Mietstreit

Bochum: Rentner steht ein Weihnachtsfest im Container bevor

Alfred Grutsch (78) sitzt im „Wohnraum“ des Containers, in dem er seit elf Monaten lebt. Auch das Weihnachtsfest wird er wohl dort verbringen.

Alfred Grutsch (78) sitzt im „Wohnraum“ des Containers, in dem er seit elf Monaten lebt. Auch das Weihnachtsfest wird er wohl dort verbringen.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Bochum.  Ein schwerkranker Rentner wohnt seit elf Monaten in einem Container. Auch Weihnachten wird Alfred Grutsch wohl in der Behausung verbringen.

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Weihnachten steht vor der Tür. Aber hinter seiner Tür ist es Alfred Grutsch nicht gerade weihnachtlich zu Mute. Seit elf Monaten wohnt der schwerkranke 78-Jährige in einem Baucontainer auf einem Grundstück an der Gahlenschen Straße in Bochum-Hamme. Das Fest wird er dort allein verbringen. „Wo sonst?“, sagt er und blickt sich um in seiner provisorischen Behausung.

Das Adventsgesteck mit der dicken roten Kerze auf dem Tisch im „Wohnraum“ bildet einen kleinen, festlichen Kontrast zu der ansonsten mit Möbeln und Habseligkeiten vollgestopften Unterkunft. Anfang des Jahres ist der schwer kranke Rentner dort eingezogen. Das Haus, in dem er 40 Jahre lang gewohnt hat, wurde abgerissen. Und eigentlich sollte er schon längst in seiner neuen Wohnung in einem Neubau auf dem gleichen Grundstück an der Gahlenschen Straße leben.

Aber das kann noch dauern. „Bestimmt ein halbes Jahr, da ist ja noch nicht einmal der Rohbau fertig“, sagt Alfred Grutsch und zeigt mit dem Finger aus dem Fenster des Containers in die Richtung, in der 50 Meter weiter der Neubau steht. Eine kleine Zweiraumwohnung im Souterrain soll er beziehen, den Mietvertrag hatte er noch vor dem Auszug aus seiner alten Wohnung unterschrieben. Und jetzt wartet er darauf, dass er endlich einziehen kann. Der Bauunternehmer haben viel mit ihm gesprochen. Auch versprochen. „Alles leere Versprechen“, sagt Alfred Grutsch.

Garten und Laube abgerissen

Früher, so erzählt er, sei genau an der Stelle, an der er jetzt wohnt, sein kleiner Garten gewesen. „Da habe ich Tiere gehalten, Vögel, Hühner, Tauben, Goldfische und Koi-Karpfen. Es gab eine kleine Terrasse, wir haben oft hier gefeiert.“

Das ist Vergangenheit. Weil das lange Grundstück hinter dem alten Haus, auf dem Garagen standen und eben der Garten von Alfred Grutsch war, verkauft wurde und jetzt bebaut wird, wurde alles dem Erdboden gleich gemacht. Es sei ihm schwer gefallen, so der Rentner, sich von den Tieren zu trennen. „Ich habe sie alle verschenkt. Mir ging es vor allem darum, dass es ihnen gut geht.“ Aber ohne eine Beschäftigung, ohne Aufgabe, ist das Leben doppelt schwer.

Die meisten Bekannten sind verstorben

„Früher in meiner schönen Wohnung habe ich auch allein gelebt. Aber da habe ich Besuch bekommen und ich habe mich um den Garten und die Tiere gekümmert.“ Jetzt komme niemand mehr. „Die meisten Freunde und Bekannte sind gestorben. Ein, zwei Leute sehe ich noch ab und zu. Mehr nicht.“ Dabei habe er früher, wenn er mit seiner damaligen Freundin und späteren Frau über die Kortumstraße gegangen ist, viele Menschen gegrüßt. „Du kennst ja Gott und die Welt, hat meine Frau dann gesagt.“

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Damit ihm nicht die Decke auf den Kopf fällt, fährt der Rentner dreimal in der Woche in die Stadt. Montags, mittwochs und freitags. „Dann bin ich im Eiscafé La Luna.“

Fahren? „Sicher mit dem Bus“, sagt der Besuch. „Nein, ich fahre da mit meinem Roller hin. Darauf bin ich sicherer als zu Fuß“, so Grutsch. Seit 50 Jahren fahre er Moped und Roller. „Unfallfrei“, wie er nicht ohne Stolz ergänzt. Sonst komme er ja gar nicht mehr raus.

Fernseher läuft den ganzen Tag

Im Container gibt es nichts zu tun. Alfred Grutsch schaut viel fern. „Das Gerät läuft den ganzen Tag. Am liebsten gucke ich Snooker.“ Der mehrfache Weltmeister Ronnie O’Sullivan ist sein Favorit. Und sonst? Warten.

Immerhin ist die Furcht, von jetzt auf gleich seine Unterkunft zu verlieren, nicht mehr ganz so groß wie noch vor einigen Tagen. Sein Vermieter, Bauträger der neuen Häuser auf dem Gelände im Stadtteil Hamme, hatte angekündigt, er müsse zum 30. November ausziehen. Aber geschehen ist nichts. „Mit mir hat auch niemand gesprochen“, so Alfred Grutsch. Er hofft weiterhin so bald wie möglich und wie versprochen in die kleine Neubauwohnung ziehen zu können. Bis dahin werde er ausharren. Auch zu Weihnachten.

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