Prozess

Bilal C. erzählt Richter, wie er aus der Bochumer JVA floh

Bilal C. gestand einen Raubüberfall auf einen Supermarkt und plauderte vor Gericht darüber, wie leicht es ihm im Januar 2011 fiel, die Mauern des Bochumer Knastes zu überwinden.

Bilal C. gestand einen Raubüberfall auf einen Supermarkt und plauderte vor Gericht darüber, wie leicht es ihm im Januar 2011 fiel, die Mauern des Bochumer Knastes zu überwinden.

Foto: Matthias Graben / FUNKE Foto Services

Essen/Bochum.  Bilal C. ist aus der Krümmede geflohen, ist im Ausland abgetaucht und muss sich jetzt für einen früheren Überfall in Dortmund verantworten.

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Fünf Jahre nach seiner spektakulären Flucht aus dem Bochumer Gefängnis sitzt Bilal C. mal wieder vor Gericht. Verantworten muss sich der 32-Jährige seit Mittwoch vor dem Landgericht Dortmund für einen trickreich vorbereiteten, aber brutal ausgeführten Raubüberfall auf den Real-Supermarkt in Dortmund-Aplerbeck. Die Tat gesteht er - und dabei plaudert der Dortmunder darüber, wie leicht es ihm im Januar 2011 fiel, die Mauern des Bochumer Knastes zu überwinden.

Es war nicht die einzige Flucht aus der “Krümmede”. Nach Bilal C. folgten noch drei weitere Häftlinge, bevor NRW-Justizminister Thomas Kutschaty 2012 den Leiter des Gefängnisses entließ.

Handwerker sollen Gefängnis-Dachfenster offen gelassen haben

Bilal C. hatte am 17. April 2010 mit einem Komplizen den Real-Markt überfallen und 74.000 Euro erbeutet. Kurz danach hatte die Polizei ihn gefasst, in Bochum saß er in U-Haft und wartete auf seinen Prozess. Doch da hätten Bauarbeiten in der Anstalt ihm plötzlich die Möglichkeit eröffnet, die JVA zu verlassen, erzählt er. Denn die Handwerker hätten öfter das Dachfenster offen gelassen.

Zweimal habe er die Gelegenheit genutzt, sich auf dem Dach umzusehen und die Fluchtmöglichkeiten auszubaldowern. An einem Freitag im Januar 2011 war es dann soweit. Bilal C. kletterte erneut aufs Dach, sprang fünf Meter tief auf das Flachdach eines Nebengebäudes und dann sechs Meter tief auf den Bürgersteig. Unter Schmerzen, er hatte sich bei einem der Sprünge ein Bein gebrochen, fuhr er mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Essen. Erst da informierte er Freunde, die ihn mit dem Taxi nach Düsseldorf brachten, wo er sich unter falschen Personalien das Bein operieren ließ.

Untergetaucht in London und Bosnien-Herzegowina

Er tauchte danach im Libanon und in Bosnien-Herzegowina unter. Die Fahndung nach ihm blieb ohne Erfolg, auch ein Beitrag bei Aktenzeichen xy brachte keinen entscheidenden Hinweis - bis schließlich 2014 die Zielfahnder des Landeskriminalamtes NRW die Suche übernahmen. Ende 2015 endete seine Flucht in Sarajewo, im Januar 2016 wurde er nach Deutschland ausgeliefert. Seitdem sitzt er in der Kölner JVA im Hochsicherheitstrakt.

Fußfesseln sollen erneute Flucht verhindern

Richter Thomas Kelm, Vorsitzender der 39. Strafkammer in Dortmund, setzt jetzt auf Sicherheit. Bilal C. trippelt zur Anklagebank. Fußfesseln, die er auch während der Hauptverhandlung anhaben muss, verhindern größere Schritte. “Die Fenster lassen wir besser zu”, betont der Richter, auch wenn Verteidiger Volker Schröder signalisiert, dass ein wenig frische Luft doch nicht schade.

In diesem freundlichen Plauderton geht es weiter, auch der Angeklagte macht gute Miene zum aus seiner Sicht bösen Spiel. Vorgeworfen wird ihm auch der Überfall auf einen Penny-Markt am 8. September 2009 in Lünen. Das sei ihm aber eine Nummer zu klein, bestreitet er diese Tat und erläutert es gerne dem Gericht. Denn aus so einem Markt ließen sich doch nur 10.000 Euro holen: “Nichts für mich.”

Vor Real-Überfall Mitarbeiter-Kleidung gestohlen

Für den Real-Überfall sei er dagegen verantwortlich, gesteht er. Ein Freund, der bei Real eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert hatte, sei der Tippgeber gewesen. Er habe erzählt, wie und wann das Bargeld von den Kassen ins Kassenbüro gelangte. Trickreich die Vorbereitung: Damit sie nicht weiter auffielen, hätten sie sich in einem anderen Markt der Kette Mitarbeiterkittel besorgt.

Am 17. April 2010 gaben sie sich vor dem verschlossenen und mit einer Videokamera gesicherten Kassenbüro als Mitarbeiter aus. Als die Türe geöffnet wurde, zeigten sie ihr wahres Gesicht, das sie allerdings mit Perücke und Kappe getarnt hatten. “Das ist ein Überfall, sofort auf den Boden” rief einer. Eine Angestellte bekam eine Pistole an den Kopf gehalten und wurde zu Boden geworfen, ebenso eine andere. Die Hände wurden ihnen auf dem Rücken gefesselt. Dann nahmen die Täter 74.000 Euro mit.

Sein Komplize wurde bereits zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Damals wurde deutlich, wie traumatisiert die Opfer auch noch lange Zeit nach der brutal ausgeführten Tat sind.

Bilal C., der schon oft vor Gericht stand, will eher zufällig in diesen Überfall hineingezogen worden sein. Eigentlich hätten andere die Tat verüben sollen, sagt er. Weil aber einer von diesen damals in Haft gekommen sei, hätte er mitmachen müssen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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