Geschichte

Recherche gegen das Vergessen

Anne Prior, Vorsitzende des Vereins Stolpersteine für Dinslaken, recherchierte gegen das Vergessen.

Anne Prior, Vorsitzende des Vereins Stolpersteine für Dinslaken, recherchierte gegen das Vergessen.

Foto: NRZ

Dinslaken.   Zur Arbeit des Vereins Stolpersteine für Dinslaken gehört die wissenschaftliche Aufarbeitung der Schicksale der von den Nazis verfolgten Dinslakenern.

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Am 23. Februar wird Gunter Demnig weitere Stolpersteine in Dinslaken verlegen. 49 sind es dann im Stadtgebiet insgesamt, 46 liegen in der Innenstadt so eng bei einander, dass der Verein Stolpersteine für Dinslaken Rundgänge anbieten wird. Eine erste Exkursion findet am Sonntag, 5. Mai, um 15 Uhr statt. Sie beginnt an der Duisburger Straße 100, wo für Leopold Strauss der erste Stolperstein verlegt wurde, und endet an der Hünxer Straße 45. Dort lebte bis 1938 der letzte Lehrer der jüdischen Volksschule in Dinslaken, Salomon „Salli“ Weinberg mit Frau Miriam und Tochter Ruth. Sie erhalten die letzten für 2013 vorgesehenen Stolpersteine. Weitere Verlegungen sind für das kommende Jahr geplant, der Verein ist für jede Spende dankbar.

Die Zahl der in die Bürgersteige eingelassenen Messingsteine wächst. Und mit ihr die Zahl der Aktenordner von Anne Prior, der Initiatorin der Aktion in Dinslaken. Denn hinter jedem Stein steht ein menschliches Schicksal, das in akribischer, wissenschaftlicher Arbeit aufgearbeitet werden muss. Jede neu recherchierte Biografie der Opfer nationalsozialistischer Gewalt wird auf der Webseite www.stolpersteine-dinslaken.de der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eine Arbeit, auf die inzwischen auch das Bundesarchiv in Berlin aufmerksam wurde.

Das Schicksal der Familie Weinberg

„Ich habe mir für Dinslaken immer ein Memor-Buch vorgestellt, wie es andere Städte haben“, so Anne Prior. „Das versuchen wir jetzt mit der Internetseite des Vereins virtuell zu verwirklichen“. Eine zeitintensive Arbeit. Denn sind zwar auch die Namen der allein 163 ermordeten Juden, die das Gedenkbuch des Bundesarchivs unter dem Stichwort Dinslaken nennt, bekannt, es gibt Ungenauigkeiten und zudem „weiße Flecken“, wenn es um jüdische Überlebende oder andere von den Nazis verfolgte Bevölkerungsgruppen gibt. Anne Prior forscht, holt Informationen ein und gibt sie auch an das Bundesarchiv weiter. Dies baut auf Ergänzungen und Korrekturen im Austausch untereinander.

„Die Familie Weinberg ist ein bislang ganz unbekanntes Kapitel für die Stadt Dinslaken“, sagt Anne Prior und öffnet einen der vielen Aktenordner in ihrem Arbeitszimmer. Schicksale in Fotokopien, schriftliche Belege der ganzen Menschenverachtung eines Unrechtregimes. Das Kürzel zwischen den Aufdrucken „Meldekarte für Deutsche“ und „Staatsang.: Deutsches Reich“ in Frakturschrift ist mit der Hand gekritzelt: „Na“ - „Nichtarisch“. Ein anmaßender Eingriff in ein offiziellen Dokument. Manchmal sind es solche Details, die verdeutlichen, wie sich eine Diktatur Macht über Menschen und Menschenleben nimmt.

Die Meldekarte von Miriam Weinberg aus dem Stadtarchiv Dinslaken ist nur ein Puzzlestein, aus dem Anne Prior die Biografie der Familie rekonstruierte. Im Online-Bestand der Wiener Library in London stieß sie auf weitere Hinweise. Die Gebühr für das 45-seitige Dokument war es wert: Es enthielt den beruflichen Werdegang Salli Weinbergs, Ansatzpunkte für weitere Nachforschungen. Nach der Pogromnacht 1938 ging die Familie nach Fulda, wurde von dort nach Riga deportiert wurde. „8. 12. 1941 nach dem Osten abgeschoben“, so der zynische Vermerk auf der Karteikarte aus Fulda.

Salli Weinberg starb im brutalsten Arbeitslager von Riga, die fünfjährige Ruth wurde am Tag der Auflösung des Ghettos nach Ausschwitz deportiert und sofort in Birkenau ermordet. Salli und Ruths Namen sind im Gedenkbuch des Bundesarchivs aufgeführt. Miriam Weinbergs Name jedoch fehlt. Was nur eines bedeuten konnte: Sie überlebte.

Miriam Weinberg wurde auf dem Todesmarsch vom KZ Stutthof befreit, lebte vier Jahre in einem Displaced Persons Lager in Frankfurt, ging 1949 nach Israel. Gestorben ist sie 1984 in Melbourne, wohin ihren Schwiegereltern die Flucht gelungen war. Anne Priors Recherche macht die Geschichte der Weinbergs erstmalig in Dinslaken bekannt.

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