Welthospiztag

Das Hospiz in Bottrop kennt nur Gäste

Bettina Alkemper und Ursula Herzog (re.):

Bettina Alkemper und Ursula Herzog (re.):

Foto: Heinrich Jung

Bottrop.   In Bottrop können sterbende Menschen ihren Lebensabend im Hospiz verbringen. Sie können sich auf große Zuneigung verlassen.

Ursula Herzog sitzt auf ihrem Bett, streicht über den geblümten Stoffbezug: „Im Himmel kann es nicht besser sein als hier“, scherzt die 89-Jährige. Sie ist Gast im Hospiz an der Osterfelder Straße. „Gast“, weil das lateinische Wort „hospitium“ Herberge heißt, und darin wohnen eben keine Patienten, sondern Gäste. Wie alle der acht Menschen, die hier wohnen, befindet sich Ursula Herzog im Endstadium einer tödlichen Krankheit. Dennoch: Sie lacht viel. „Zum Weinen ist noch Zeit, wenn ich in der Grube liege.“

An einer Wand in ihrem Zimmer hängt ein gerahmtes Bild, auch mit Blumen. Das hat ihr Bruder 1943 gemalt, kurz danach fiel er im Krieg. „Jetzt kommen mir doch die Tränen“, sagt sie. Schwester Bettina hält ihre Hand, streichelt sie. Schon ist der alten Frau wieder zum Scherzen zumute.

Wann und wo sie wollen

Bettina Alkemper betreut die Gäste als leitende Pflegefachkraft, kümmert sich um ihre medizinische Versorgung. „Auf alles andere lasse ich mich jeden Tag neu ein“, sagt die 51-Jährige. Die 14 Pflegekräfte, 28 Ehrenamtlichen und zwei Mitarbeiter in der Verwaltung versuchen, alles möglich zu machen. Denn die Gäste sollen die letzte Phase ihres Lebens so verbringen, wie sie es wollen. Kaffee trinken, wo sie wollen, duschen, wann sie wollen, ins Musical gehen, in die Stadt, Minigolfen – einfach leben.

Ursula Herzog nennt das Hospiz „besser als jedes Hotel“. Es gibt einen Wintergarten, eine gemütliche Sitzecke, von Krankenhausatmosphäre kaum eine Spur. Die Auslastung der acht Betten liegt bei 98 Prozent. Es gibt eine Warteliste. Dank Spenden ist der Aufenthalt für die Gäste kostenlos. Auch die Kranken- und Pflegekassen tragen 95 Prozent der Kosten. Voraussetzung: Ein Arzt bescheinigt, dass der Patient an einer zum Tod führenden Krankheit leidet.

Man lebt bewusster

Und wenn vorne, im Eingangsbereich des Hauses, die Kerze brennt, dann ist ein Gast gestorben. „Manche sterben in Angst, andere ganz ruhig. Dafür gibt es kein Konzept. Man muss sich auf jeden Menschen einstellen“, erklärt Bettina Alkemper. Täglich ist die ehemalige Krankenschwester mit dem Tod konfrontiert. Das hat sie verändert: „Wenn ich mich über jemanden ärgere, denke ich darüber nach, ob ich mich wirklich streiten muss. Man lebt bewusster und erfreut sich auch an Kleinigkeiten.“

In Supervisionen lernt das Team, mit den Verlusten umzugehen. „Und natürlich weinen wir auch“, sagt Bettina Alkemper. Seit der Eröffnung des stationären Hospizes vor viereinhalb Jahren sind fast 700 Gäste verstorben. Einige sehr schnell, bereits nach wenigen Stunden, andere bleiben länger, der längste Aufenthalt dauerte 308 Tage.

Steine als Erinnerung

Im Garten des Hospizes erinnern kleine Steine an sie, einige weiß mit den Namen der Verstorbenen, andere bunt angemalt. Die Angehörigen können sie gestalten und besuchen. Viele kämen noch Jahre nach dem Tod eines Familienmitglieds vorbei, sagt Bettina Alkemper. „Hier ist ein Ort, wo Trauer sein darf.“



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Es gibt das stationäre Hospiz an der Osterfelder Straße, die ambulante Hospizgruppe, die zu den Menschen fährt und sie betreut.

Daneben existiert der Hospiz Bottrop Förderverein. Er unterstützt das stationäre Hospiz und die mobilen Sterbebegleiter finanziell. Allein für das stationäre Hospiz werden jährlich 150 000 Euro benötigt. Spenden gehen an den Förderverein. Infos unter
hospizbottrop.de/forderverein

Wer den mobilen Sterbebegleitern helfen möchte, kann dies über den Förderverein tun oder direkt an die ambulante Hospizgruppe spenden. Info: hospizgruppe-bottrop.de/spenden.

Ambulante Sterbebegleiter betreuen im Krankenhaus oder zuhause – auch nach dem Tod

Jemanden in seinen letzten Stunden zu begleiten, „das ist für viele Ehrenamtliche ein Geschenk“, weiß Mechthild Hemming. Die 55-Jähige ist Koordinatorin bei der Ambulanten Hospizgruppe. 50 ehrenamtliche Sterbebegleiter fahren zu schwer erkrankten oder sterbenden Menschen nach Hause, ins Altersheim oder Krankenhaus, um zu beraten und einfach da zu sein. „Dazu braucht es keine ärztliche Verordnung“, sagt Hemming. Das Angebot ist kostenlos.

„Wir versuchen herauszufinden, was einem Menschen in seiner letzten Lebensphase gut tut.“ Das könne manchmal eine große Herausforderung sein, wenn der Sterbende sich nicht mehr selbst ausdrücken kann. „Manchmal muss man aushalten, dass man nichts tun kann.“

Die Patienten und deren Familie bringen den mobilen Sterbebegleitern viel Dankbarkeit entgegen. „Wir sind auch da, wenn die Angehörigen mal rausgehen und einen Kaffee trinken wollen“, sagt Hemming. Oder nach dem Tod des Familienmitglieds. Da sind die Sterbebegleiter dann Trauerbegleiter.

Es sei hilfreich, in dieser schwierigen Situation „jemanden an seiner Seite zu haben, denn man schon kennengelernt hat“, erklärt Anja Lenzyk, ebenfalls Koordinatorin. Manchmal lernen sich Ehrenamtler, Patient und Angehörige über Jahre kennen, ein anderes Mal dauert die Betreuung nur einen Tag. Wenn ein Patient stirbt, sei das auch für das Team emotional belastend. In Supervisionen arbeiten die Mitarbeiter ihre Erlebnisse auf,“ sagt die 53-Jährige.

Jeder, der selbst oder dessen Angehöriger an einer lebensverkürzenden Erkrankung leidet, kann sich bei der ambulanten Hospizgruppe melden. Wer sie ehrenamtlich unterstützen möchte (auch außerhalb der Sterbebegleitung und Trauerarbeit), kann am 21. November um 18 Uhr zum Infoabend in die Neustraße 2 kommen.

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