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Ruhrtriennale beginnt mit denkwürdiger Rede von Herta Müller

Nobelpreisträgerin Herta Müller erinnerte in der voll besetzten Turbinenhalle an ihre Kindheit in einem Dorf in Rumänien – und an die schlimme Zeit danach.

Foto: Ingo Otto

Nobelpreisträgerin Herta Müller erinnerte in der voll besetzten Turbinenhalle an ihre Kindheit in einem Dorf in Rumänien – und an die schlimme Zeit danach. Foto: Ingo Otto

Bochum.   Nobelpreisträgerin liest zur Eröffnung des Kulturfestivals in der Jahrhunderthalle. Künstlerdorf lädt wieder zur Entdeckungsreise ein.

Es ist wieder angerichtet: Mit einer langen Nacht der elektronischen Musik, einer vierstündigen Opernpremiere und einer denkwürdigen Lesung wurde am Wochenende die neue Spielzeit der Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle eröffnet.

Zum dritten und letzten Mal findet das Kulturfestival unter Federführung von Johan Simons statt, ehe der niederländische Theatermacher ab dem kommenden Sommer die Geschicke im Schauspielhaus leitet.

Scharfe Beobachterin und phantasievolle Poetin

Simons selber lief etwas unruhig auf und ab. Ein Grund dafür dürfte der enorme Andrang gewesen sein, der kurz vor der Eröffnungsrede von Herta Müller in der Turbinenhalle herrschte. Denn der Eintritt zur mit Spannung erwarteten Lesung der Nobelpreisträgerin war zwar frei, doch hinein kam nur, wer sich bei der Ruhrtriennale angemeldet hatte – und das wusste längst nicht jeder.

Als „scharfe Beobachterin und phantasievolle Poetin“ stellte Johan Simons den Ehrengast schließlich vor – und Herta Müller kam ganz bescheiden aufs Podium, bedankte sich für die Einladung und hielt dann eine etwa 45-minütige Rede, an die sich mancher Literaturfreund im Saal noch lange erinnern wird.

Schlimme Schikanen durch die Geheimpolizei

Müller spannte einen weiten Bogen von ihrer Kindheit in einem Dorf in Rumänien bis zu ihrer Arbeit als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik in den 70er Jahren, bei der sie schlimmen Schikanen durch ihre Vorgesetzten und durch die rumänische Geheimpolizei ausgesetzt war. Der klug gewählte Titel ihrer Rede („Ein Ausweg nach innen“) machte dann durchaus Sinn.

„Jedes Verhör war eine Kette von immer gleichen Verleumdungen, ein absurdes Theaterstück“, las sie. „Mein Kopf war durchwühlt, wenn ich endlich gehen durfte.“ Erst die Schönheit einer Blume am Wegesrand ließ sie wieder leise Hoffnung schöpfen: „Die Selbstverständlichkeit, in der die Dahlie existierte, beeindruckte mich so, dass ich heulte.“ Mancher in der Halle musste bei diesen Worten leise schlucken.

Kunstdorf wächst stetig

Auch Johan Simons zeigte sich nach dem donnernden Beifall für die Autorin, die sich nur ganz knapp verbeugte, tief bewegt. „Ihre Lesung oder darf ich sagen: deine Lesung“, so bot er ihr das „Du“ an. „Es war unglaublich.“

Viele Besucher nutzen daraufhin die Gelegenheit, dem Kunstdorf „The Good, the Bad and the Ugly“ einen Besuch abzustatten, das bereits zum dritten Mal vor der Jahrhunderthalle aufgebaut ist und stetig wächst. Der Künstler Joep van Lieshout hat einige neue Arbeiten in seine Großinstallation eingebaut, die gewitzte Reflexionen sind über die Kunst, die Welt und das menschliche Konsumverhalten.

Herta Müllers komplette Rede zum Nachlesen: www.ruhrtriennale.de/blog

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