Premiere

Theatergruppe nähert sich Peter-Weiss-Klassiker denkbar frei

Szene aus „Marat / Sade" in der Inszenierung des Theaterkollektivs Monster Truck: ab Samstag, 29. Juni, in den Kammerspielen.

Szene aus „Marat / Sade" in der Inszenierung des Theaterkollektivs Monster Truck: ab Samstag, 29. Juni, in den Kammerspielen.

Foto: Florian Krauß / Schauspielhaus Bochum

Bochum.  „Monster Truck“ zeigt eine Annäherung an das berühmte Stück um den Marquis de Sade. Die Hauptrollen spielen engagierte Patienten der Lebenshilfe.

Monster Truck: Auf diesen Namen muss man erstmal kommen. Nach krawalligen Stunt-Shows mit gigantischen Geländewagen hat sich eine Theatergruppe benannt, die seit 2005 vor allem in der freien Kulturszene in ganz Deutschland mit bemerkenswert radikalen und freigeistigen Aufführungen für Furore sorgt. „Wir haben uns tatsächlich mal vor Jahren bei einer dieser Monster-Truck-Shows auf einem Parkplatz in Gießen eingeschlichen und uns gewundert“, erzählt Manuel Gerst, einer der drei Regisseure des Kollektivs. „Da wird Großes versprochen, aber was dann eingelöst wird, ist einfach erbärmlich.“

Mit „Marat / Sade“ von Peter Weiss ist ab Samstag die erste Arbeit von „Monster Truck“ in den Kammerspielen zu sehen: dies als Teil einer zweijährigen Kooperation mit dem NT Gent. Nur bis 14. Juli wird die Aufführung in Bochum zu sehen sein und wechselt danach an die renommierte Bühne in Belgien.

Das Stück ist ein moderner Klassiker

In seinem Stück aus dem Jahr 1964 erzählt der Autor, nach dem bekanntlich der größte Kulturpreis der Stadt benannt ist, von jenem Marquis de Sade, dessen „Philosophie im Boudoir“ zum größten Aufreger in der jüngeren Bochumer Theatergeschichte avancierte. Beide Stücke in einer Saison herauszubringen, sei keinesfalls Zufall, erzählt Dramaturg Tobias Staab. „Solche Querlinks innerhalb eines Spielplans finde ich immer spannend.“

„Marat / Sade“ ist ein moderner Klassiker, in dem die Fragen nach Freiheit, Gleichheit und politischem Bewusstsein gestellt werden. Das Stück ist philosophischer Diskurs und kräftiges Schauspielerfutter gleichermaßen. Der Blick des Autors geht darin in eine Nervenheilanstalt, in der die geistig gestörten Insassen eine Art Theaterstück proben. Darin wird das Attentat auf den Revolutionsführer Jean Paul Marat während der Französischen Revolution in einer Badewanne nachgestellt. Die Regie dieses Dramas übernimmt der berühmteste Patient dieser Anstalt: ein gewisser Herr de Sade.

Der Text ist radikal gekürzt

Kenner der Vorlage und Fans von Peter Weiss seien vorgewarnt, denn „Monster Truck“ nähert sich dem Stück denkbar frei: „Wir haben den Text radikal gekürzt und mehr mit den Motiven gearbeitet“, sagt Manuel Gerst. „Das geht eher in Richtung Bildende Kunst, mit starken Bildern, aber tendenziell abstrakt.“

Weil das Stück in einer Psychiatrie spielt, sei es naheliegend gewesen, auch die Figuren entsprechend zu besetzen. So besteht der überwiegende Teil der Besetzung aus Patienten der Lebenshilfe. „Das sind zwölf Leute, die Lust darauf hatten, bei uns mitzumachen.“

Ein therapeutischer Aspekt, wie er in Zusammenarbeit mit der LWL-Klinik am Schauspielhaus schon seit vielen Jahren gepflegt wird, habe aber diesmal keine Rolle gespielt. Daneben treten eine Balletttänzerin und eine Drag-Queen auf. Lukas von der Lühe ist als einziges Mitglied aus dem Ensemble dabei. Regisseur Gerst verspricht eine turbulente Inszenierung mit wildem Cast und kräftigem bunten Bühnenbild – mitsamt eines riesigen Krokodils.

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