Urzeit

Balve war vor 130 Millionen Jahren ein Jurassic Park

Foto: WP

Balve/Münster.   Urzeit-Viecher in Balve: Im nördlichen Sauerland wimmelte es vor Dinos. Dr. Klaus-Peter Lanser wies es nach. Nach 14 Jahren sagt er Tschüss.

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In Balve befindet sich eine der republikweit größten Dino-Fundstellen. Die Ausgrabungen leitet Dr. Klaus-Peter Lanser vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) seit 14 Jahren. Über die Pensionierungsgrenze ist der 67-jährige Urzeitforscher längst hinaus. Drei Jahre hängte der Beamte dran, so viel ist erlaubt. Seit Januar arbeitet der Paläontologe per Werkvertrag – bis zum 31. Juli. Dann geht der Jäger der verlorenen Schätze endgültig in den Ruhestand.

Als Balve an der Nordsee lag

Dr. Lanser hat viele Fossilien in Balve gefunden, unerwartet viele. Dino-Zähne, Frühsäuger-Knochen, Stücke von Schildkröten-Panzern.

Zu sehen sind die Fundstücke im Museum für Naturkunde in Münster. Dort hängt auch eine beeindruckende Grafik des Künstlers John Stibbick. Sie sieht aus wie eine gezeichnete Szene aus Hollywoods Dino-Klassiker „Jurassic Park“: Drei Raptoren mit messerscharfen Zähnen greifen einen Urzeit-Vegetarier an: einen Iguanodon. Doch diese Szene ist keineswegs vom Kino inspiriert, sondern von der Realität. Der Künstler hat sich an der Balver Szenerie orientiert.

Balve vor 130 Millionen Jahren. Die Nordsee endete am Nordrand des heutigen Sauerlandes, das es als Mittelgebirge noch gar nicht gab. Und das Klima in der damaligen flachen Sumpflandschaft war keineswegs mitteleuropäisch feucht-kühl, sondern, im Gegenteil, subtropisch wie am Mittelmeer. Pflanzen sprossen reichlich. Kein Wunder, dass eine große Tiergesellschaft in der Region lebte. Die Küste bestand aus Kalkstein, und in Karsthöhlen sammelten sich Überreste toter Tiere.

Wer Dinos sucht, darf Drecksarbeit nicht scheuen

Zeitsprung in die Gegenwart. Sonne, Wolken, laue Luft, ein Steinbruch bei Balve. Dr. Lanser und seine dreiköpfige Studentengruppe zerkleinern mit Spachteln Tonklumpen. Was wie Kartoffelschälen aussieht, ist Knochen-Arbeit: Die Forscher finden immer wieder Überreste von Urzeitviechern. Studentin Stefanie Kunz zeigt einen flachen Stein, der, voll feiner Vertiefungen, einst Teil eines Schildkrötenpanzers war. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

So gut wie dieser Tage sind die Arbeitsbedingungen keineswegs immer. Im Frühjahr und im Frühherbst sorgen Nieselregen und kühle Temperaturen für klamme Finger. Wer Dinos sucht, darf Drecksarbeit nicht scheuen.

Mehr als ein Beruf: Berufung

Dr. Lanser, in Hemdsärmeln und derber Arbeitskluft, freut sich über den Besuch bei eintöniger Feldforschung. Was er macht, wie er arbeitet und was ihn treibt, sprudelt in einem Schwall wissenschaftlicher Begeisterung aus dem gebürtigen Rheinländer heraus. Er spricht schnell, und seine Augen leuchtet: Dieser Mann hat mehr als einen Beruf, er folgt seiner Berufung.

Damals, vor 14 Jahren, kam er per Zufall nach Balve. „Ein Mineraliensammler“, erinnert sich Dr. Lanser, hatte im Jahr 2000 einen seltsamen Fund gemacht. Wir dachten zuerst, es handele sich um Knochen von Steinzeittieren, Mammut oder Höhlenbär. Doch sie entpuppten sich als Zähne von einem Iguanodon.“

Tatsächlich haben Dr. Lanser und seine Studenten seither eine Menge urzeitlichen Materials gefunden. „Aber ganze Skelette, wie im Film, waren nicht dabei“, fügt der Forscher augenzwinkernd hinzu.

Mission Urzeit beendet?

Ein Teil davon ist als Abguss im Balver Museum für Vor- und Frühgeschichte zu sehen. Das Publikumsinteresse an den Funden ist groß, getrieben auch von Steven Spielbergs Action-Streifen. Der Film hatte auch Folgen für den wissenschaftlichen Nachwuchs: „Die Nachwuchskräfte machen alle auf Dinos“, erzählt Dr. Lanser amüsiert.

Die Funde der Frühgeschichte lassen ihn auch im Ruhestand nicht los – über eine formale Übergabe hinaus. „Ich werde“, sagt Dr. Lanser entschlossen, „einen Abschlussbericht schreiben. Die Saurier sind bereits beschrieben, nicht jedoch die Säugetiere.“ Ist damit die Mission Urzeit in Balve beendet?

Keineswegs. Der LWL sucht einen Nachfolger für Dr. Lanser. Wer es wird, ist derzeit offen. Eines jedoch steht fest: Im Frühjahr 2017 geht’s weiter.

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