auf – und widmete ihr Programm ganz dem Moment.

Kaum eine Kunstform ist so dem Moment verhaftet wie die Musik. Doch zugleich besitzt sie die eigentümliche Eigenschaft, dass die Bilder, Gefühle und Erinnerungen, die sie hervorruft, keinesfalls von ihr ablenken, sondern den Moment des Hörens sinnstiftend vertiefen. Wie oft macht man sich dies bei einem Konzert bewusst? Die Pianistin Hanni Liang lud ihr Publikum in ihrem Klavierabend in der Alten Rentei von Schloss Gartrop dazu ein. Und sie widmete ihr gesamtes Programm im Rahmen des Klavier-Festival Ruhr dem Moment.

„Das ganze Leben besteht aus vielen kleinen Momenten, die uns persönlich ausmachen und uns prägen“, erklärte die 25-Jährige. Und der erste ist der Moment der Geburt. Hanni Liang wurde in Bielefeld geboren, ihre Eltern stammen aus China. Entsprechend habe sie auch die chinesische Kultur geprägt – die ersten Momente des Konzertes gehörten deshalb dem chinesischen Komponisten Tan Dun.

Mehr als nur Hörsinn ansprechen

Der wiederum stieß schon mit dem Titel seines Klavierzyklus „Eight Memories in Watercolor“ auf die besondere Eigenschaft der Musik, mehr als nur den Hörsinn anzusprechen. Seine „Erinnerungen“ verbinden konkrete chinesische Volkslied-Themen und allgemeinere typische Charakteristika wie die Pentatonik mit westlichen Stilelementen aus Avantgarde, Expressionismus und schließlich Impressionismus. Bei letzterem schließt sich der Kreis: Debussy als Hauptvertreter des Stils machte sich als französischer Komponist die chinesische Pentatonik zu eigen.

Aber die „Eight Memories“ erhalten einen zusätzlichen Reiz durch ihre Synästhesie: einerseits malt Tan Dun mit feinen, zart aufgetragenen Klangfarben, andererseits zeichnen wuchtige, dissonante Tonfolgen die Bewegungen kräftiger Pinselstriche mit schwarzer Tusche in der Kalligraphie nach.

Die Pianistin hat etwas zu sagen

Hanni Liang spielt dies alles nicht nur technisch brillant, sie interpretiert völlig natürlich und authentisch. Es ist ihre Musik, die sie spielt, die sie erfasst hat, durchdrungen hat und sich völlig zu eigen macht. Und dies gilt nicht nur für Tan Dun, sondern genau so für Schuberts „Moments musicaux“, Scarlattis Sonaten und Schumanns „Fantasiestücke“.

Hanni Liang hat etwas zu sagen. Musikalisch und auch in ihren sympathischen Moderationen, in denen sie persönliche Momente mit dem Publikum teilt. Zum Beispiel, dass ihre frühere Professorin an der Robert Schumann Hochschule für Musik und gleich mehrere ehemalige Lehrerinnen und Lehrer ihres Gymnasiums in Mettmann zum Konzert nach Gartrop gekommen sind.

Sich selbst ausdrücken

Aber sie teilt auch einen sie prägende Rilke-Brief, in dem dieser einen anderen Dichter rät, nicht andere um Bestätigung für sein Tun zu bitten, sondern sich selbst zu fragen, ob er sich ausdrücken müsse. Hanni Liangs Ausstrahlung am Klavier lässt sich wohl nur damit erklären, dass sie diese Frage für sich beantwortet hat.

Und so teilt sie an diesem trüben Maiabend, der den Park von Schloss Gartrop in Grün- und Grau-Tönen malt, mit dem Publikums Scarlattis ungebändigte Lust, sich von keinen kompositorischen Konventionen fesseln zu lassen und Schuberts Melancholie, die weit in die Pause hinein nachklingt, ebenso wie Schumanns rasende Leidenschaft und turbulente, slapstickartige Träume. Poetische Momente, bereichernde Momente. Es gibt an diesem Abend auch einen komischen Moment: Der Pfau vom Schloss Gartrop bewies mangelnden Kunstverstand und schrie in Schumanns „Träumerei“ hinein, mit der Hanni Liang ihr traumhaftes Konzert beendete.

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