Serie "24 Stunden"

Von null bis ein Uhr in der Westnetz-Netzstelle in Arnsberg

Der Herr der bunten Linien: Elektromeister Christian Drees in der Netzleitstelle an der Hellefelder Straße in Arnsberg.

Der Herr der bunten Linien: Elektromeister Christian Drees in der Netzleitstelle an der Hellefelder Straße in Arnsberg.

Foto: Wolfgang Becker

Arnsberg.   0 Uhr: In Arnsberg befindet sich das hermetisch abgeschottete Zentrum der Stromversorgung für den Bereich Westfalen.

23.59 Uhr. Die Schritte hallen durch den menschenleeren Gang. In dessen Mitte öffnet sich um null Uhr eine schwere Sicherheitstür - und wir stehen auf der Brücke des Raumschiffs Enterprise: abgedimmtes Licht, leuchtende Linien und Punkte in allen Farben auf riesigen LED-Bildschirmen. Drei großzügig eingerichtete Arbeitsplätze mit Knöpfen, Leuchtdioden, Tastaturen.

Doch wo sonst Leutnant Uhura sitzt und auf Befehle Captain Kirks wartet, thront Christian Drees und beobachtet konzentriert das Geschehen auf den Anzeigetafeln.

Arbeiten für eine reibungslose Stromversorgung

Denn wir sind nicht unterwegs in den endlosen Weiten des Alls, sondern befinden uns in der für Außenstehende hermetisch abgeschotteten Netzleitstelle von Westnetz/Innogy an der Hellefelder Straße in Arnsberg. Hier begleiten wir Christian Drees durch eine Stunde seiner Schicht - von Mitternacht bis 1 Uhr morgens.

24-h-Südwestfalen

Reportage zum Tag der Arbeit.
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Kein Job wie jeder andere. Denn hier verantwortet Christian Drees gemeinsam mit seinen Kollegen die reibungslose Stromversorgung für ein riesiges Gebiet: vom westlichen Ruhrgebiet über das Münsterland bis hin zum Sauerland. Damit bei einer Störung im Netz kein Unternehmen die Produktion einstellen, niemand auf den heißen Morgenkaffee verzichten muss.

„Nachts ist es zwar meist ruhiger als am Tag“

„Nachts ist es zwar meist ruhiger als am Tag,“ sagt Elektromeister Drees, „doch auftretende Störungen richten sich nicht nach unserer Arbeitszeit.“ Will heißen: Jederzeit kann ein Gong - verbunden mit einem optischen Signal - Alarm auslösen.

Im Schnitt, weiß Drees aus langjähriger Erfahrung, müssen täglich - auf 24 Stunden betrachtet - etwa zehn Störungen bewältigt werden. „In der Regel meist tagsüber.“

Das Wetter hat einen großen Anteil an Störungen

Wie die berühmte Baggerschaufel, die plötzlich ein dickes Erdkabel zersägt und so vorübergehend einen ganzen Stadtteil vom Stromnetz nehmen kann.

Einen großen Anteil an Störfällen hat jedoch das Wetter. Stürme lassen Bäume wie Mikadostäbe knicken und auf Stromleitungen wirbeln, plötzliches Schneechaos wie am 1. Advent 2005 im Münsterland setzt ganz Regionen matt.

Der letzte Großeinsatz trägt den Namen „Friederike“

Der letzte Großeinsatz liegt nicht lange zurück und trägt ein Namen: Friederike. Der Januarsturm sorgte für rund 90 schwere Störfälle. Wohlgemerkt: Nicht an einem Tag bzw. in einer Acht-Stunden-Schicht, sondern innerhalb von gerade einmal knapp drei Stunden.

„Da war hier bei uns mächtig Betrieb,“ erinnert sich Christian Drees an jene Stunden, in denen die Natur wieder einmal zeigte, wer Herr im Ring ist. Kurzzeitig, denn schnell hatten Drees und Co. die richtigen Schritte eingeleitet, um die Stromversorgung sicherzustellen.

„Das ist praktisch so wie bei einem Straßennetz“

Doch was ist das überhaupt, eine Netzleitstelle? „Das ist praktisch so wie bei einem Straßennetz.“ Die 380 KV-Leitungen sind die Autobahnen, also die großen Transportwege von Nord nach Süd, auf denen der Strom zum Beispiel der Offshore-Parks und Kraftwerke „abgefahren“ wird.

Von der Strom-Autobahn gibt es Abzweigungen auf die Bundesstraßen im 110 KV-Bereich, von dort wiederum sinnbildlich auf die Land- und Kreisstraßen bis hinunter zu den Feldwegen, auf denen der Strom schließlich zum Endverbraucher gelangt.

Ohne Energie stehen alle Räder still

Die Netzleitstelle an der Hellefelder Straße ist übrigens an der Landstraße - im Mittelspannungsbereich von 10 bis 30 KV - angedockt.

Ein weit verzweigtes System. Doch werden Störungen im Straßennetz gerne zu Dauerbaustellen, gilt es bei Störungen im für Laien komplizierten Stromnetz, sofort die richtigen „Knöpfe“ zu drücken. Denn ohne Energie stehen alle Räder still - in Unternehmen, Behörden und natürlich in den Haushalten.

Die großen LED-Bildschirme immer im Blick

Damit genau dies nicht passiert, eine Störung schnellstmöglich behoben wird, dafür sind Christian Drees und Kollegen in der Netzleitstelle stets hellwach. Denn hier ist das Zentrum für die Stromversorgung des gesamten westfälischen Bereichs. Eine fettes Stück auf der Landkarte.

So beobachtet Drees die bunten Linien und Punkte auf den LED-Schirmen, verfolgt auf einem weiteren das aktuelle Wettergeschehen, das frühzeitig auf drohende Eventualitäten aufmerksam machen kann.

Plötzlich Alarm

0.41 Uhr: Zurück auf die Brücke. „Alles ruhig zur Zeit,“ freut sich Drees. Noch einige Stunden bis Dienstschluss. 0.48 Uhr: Plötzlich ein Gongschlag, eine blaue Linie auf einem LED-Schirm verwandelt sich in knalliges Weiß: Störung.

Christian Drees identifiziert unverzüglich den Ort der Störung und leitet alles Erforderliche ein. Bis hinunter zum Personal vor Ort, das von der Netzleitstelle Arnsberg - also von Christian Drees - zielgerichtet an die Schadensstelle herangeführt wird, um die Arbeit aufzunehmen.

Die Reparaturtrupps werden aus Arnsberg abgesichert

„Diese Kollegen,“ erklärt der 49-Jährige, „werden zugleich von uns abgesichert, in dem wir dort den Strom abschalten.“

Parallel dazu leitet Drees - wie bei einer Straßenbaustelle - den Strom auf eine andere Leitung um, um die Versorgung der Endverbraucher zu sichern.

Auch die ausgewählte Umleitung muss geprüft werden

„Dafür muss ich aber zuvor die Lastverhältnisse auf der ins Auge gefassten Umleitungsstrecke prüfen, damit dort nicht durch Überlastung ein weiterer Schaden auftritt.“ Doch Christian Drees hat ruckzuck alles im Griff, die Sache läuft.

Die große Digitaluhr springt auf 1 Uhr. Wir müssen verabredungsgemäß den Sicherheitstrakt Netzleitstelle wieder verlassen, wünschen Christian Drees und seinem Kollegen eine ruhige Nacht. Mit dem guten Gefühl, zu wissen, dass bei unserer Heimkehr der Strom noch immer aus der Steckdose fließt.

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