Stadtgeschichte

A40-Ausbau: Als der Ruhrschleichweg in Bochum schnell wurde

Ruhrschnellweg-Bau in Bochum

Die „Bochumer Themen“ 1955 – 1958 zeigen die jahrelangen Bauarbeiten am „Ruhrschleichweg“ bzw. Ruhrschnellweg (B1) in den 1950ern.

Die „Bochumer Themen“ 1955 – 1958 zeigen die jahrelangen Bauarbeiten am „Ruhrschleichweg“ bzw. Ruhrschnellweg (B1) in den 1950ern.

Beschreibung anzeigen

Bochum.   Heinz-Günter Spichartz ist an der A40 aufgewachsen. Die Trasse der alten B1 verlief vor seiner Haustür. In den 50er Jahren begann der Ausbau.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Bochum-Grumme, ein Wochentag wie jeder andere, 11 Uhr am Vormittag. Auf der A40 schieben sich Autos und Lkw träge in Richtung Dortmund. Heinz-Günter Spichartz kennt dieses Bild gut, er ist mit Blick auf die A40, die damals noch B1 hieß, aufgewachsen.

Aber er kennt auch ein anderes Bild: das der Planschwiese. Denn dort, wo heute der Verkehr mal steht, mal fließt, drängten sich bei schönem Sommerwetter einst die Menschen. „Da waren mehr Leute wie beim VfL“, sagt Spichartz.

Umkleidekabinen standen am Rande der Wasserfläche, Bäume säumten die Wege. Familien postierten sich fürs Foto, eine Ansichtskarte aus den 30ern zeigt sonnenbadende Besucher (Fotos am Textende). Die Planschwiese in Grumme war ein beliebtes Ausflugsziel.

Planschwiese nicht mehr gefragt

Dennoch habe es keine Proteste gegeben, erzählt Spichartz, als Wasser und Wiese der neuen Fahrbahn des Ruhrschnellweges weichen sollten. Vielleicht war es der verheißungsvolle Glanz eines neuen Mobilitätszeitalters, der die Bochumer besänftigte.

Vielleicht war das „Freibad“, wie es auf einem Stadtplan von 1928 genannt wurde, obwohl das Wasser nur bauchnabelhoch gewesen sein kann, aber auch einfach nicht mehr gefragt.

Spichartz jedenfalls, Jahrgang 1947, hat die Wiese nie sonderlich gemocht: Er habe dort zwar Schiffchen schwimmen lassen, aber ins Wasser gegangen sei er nur mit den Füßen, „es war ja nicht so sauber, abends ließen die Leute ihre Hunde hinein“.

Kleine Straße mit Kreuzungen und Gehwegen

Angelegt wird die heutige A40, vormals A430, vormals B1, vormals R1, vormals OW IV (Ost-West IV) bereits in den 1920er Jahren, als relativ kleine Straße, teilweise gepflastert, mit Kreuzungen, querenden Straßenbahngleisen sowie seitlichen Rad- und Gehwegen.

Das Haus, in dem Heinz-Günter Spichartz bis heute lebt, baut sein Großvater 1928. Genau vor Familie Spichartz’ Haustür führt die Straße entlang.

Bald schon gibt es zahlreiche Unfallschwerpunkte; in den 50er Jahren sind auf der B1 im Raum Bochum täglich 25.000 bis 30.000 Fahrzeuge auf dem „Ruhrschleichweg“ unterwegs. So wird das Landesstraßenbauamt 1952 mit der Ausbauplanung beauftragt.

Die neue B1 soll größtenteils auf der Fläche der alten B1 verlaufen, in Grumme wird sie einen Schlenker durch die Planschwiese machen. Auch einige Häuser in Werne sind der Autobahn im Weg. Die Eigentümer werden kurzerhand entschädigt, die Häuser abgebrannt. „Das machte man damals so, das war die billigste Lösung“, sagt Andreas Gilweit, der in seinem Büro bei Straßen NRW (mit Blick auf die A40) ein inoffizielles Autobahnarchiv beherbergt. „Die Reste wurden dann mit dem Bagger klein gemacht.“

Fahrbahn muss an vielen Stellen tiefergelegt werden

So wie Spichartz Anekdoten parat hat, etwa von den Kindern, die wegen der zwei Schulstandorte bis Ende der 50er Jahre den Ruhrschnellweg queren mussten, oder von den Unfällen, die er vom Fenster aus beobachtet hat – „man hörte es scheppern und wusste Bescheid“ –, so kann Gilweit die Dimensionen des Bauwerks in Worte fassen: Mehrere Millionen Kubikmeter Erde werden für den Ausbau bewegt, die Fahrbahn muss vielerorts tiefergelegt werden.

Ein alter Plan aus Gilweits Archiv verzeichnet allein für das Teilstück in Wattenscheid 18 Brücken, für den Raum Bochum 11 Brücken, die zu bauen sind. „Der Asphalt wurde direkt vor Ort gemischt und auf die Straße gebracht“, sagt Gilweit.

Als im November 1955 das erste Teilstück von Essen-Kray bis zur Stadtgrenze Bochum freigegeben wird, schreibt der Stadtanzeiger: „Der vielgelästerte Ruhrschleichweg wird auf dem Wattenscheider Abschnitt wieder schnell“ und jubelt über die enorme Benzin-, Reifen- und Zeitersparnis. Für die nicht motorisierten Verkehrsteilnehmer verläuft ein Radweg rechts und links der B1; er muss erst später der platzhungrigen Straße weichen.

Durch den Ausbau ändern sich Adressen

Spichartz’ Haus bleibt zwar, wo es ist, und doch ist Spichartz laut Stadt seit den 50er Jahren fünfmal umgezogen. Wie das?

Aus seiner ursprünglichen Adresse, der Dortmunder Straße 3, wurde 1953 der Gersteinring; weil später aber auffiel, dass es die Nummer 3 auf besagter Straße schon gab, bekam Spichartz’ Zuhause die Nummer 17. Nach dem Umbau des Ruhrschnellweges wurde der Gersteinring 17 zum Wachtelweg 17.

Und wegen postalischer Schwierigkeiten – „auf die 1 folgte die 26, dann die 18 und für die 17 musste man irgendwo hintenrum“ – erhielt das Haus erneut eine andere Nummer: die 27. 1963 wurde dann zum vorerst letzten Mal neu sortiert, aus der 27 wurde die 21.

Den Lärm hört Spichartz heute kaum noch

Mal abgesehen von den Adresswechseln auf dem Papier – hat Spichartz jemals umziehen wollen? Weg vom Lärm, weg von den Abgasen? Er verneint: „Das ist doch unser Eigentum hier“.

Den Lärm der A40, der über die Jahre stetig zugenommen hat, hört Spichartz heute kaum noch, nicht nur weil er sich dran gewöhnt hat und weil es irgendwann auch mal eine Schicht Flüsterasphalt gab, sondern auch, weil mit dem Alter die Ohren nicht mehr wie früher ihren Dienst tun.

Das Autobahnstück zwischen den Kreuzen Bochum-West und Dortmund-West passieren heute über 95.000 Fahrzeuge täglich, bis 2025 rechnet Straßen NRW mit einer Steigerung auf 110.000. Der sechsspurige Ausbau hat bereits begonnen.

>> Multimedia-Chronik: Bochum von 1948 bis 2018

Dieser Artikel ist Teil des ProBO-Projektes „70 Jahre WAZ – 70 Jahre Bochum“. Unser Zeitstrahl Bochum70.waz.de bietet zu Nachrichten und Ereignissen, die für Bochum(er) zwischen 1948 und 2018 wichtig waren oder wurden, historische Filmaufnahmen, Fotos und die alten WAZ-Zeitungsseiten zum Durchblättern. Auf dem Spezial können Sie auch eigene Bochumer Stadtgeschichten und Fotos hochladen. Das erste Jahresthema der Multimedia-Chronik: die Gründung der WAZ in Bochum im Jahr 1948.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben