Lernen in Henrichenburg

Das Alter spielt keine Rolle

Gemeinsames Lernen steht bei der Grundschule Alter Garten im Vordergrund.

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Gemeinsames Lernen steht bei der Grundschule Alter Garten im Vordergrund. Foto: WAZ FotoPool

Castrop-Rauxel.   An der Grundschule Alter Garten in Henrichenburg lernen Schüler der ersten und zweiten Klasse zusammen. Die Kleinen orientieren sich an den Großen, die Älteren übernehmen Verantwortung für die Jüngeren.

Neo ist jetzt schon einer von den Großen, mittlerweile geht er in die dritte Klasse und weiß, wie der Hase läuft an der Grundschule Alter Garten. Dass er in die 3 nach nur einem Schuljahr gewechselt ist – also die erste Klasse nahezu weggelassen hat, war für den heute acht Jahre alten Jungen kein Problem. Im Gegenteil – seine Mutter, Tanja Beisenherz, sagt: „Für ihn hätte es nicht besser laufen können.“ Dabei, so räumt die 34-Jährige ein, war sie nicht ohne Bedenken, was das Konzept der Grundschule Alter Garten angeht: Jahrgangsgemischte Klassen, die von Kindern der Schuljahre 1 und 2 besucht werden. „Ich hatte echt Angst, dass er nicht zurecht kommt, er ist damals noch eher schüchtern gewesen“, sagt die Mutter von drei Kindern.

Jedem Kind gerecht werden

Doch Neo fühlte sich sichtlich wohl in der altersgemischten Gruppe, langweilte sich allerdings nach drei Monaten mit dem Stoff, der für die Jüngeren – die eigentlich Erstklässler – gedacht war. „Von da an hat er die Arbeitsblätter für die Älteren bekommen und ist damit prima klargekommen“, berichtet Tanja Beisenherz. Der Übergang in die dritte Klasse sei dann fließend gewesen – und niemand habe Neo als Streber oder Überflieger tituliert. Denn wie auch er, ist ein Teil der jahrgangsübergreifenden Klasse in die 3 gekommen – es entstand kein starker Bruch, soziale Bindungen blieben erhalten.

Auch anders herum funktioniert das System – kommt also schwächeren Schülern entgegen, ohne dass sie mit dem Makel Sitzenbleiber abgestempelt werden. Lehrerin Pia Pregler erklärt: „Wenn wir sehen, dass ein Kind noch etwas mehr Zeit für seine Entwicklung braucht, können wir ihm diese geben.“ Das Konzept der jahrgangsgemischten Klassen lenke den Blick gezielt auf die sozialen Unterschiede, die die Kinder mitbringen, wenn sie mit verschiedenen Entwicklungsstufen aus den Kindergärten auf die Grundschule kommen. Der eine könne schon ein wenig lesen und schreiben, der andere aber noch gar nicht, die eine sei noch unsicher im Umgang mit der Schere, eine andere aber bereits eine Bastelkönigin, verdeutlicht Pia Pregler. Jedem von ihnen versuche man in den jahrgangsübergreifenden Klassen gerecht zu werden.

In den Augen von Pia Pregler ein weiterer Vorteil des jahrgangsübergreifenden Unterrichts: „Die Kinder lernen von anderen Kindern. Die Kleinen, die gerade aus dem Kindergarten kommen, übernehmen fast automatisch die Rituale der Älteren, lernen so etwa, sich zu organisieren.“ Die alten Häschen wiederum, die Patenschaften für die Neulinge übernehmen, wachsen daran. „Sie gewinnen enorm an Selbstwertgefühl“, hat Lehrerin Pia Pregler festgestellt. Und auch Tanja Beisenherz berichtet von Neo: „Es sind Kleinigkeiten, die ihm geholfen haben: Etwa, dass er erstmal einen älteren Kumpel fragen konnte, wenn er etwas nicht verstanden hatte. Und irgendwann gehörte er dann zu denjenigen, die den Kleinen helfen konnten – da war er mächtig stolz.“ Pia Pregler blickt mittlerweile auf eine ganze Reihe Kinder zurück, die die erste und die zweite Klasse trotz unterschiedlichen Alters gemeinsam durchlaufen haben. Überzeugt sagt die Lehrerin: „Es ist enorm, was die Kleinen mitbekommen. Auch wenn sie eine Sache nicht sofort verstehen, so fällt das Wissen doch wie ein Samenkorn in sie hinein und wächst.“

Mathe und Englisch werden separat unterrichtet

Alle Fächer aber lassen sich nach Ansicht des Kollegiums der Grundschule Alter Garten doch nicht gemeinsam unterrichten.

„Als wir unser Konzept erstellt haben, haben wir uns eine Reihe anderer Schulen mit jahrgangsübergreifendem Lernen angesehen und uns herausgepickt, was uns für unsere Schule passend erschien“, erklärt Pia Pregler.

Als Beispiel nennt die Lehrerin: „Mathe für alle erschien uns schwierig. Das haben wir dann ausgeklammert, genau wie Englisch, das bekommen nur die Älteren.“ Sowohl die Jüngeren als auch die Älteren haben zudem jeweils eine Stunde nur für sich. „Da üben wir mit den Kleineren etwa noch mal die Buchstaben und das verschriften von Wörtern, mit den Größeren dann Wortarten oder Interpunktion“, skizziert Pia Pregler.

Die Kritikpunkte, das System könne zu Lasten der Großen gehen, die sich unterfordert fühlen, oder aber es überfordere die Kleinen, will Pia Pregler entkräften: „Wir stellen individuelle Arbeitspläne zusammen.“ So könne jedes Kind in seinem Tempo lernen.

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