Pflege

Wachkoma: Bochumerin pflegte ihren Ehemann über 16 Jahre

Über 16 Jahre betreute Gabriele Biermann ihren Mann Peter, hier bei einer Geburtstagsfeier.

Über 16 Jahre betreute Gabriele Biermann ihren Mann Peter, hier bei einer Geburtstagsfeier.

Foto: RepRo: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Services

Bochum.   Über 16 Jahre pflegte eine Bochumerin ihren Ehemann, der nach einem Unfall ins Wachkoma gefallen war. Nun will sie ein Buch veröffentlichen.

Als alles vorbei war, ihr Peter friedlich eingeschlafen war, schlich sie sich immer wieder schmerzhaft in ihr Gewissen, diese eine Frage: Habe ich genug getan? „Das hat mich lange beschäftigt“, sagt die Frau, deren Ehemann über 16 Jahre im Wachkoma gelegen hat. Eine Antwort hat Gabriele Biermann nie gefunden. Nur einen Trost: „Mehr ging nicht.“

Ihre 69 Jahre sieht man ihr nicht an. Fröhlich, zugewandt, mit herzlichem Lächeln begrüßt sie den WAZ-Besuch in ihrer Wohnung mitten in der City am Willy-Brandt-Platz. Dabei hat es das Schicksal mit Gabriele Biermann nicht gut gemeint. Eine bleierne Zeit liegt hinter der gelernten Friseurin, deren Traum vom Glück im tiefsten Unglück versank.

Verhängnisvoller Sturz auf der Treppe

Es ist der 14. Dezember 2001. Peter Biermann, damals 54, ist auf Nachtschicht. Als Dreher arbeitet er bei Krupp. Abends klingt es an der Wohnungstür. Zwei Arbeitskollegen stehen mit ernster Miene vor Gabriele Biermann: „Peter hatte einen schweren Unfall. Du sollst sofort ins Bergmannsheil kommen.“

Seit 1970 sind die Eheleute verheiratet. „Meine große Liebe“, sagt Gabriele Biermann. Nun ringt ihr Schatz mit dem Tod. Auf einer Treppe war Peter Biermann gestürzt, mit voller Wucht auf den Kopf und in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen.

Eine Not-OP rettet ihrem Mann das Leben. Verzweiflung, Bangen, Hoffnung: Monatelang herrscht Ungewissheit. „Peter erwachte nicht. Dabei spürte ich, dass er seine Umgebung wahrnimmt. Irgendwann sagte er plötzlich: ,Danke für alles.’ Dann fiel er wieder zurück.“

Lächeln bei der Musik von Hansi Hinterseer

Mitte 2002 ist klar: Es wird keine Besserung, keine Heilung geben. „Die Ärzte sagten mir: ,Ihren Mann haben Sie verloren. Nehmen Sie ihn als Freund.’“ Peter wird ins „Lebenszentrum“ Unna-Königsborn verlegt, eine Fachklinik für schwerstbehinderte Patienten. „Eigentlich wollte ich Peter nach Hause holen“, sagt Gabriele Biermann. „Aber die Fachleute rieten mir dringend ab. Sonst, warnten sie, sei ich in spätestens vier Wochen auch in Behandlung.“

Gleichwohl will sie ganz für ihren Mann da sein. Schweren Herzens gibt sie ihren Job als „Essen auf Rädern“-Auslieferungsfahrerin auf. Täglich fährt sie nach Unna, wo sich bald so etwas wie Alltag einstellt. Peter stabilisiert sich, kann sich über die Augen mit seiner Gabi verständigen, scheint zuzuhören, wenn sie ihm Briefe vorliest und von zu Hause erzählt, lächelt, wenn sie ihm die Lieder seines Lieblingssängers Hansi Hinterseer vorspielt. Dank eines umgebauten Pkw kann das Ehepaar Ausflüge in den Zoo oder zu Verwandten unternehmen. Auch Sohn Markus (48) gewöhnt sich an das neue Zusammenleben, „auch wenn es ihm bis zuletzt schwer fiel, seinen Papa so zu sehen“, weiß die Mutter.

Malen und Schreiben als Therapie

2017 geht’s bergab. Peter Biermann leidet unter der Lungenkrankheit COPD; weitere Erkrankungen kommen hinzu. Der Familie wird bewusst: „Wir müssen loslassen.“ Am 3. März 2017 stirbt Peter Biermann. Nach über 16 Jahren, in denen Gabriele Biermann „funktioniert hat“, wie sie im Rückblick sagt. Nun fällt sie in ein Loch, hat psychische Probleme, erleidet einen Bandscheibenvorfall, bekrabbelt sich in einer Kur – und entdeckt ihre ureigene Therapie. Sie beginnt mit der Malerei und mit dem Schreiben. Ihre Kunstwerke schmücken ihre Wohnung. Ihre Geschichte füllt ein Manuskript, das sie als Buch veröffentlichen will. „Meine Zeit mit dir“, soll es heißen.

Wer es liest, wird zu einer Gewissheit gelangen: Diese Frau hat genug getan. Mehr ging nicht.

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