Senioren

Pilotprojekt: In einem Bochumer Altenheim wird jetzt gezockt

Auf Senioren ausgerichtet ist die Spielekonsole, die jetzt im DRK-Zentrum in Bochum getestet wird: hier Elisabeth Even und Bernhard Neeland beim Sitztanz. Rechts: Beate Schwarz, Leiterin des Sozialen Dienstes.

Auf Senioren ausgerichtet ist die Spielekonsole, die jetzt im DRK-Zentrum in Bochum getestet wird: hier Elisabeth Even und Bernhard Neeland beim Sitztanz. Rechts: Beate Schwarz, Leiterin des Sozialen Dienstes.

Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Services

Bochum.  In einem Bochumer Altenheim wird jetzt gezockt. Die Barmer testet Spielekonsolen, die auf Senioren ausgerichtet sind. Es gibt erste Erkenntnisse.

Erika Dederke ist heute Morgen Briefträgerin. Die 80-Jährige sitzt auf einem Stuhl. Vor ihr ein Bildschirm, auf dem ein virtueller Postbote Briefe zustellt. Über eine Kamera steuert die Seniorin mit ihren Armbewegungen den radelnden Boten. Die linke Hand greift nach hinten in die Briefbox. Mit flottem Schwung, untermalt vom Volkslied „Du, du, liegst mir am Herzen“, landen die Kuverts in den Briefkästen links und rechts am Wegesrand. „Puh, ich komm’ ganz schön ins Schwitzen“, sagt Erika Dederke und lacht. Zocken im Altersheim: Im DRK-Zentrum in Weitmar ist das jetzt Alltag.

„Digitale Prävention in Pflegeeinrichtungen“: Diesen sperrigen Titel trägt ein Pilotprojekt der Barmer Krankenkasse. Mit einer Hamburger Start-up-Firma wurde eine Spielekonsole entwickelt, die auf ältere Menschen ausgerichtet ist und deren mitunter eingeschränkte Bewegungsfähigkeit berücksichtigt. „Ziel ist es, mit den Videospielen die körperliche und geistige Fitness zu verbessern“, erklärt Benjamin Pützer, Regionalgeschäftsführer der Barmer.

Fünf Bewohner testen die Spielkonsole

Nach ersten Testläufen in Hamburg und Berlin wird die „Memore-Box“ seit September in bundesweit 100 Pflegeeinrichtungen erprobt; 20 in NRW, eine in Bochum: das DRK-Seniorenzentrum An der Holtbrügge. Fünf der 250 Bewohner wurden für die Daddel-Studie ausgewählt: zwei Frauen und drei Männer zwischen 68 und 88 Jahren, die dreimal pro Woche für 90 Minuten zum Spielen gebeten werden.

Noch sind erst knapp zwei Monate vergangen. Doch Beate Schwarz (63), Leiterin des Sozialen Dienstes, ist bereits voll des Lobes. „Den Bewohnern und auch uns macht es Riesenspaß!“ Zwar mussten die fünf Senioren manche Scheu und Schwelle überwinden. „Schließlich hatte noch keiner je zuvor mit einer Spielkonsole zu tun gehabt.“ Doch die Handhabung sei denkbar einfach. Alle seien mit großem Ehrgeiz dabei. Längst sei das gemeinschaftliche Zocken zur beliebten Freizeitbeschäftigung geworden.

Bei Helenes „Atemlos“ wird mit Händen und Füßen getanzt

Sechs Spiele stehen zur Auswahl. Die Anmeldung erfolgt über eine Karte mit QR-Code, die vor die Kamera gehalten wird. Besonders gefragt ist das Tanzen. „Atemlos durch die Nacht“, schallt es aus den Boxen. Die Hände in die Höhe, die Beine wippen im Takt mit: Bernhard Neeland (84) beherrscht den Stuhl-Tanz so perfekt, dass Helene Fischer ihre helle Freude hätte. „Damit kannst du in jede Disko!“, grinst Karl-Friedrich Hüllmann, der das Kegeln bevorzugt. Mit rechts die Pinne auf dem Monitor anvisiert. Dann volle Pulle alle Neune: „Das hab’ ich früher schon gern gemacht. Fast wie in echt“, sagt der 68-Jährige.

Tischtennis, Motorradfahren (Steuerung über den Oberkörper) sowie Singen hält die Konsole außerdem bereit. Alle Spiele sollen dazu beitragen, die Beweglichkeit und damit die Stand- und Gangsicherheit zu stabilisieren, die Konzentration und Koordination zu stärken und – ganz schlicht – die Lebensfreude zu fördern. Beate Schwarz kann hinter alle Vorgaben ein Häkchen machen: „Das Spielen ist eine echte Bereicherung: sowohl für die Bewohner als auch für die Pflegekräfte.“ Die werden entlastet, wenn ihre Schützlinge beweglich bleiben und ihre grauen Zellen regelmäßig trainieren.

Bewohnerin wird zur virtuellen Briefträgerin

Erika Dederke hat ihre Post-Box inzwischen geleert. Heute hat sie besonders viel Zielwasser getrunken: Fast alle Briefe sind mit Schwung in die Kästen geflattert, nur wenige daneben. Gleich wird getanzt. „Atemlos“, für einige Minuten auch sorglos. „Vor Kurzem kannte ich das alles nicht“, sagt Erika Dederke, die seit zwei Jahren im DRK-Zentrum lebt. „Aber jetzt freue ich mich jedesmal darauf.“

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