Einkaufen in Neheim

Einkaufsstadt Neheim: Tunnel ermöglicht Flanier-Meile

Neheimer Stadtsanierung: Tunnelbau in den Jahren 1985 und 1986

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Neheimer Stadtsanierung: Tunnelbau in den Jahren 1985 und 1986 Foto: privat

Neheim.   Bei Stadtsanierung nehmen neue Straßenführungen viel Verkehr aus der Neheimer Innenstadt heraus. Die Fußgängerzone wird deutlich verlängert.

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Auto- und Lkw-Verkehr aus der Innenstadt rausnehmen, den Fußgängern für einen Einkaufsbummel mehr Aufenthaltsqualität bieten, ausreichend Pkw-Stellplätze in angrenzenden Parkhäusern schaffen - all dies liest sich wie heutige Handlungsanweisungen an Stadtplaner, die eine Einkaufstadt attraktiv machen sollen. In Neheim bildeten solche Planungen schon in den 1960er sowie 1970er Jahren die Grundlage für die neue Einkaufsstadt Neheim. Damals herrschte Handlungsdruck: Neheim platzte verkehrlich aus allen Nähten und war fürs Einkaufen zunehmend unattraktiv.

Die Kommunalpolitik ließ daher 1969 ein Einzelhandelsgutachten vom Kölner Institut für Gebietsplanung und Stadtentwicklung (INGESTA) erstellen und zog hieraus die Konsequenz mit dem Konzept für die Neheimer Stadtsanierung zwischen 1974 und 1988: Die Fußgängerzone auf der Hauptstraße, die schon im Abschnitt zwischen Ober- und Möhnestraße bestand, sollte bis zur Westseite des Marktplatzes verlängert werden und die bisherige Friedrichstraße an der Marktplatz-Westseite in einem Tunnel unter dem Marktplatz verschwinden, so dass der Autoverkehr aus der Neheimer Einkaufszone herausgenommen werden konnte.

„Ein Tunnelbau allein hätte aber nicht gereicht, um Neheims City verkehrlich deutlich zu entlasten. Fundamental war auch die Neheimer Ortsumgehung bzw. die spätere Autobahn 46 sowie die neue Möhnestraße (Landstraße 745)“, betont Alex Paust, der als SPD-Stadtratsmitglied (1974-2000) und vor allem als Arnsbergs Bürgermeister (1984-1999) in die Planungen der Stadtsanierung involviert war. Der heute 72-jährige Zeitzeuge ließ auf Anfrage unserer Zeitung die Geschehnisse noch mal Revue passieren. Es ging dabei um die Frage: Warum ist Neheim heute die Einkaufstadt, nicht nur in der Stadt Arnsberg, sondern auch für viele weitere Bürger in einem Einzugsgebiet von etwa 250 000 Einwohnern?

Viele Firmen-Umsiedlungen

„Ohne Zweifel gab in den 1980er Jahren die städtebauliche Neuordnung der Neheimer Innenstadt den entscheidenden Impuls für die Entwicklung Neheims zu einer attraktiven Einkaufsstadt“, sagt Paust rückblickend. Dabei habe ein Planungsrad ins andere gegriffen. Neben dem Rausholen des innerstädtischen Verkehrs sei es auch darum gegangen, die angrenzende Neheimer Altstadt - das „Strohdorf“ mit Burgstraße, Gransauplatz und Mendener Straße - aufzuwerten. Firmen wie Cloer und Westermann & Co. hätten das Areal verlassen. Wichtig seien auch die Umsiedlungen der Firmen Gebrüder Cosack, Kartoffelhandlung Humpert, Mayer &Wonisch (Umarex) sowie die Einigungen mit den Firmen BJB und FWB gewesen.

An F. W. Brökelmann hat Paust besondere Erinnerungen. Denn der vor dem geplanten Tunnel verlaufende Mühlengraben sollte zugeschüttet werden, wobei FWB in langwierigen Vertragsverhandlungen uralte Wasserrechte geltend machte. „Zu den schwierigsten Verhandlungen im Zuge der Neheimer Stadtsanierung gehörten damals die Verhandlungen mit FWB um die Wasserrechte. Schließlich mussten der Firma FWB erhebliche finanzielle Zugeständnisse gemacht werden, um den Mühlengraben verfüllen zu dürfen“, erinnert sich Paust und schmunzelt: „Naja, die Wasserrechte wurden damals vor dem Tunnelbau von FWB hoch gehandelt, doch als der Tunnel 1986 realisiert war, war FWB auf die Wasserrechte nicht mehr unmittelbar angewiesen. Der Betrieb wurde bis Ende der 1980er Jahre komplett nach Höingen verlagert.“

Zu den Problematiken der Stadtsanierung gehörten auch die Wirren um die Ansiedlung eines Warenhauses auf der Neheimer Marktplatz-Westseite. Nach einem Ansiedlungs-Wettstreit zwischen Karstadt und Hertie erhielt Karstadt 1976 vom Rat der Stadt Arnsberg den Zuschlag, auf der Marktplatz-Westseite ein dreigeschossiges Kaufhaus mit 18.000 Quadratmetern Verkaufsfläche zu errichten. Doch drei Jahre später gab es eine Flaute bei Warenhaus-Expansionen in Deutschland und Karstadt sagte der Stadt Arnsberg ab. Nach einer Überplanung der Marktplatz-Westseite sollte nun das alte Haus Risse stehen bleiben und ein Einzelhandels- und Dienstleistungszentrum mit REWE als Hauptmieter entstehen. Projektentwickler war die damalige Firma Heine aus Oberhausen. Deren Investor, die Allianz, sagte Heine aber im November 1986 ab.

Bremke als Retter in der Not

Als Retter in der Not war die damalige Firma Bremke & Hoerster im Januar 1987 bereit, an der Marktplatz-Westseite eine Marktpassage mit einem Famila-Markt als Magnetbetrieb zu errichten. Im September 1988 wurde die Marktpassage nach eineinhalbjähriger Bauzeit fertiggestellt.

Und nun, 30 Jahre später, welchen Stellenwert genießt heute die Einkaufstadt Neheim für Alex Paust? „Neheim genießt unter vielen Bürgern den Ruf als gemütliche Einkaufsstadt mit Flair. Im Vergleich dazu wird das Einkaufen in der Großstadt, wo Menschenmassen durch Einkaufszonen ziehen, häufig als stressig empfunden“, blickt Paust resümierend auf das Jahrhundert-Werk „Neheimer Stadtsanierung“ zurück, das den Grundstein für die moderne Einkaufstadt Neheim legte.

Im Überblick: Kosten, Bauverlauf und Kunden-Ströme

Kosten. Nach einer Kostenaufstellung der Stadtverwaltung aus dem Jahr 1988 hat die Neheimer Stadtsanierung 78,1 Millionen Mark gekostet. Hierbei flossen 46,2 Millionen Mark an Landeszuschüsse. Ein großer Kostenblock bildete der städtische Grunderwerb im Volumen von 32,0 Millionen Mark, der durch städtische Erlöse (wie Grundstücksverkäufe) in Höhe von 9,4 Millionen Mark nur teilweise kompensiert werden konnte. Unterm Strich wird die Höhe des städtischen Kostenanteils mit 19,9 Millionen Mark angegeben. Wenn man – wie Alex Paust – noch andere Maßnahmen wie zum Beispiel das Wohnumfeldprogramm im Strohdorf dazurechnet, ergibt sich ein Gesamtkostenvolumen von 88 Millionen Mark.

Verlauf.Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) war damals Träger der Neheimer Stadtsanierung. Die LEG richtete im Herbst 1974 im städtischen Gebäude der ehemaligen Fahrschule Baum das Sanierungsbüro ein. Am 10. Oktober 1974 erhielt die Stadt Arnsberg vom Regierungspräsidium den ersten Bewilligungsbescheid über Fördermittel. Am 12. Januar 1975 trat der neue Bebauungsplan in Kraft: Er sah eine Fläche für einen Warenhausbereich an der Marktplatz-Westseite sowie einen neuen Wohn- und Geschäftskomplex mit Parkhaus an der Marktplatz-Nordseite vor. Zum Bebauungsplan gehörte insbesondere ein umfangreiches neues Verkehrskonzept mit Untertunnelung des Marktplatzes und Bau eines neuen Busbahnhofs an der Goethestraße. Pkw-Einstellplatzverpflichtungen sollten durch Parkhäuser abgedeckt werden.

Kunden.Der neue Marktplatz mit Magnetbetrieb in der Marktpassage führte zu einer Verlagerung der Kundenströme an die untere Hauptstraße mit Marktplatz. „Benachteiligte Geschäfte in der Neheimer Oberstadt (insbesondere an der Oberstraße, Lange Wende und obere Hauptstraße) verlangten städtebauliche Kompensation“, erinnert sich Alex Paust. Die Stadt investierte daher auch in die Gestaltung des Bexley-Platzes (mit Oberstadt-Brunnen) und in einen als Parkplatz neu gestalteten Engelbertplatz.

KOMMENTAR von Martin Schwarz

Ohne Landesfördermittel wäre die Neheimer Stadtsanierung nicht zu stemmen gewesen, aber auch nicht ohne 20 Millionen Mark aus der Stadtkasse. Ratspolitiker aus anderen Stadtteilen trugen damals zwar die Entscheidung der Mega-Investition mit, doch sofort wurde auch gefragt: Was gibt es für Hüsten, was gibt es für Alt-Arnsberg? Hüsten bekam die Nordtangente mit Untertunnelung der Bahnlinie, in Arnsberg wurde später der Altstadt-Tunnel gebaut. Allen drei Bauprojekten gemeinsam war die Lösung von Verkehrsproblemen, wobei die Lösung des Neheimer Verkehrsproblems mit einer klaren Aufwertung der Einkaufsstadt Neheim verbunden war.

So kamen immer mehr Bürger aus den anderen Arnsberger Stadtteilen zum Einkaufen nach Neheim, es gab erhebliche Umsatz-Verschiebungen, aber auch Geschäftsverlagerungen in Richtung Neheim. Das, was erst 2001 als kommunalpolitischer Konsens proklamiert wurde - Neheim, die Einkaufstadt, Hüsten für Sport und Freizeit, Arnsberg für Kultur und Tourismus- war bereits 1988 für Neheim in der Wurzel angelegt.

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