Stadtgeschichte

Höntroper Loch: Als sich in Wattenscheid die Erde auftut

Mehrere Autos, Garagen und Bäume verschling das Höntroper Loch im Jahr 2000.

Mehrere Autos, Garagen und Bäume verschling das Höntroper Loch im Jahr 2000.

Foto: Gero Helm

Bochum.   Es ist einer der spektakulärsten Tagesbrüche im Ruhrgebiet: Im Jahr 2000 reißt ein Krater in Bochum-Wattenscheid Teile des Wohngebiets mit sich.

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Anke Watermeier macht gerade Frühstück in ihrem Haus in der Emilstraße, es ist Sonntagmorgen, sie kocht Eier. Der Tee zieht in der Kanne, als ein „komisches Geräusch“ sie aufschrecken lässt. „Mein Vater lief ganz untypisch, so wie er am Frühstückstisch gesessen hatte, auf die Straße.“

Da kann was nicht in Ordnung sein, denkt sie sich und eilt ihrem Vater hinterher. Wenige Meter von ihrem Garten entfernt sieht sie „nur noch das große Loch“. Kurz darauf kommen Feuerwehr und Polizei, riegeln das Areal ab.

Am Morgen des 2. Januars 2000 verschlingt ein riesiger Tagesbruch elf hohe Tannen und zwei Garagen, eine weitere und mehrere Autos folgen am nächsten Tag, als sich der Krater ausweitet. 700 Quadratmeter groß wird er, bis zu 15 Meter tief. Es ist einer der größten Tagesbrüche im Ruhrgebiet – und besonders spektakulär, weil er sich mitten im Wohngebiet auftut. „Es ist ein Wunder, dass niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist“, sagt Anke Watermeier.

Krater schluckt VW Golf des Nachbarn

„Da ist eine Wasserlache an der Garage, schau mal nach deinem Auto“, sagt ein Nachbar am Morgen zu seinem Sohn. Der junge Mann, verlangsamt durch einen Bandscheibenvorfall, hat noch nicht das Haus verlassen, als der Boden seinen VW Golf verschluckt – und ihn fast mitgenommen hätte. Eine andere Nachbarin wird von ihrem Hund zurückgehalten: Er sträubt sich wenige Minuten vor dem Bruch, in den Garten hinauszulaufen.

Höntroper Loch: Tagesbruch in Wattenscheid

Die Familie von Anke Watermeier lebt schon seit Jahrzehnten in der Emilstraße. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauen ihre Großeltern – der Opa ist Bergmann – das Haus auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Vereinigte Maria Anna Steinbank. Schacht vier, der unter dem Haus verlief, liegt bereits seit 1905 still.

Die Mutter von Anke Watermeier gebärt sie und ihre drei Geschwister in der Emilstraße, die Verbundenheit zum Geburtshaus ist groß und bleibt es auch nach dem Schreckenssonntag.

An diesem Tag kommen die Watermeiers bei Nachbarn außerhalb des gefährlichen Gebiets unter. Am Abend dürfen sie wieder zurück, die Nachbarn bleiben monatelang im Hotel. Die meisten verkaufen bald ihre Häuser und Grundstücke.

7500 Kubikmeter Beton fließen in die Erde

Tanklader, beladen mit Beton, fahren anfangs 24 Stunden lang jeden Tag in die enge Sackgasse. Sie verfüllen Kubikmeter um Kubikmeter. 2001 wird der Sohn der Watermeiers geboren. Als er drei Jahre alt ist, sagt er zu seiner Mutter: „Mama, das regt mich total auf, dieses ständige Wumm-Wumm.“ Rund sieben Jahre dauert die Verfüllung, zwölf Millionen Mark kostet sie. 7500 Kubikmeter Beton fließen in die Erde.

Schlimmer noch als der Lärm sind Anke Watermeier aber die Schaulustigen und Journalisten in Erinnerung geblieben. Fernsehteams von RTL und Pro Sieben kreisen mit dem Hubschrauber über dem Areal, „so tief, dass wir dachten, das muss doch eigentlich verboten sein“. „Es hat ständig geklingelt, man machte die Tür auf und hatte so einen riesigen Mikrofon-Puschel im Gesicht.“

Durchlass nur mit Personalausweis

Bewohner aus Eppendorf kommen nach Höntrop, stellen sich beim Nachbarhaus unter und tun so, als wohnten sie dort – um ins Fernsehen zu kommen. Manche Schaulustige sind bis an die Bruchkante gegangen“, erinnert sie sich, „da hat man sich wirklich gefragt: Sind die lebensmüde?“ Die Polizei lässt schließlich nur noch Anwohner mit Personalausweis in die Straße.

Wegziehen kommt für die Familie nie in Frage und Anke Watermeiers Vater, der immer noch mit im Haus lebt, ist sich sicher: Ihr Eigentum steht auf festem Gestein.

>> Multimedia-Chronik: Bochum von 1948 bis 2018

Dieser Artikel ist Teil der Serie „70 Jahre WAZ – 70 Jahre Bochum“. Der Zeitstrahl Bochum70.waz.de bietet zu Nachrichten und Ereignissen, die für Bochum(er) zwischen 1948 und 2018 wichtig waren, historische Filmaufnahmen, Fotos und alte WAZ-Zeitungsseiten zum Durchblättern. Auf der Seite können Sie auch eigene Bochumer Stadtgeschichten und Fotos hochladen. Das erste Jahresthema der Multimedia-Chronik: die Gründung der WAZ in Bochum im Jahr 1948.

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