Stadtgeschichte

Wie sich Katholiken in Bochum ihr Dorf gebaut haben

Norbert Körbers Eltern zogen 1953 in die Augustinusstraße im Katholikentagsdorf und lebten dort 45 Jahre bis zu ihrem Tod. Noch heute sind die meisten Häuser im Besitz der ersten Eigentümer oder ihrer Nachfahren.

Norbert Körbers Eltern zogen 1953 in die Augustinusstraße im Katholikentagsdorf und lebten dort 45 Jahre bis zu ihrem Tod. Noch heute sind die meisten Häuser im Besitz der ersten Eigentümer oder ihrer Nachfahren.

Foto: Ingo Otto

Bochum.   Auf dem Katholikentag 1949 in Bochum kamen 100.000 DM für eine neue Siedlung zusammen. Norbert Körbers Eltern gehörten zu den ersten Bewohnern.

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Die schönste Erinnerung an das Leben in der Katholikentagssiedlung? Das Gefühl von Zusammenhalt. „Wir waren immer draußen, gingen zusammen in den Kindergarten, in die Schule“, sagt Norbert Körber. 1954 wurde er als erstes Kind von Elisabeth und Nikolaus Körber geboren.

Fünf Geschwister folgten. Seine Eltern gehörten zu den ersten Bewohnern des „Dorfes“, sie zogen 1953 in eines der 76 Eigenheime ein. Den finanziellen Grundstein für die Siedlung bildeten die auf dem Katholikentag gesammelten „Stundenlohnspenden“, das Weitere leisteten die Bewohner – mit eigenen Händen. Jeder musste mitanpacken, jeder hat mitgebaut.

Für Bochumer, die keinen Wohnraum fanden

Als Norbert Körber den Artikel zum Katholikentag in der WAZ gelesen hat, meldete er sich bei uns – denn mit der Siedlung rund um die Heilig-Geist-Kirche, die aus diesem Kirchengroßereignis entstanden ist, verbindet der 63-Jährige viele Kindheitserinnerungen.

Gedacht war die Siedlung für Bochumer, die nach dem Krieg keinen Wohnraum fanden. 2000 bis 3000 Arbeitsstunden zu einem Lohn von je 1,60 DM musste jeder Siedler beitragen – sie wurden ihnen beim Kaufpreis gutgeschrieben. Die Familie der Körbers half beim Bau der Häuser und Straßen, denn der Vater, Jahrgang 1927, war kriegsversehrt. „Er wurde als 15-Jähriger an die Front geschickt. Als 17-Jähriger war sein Bein ab, irgendwo in Frankreich“, sagt Norbert Körber.

Viel erzählt haben beide Eltern nicht vom Krieg. Aber die Mutter erinnerte sich jedes Jahr am 4. November an die schreckliche Nacht, als 1944 140.000 Bomben auf Bochum fielen. Auch ihre Familien wurde ausgebombt. Umso glücklicher war das junge Paar, als es ein Haus im Katholikentagsdorf zugesprochen bekam.

800 Quadratmeter Garten

Auf großen Grundstücken waren die Siedlungshäuser gebaut, 800 Quadratmeter Garten gehörten dazu. Fast jede Familie hielt Nutztiere, meist Hühner und Schweine, zog ihre eigenen Kartoffeln, erntete die Obstbäume. „Wir waren Selbstversorger“, sagt Körber. Im Erdgeschoss des Hauses gab es einen Wohnraum und Küche, ein Schlafzimmer für die Eltern und oben drei weitere: zunächst für Oma, Tante, Großtante, später für die sechs Kinder.

Dreimal bauten die Eltern das Haus aus, in dem sie bis zu ihrem Tod 1998 lebten. Später verkauften es die Kinder.

„Ich habe damit abgeschlossen“, sagt Norbert Körber. Der 63-Jährige arbeitete bei Opel, trägt heute Zeitungen aus, auch die WAZ. Was aber geblieben ist: der Zusammenhalt. Die Kinder, die fest verwurzelt waren in der Heilig-Geist-Kirche und bei den Harpener Pfadfindern, kauften eine Mühle in der Normandie, die „Moulin St. Benoit“. Noch heute fahren dort regelmäßig Stämme hin – und so mancher Wölfling ist Enkel eines ehemaligen Kirchendorfbewohners.

>> INFO: Erzählen Sie uns von Ihren Erinnerungen

  • Zum 70. Geburtstag der WAZ in diesem Jahr hat unsere Lokalredaktion 70 Ereignisse ausgewählt, die für Bochum(er) wichtig waren und die Stadt geprägt haben. 1949 war dies der Katholikentag, über den wir am 3. April groß berichtet haben.

  • In den kommenden Monaten werden wir weitere wichtige Themen der Jahrzehnte aufgreifen und anhand von Erinnerungen erzählen. Dabei suchen wir auch Ihre Erinnerungen, liebe Leserinnen und Leser. Sie waren bei einem Ereignis dabei? Ihnen fehlt etwas Wichtiges? Rufen Sie uns an unter 0234/ 966 14 33 oder schreiben Sie eine Mail an redaktion.bochum@waz.de.

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