Wildsichtungen

Verwüstete Gärten: Wild immer öfter in Arnsberg unterwegs

Gestatten? Auch in Arnsberg werden immer häufiger ungebetene Gäste in Gärten und Parks erwischt...

Gestatten? Auch in Arnsberg werden immer häufiger ungebetene Gäste in Gärten und Parks erwischt...

Foto: Christophe Gateau

Arnsberg.  Wildtiere treiben immer häufiger ihr Unwesen in der Stadt Arnsberg. „Kyrillflächen“ könnten eine mögliche Ursache sein.

Man steht frühmorgens auf, schlaftrunken, und wankt ins Bad. Anschließend ein schnelles Frühstück, ein eiliger Blick in die Zeitung. Der Blick schweift kurz aus dem Fenster, in den Garten, zurück zur Zeitung. Plötzlich zuckt man zurück und schaut genauer heraus. Erschrocken tritt man an das Glas und starrt auf das, was übrig geblieben ist von dem gut gepflegten Rosenbeet, dem sauber gemähten Rasen.

In letzter Zeit wird es einigen Bürgern Arnsbergs so ergangen sein. Verwüstete Gärten, abgefressene Pflanzen, und manchmal ist der Übeltäter sogar noch am Tatort. Wildtiere treiben ihr Unwesen im Kern der Stadt. Vor allem Rehe sollen zuletzt häufig gesichtet worden sein, aber auch Wildschweine und kleinere Tiere wie Waschbären, Marder oder Füchse sind unterwegs. Wie kommt es, dass sich die Tiere im Ortsinnern aufhalten, weitab von Wäldern oder natürlicheren Rückzugsorten?

Kyrillflächen mögliche Ursache

„Wir haben da eine Theorie“, sagt Bernhard Heuer, Jagdberater des Hochsauerlandkreises für den Bereich Arnsberg und Sundern. „Wir glauben, dass das vermehrte Vorkommen von Rehwild in Wohngebieten gerade in den vergangenen zwei Jahren mit den Kyrillflächen zu tun hat.“ Die Waldgebiete, die der Orkan Kyrill 2007 weitgehend von Bäumen befreite, waren lange Zeit offen und gut belichtet. Die Bodenvegetation dort florierte, was den Rehen viel Nahrung bescherte. Zuletzt hätten die lichten Flächen sich jedoch stark geschlossen. „Die Wiederaufforstung zeigte ihre Wirkung. Am Boden wurde es zunehmend dunkel, und die Nahrungsverhältnisse für die größer gewordene Population wieder schlechter“, so Heuer. Die Rehe suchten sich darauf neue Nahrungsquellen. Besonders attraktiv sind da Gärten. Mülltonnen, offene Komposthaufen, vor die Terassentür gestelltes Katzenfutter: „Alles eine Verlockung für Füchse, Waschbären und sogar für Schwarzwild.“

Auch der Jagdpächter Heinrich Kammer hat von den zunehmenden Wildsichtungen gehört. „Eine Frau, mit der ich sprach, glaubte eine Erscheinung zu haben. Am helllichten Tage rannte ein Reh über die Grafenstraße, passierte die Rumbecker Straße und lief dann auf der Grafenstraße weiter.“ Das Reh sei in den Folgetagen mehrfach gesehen worden. Zuletzt hatte es sich in einen Garten verirrt. Dort blieb es auch für einige Zeit. „Die Tiere verlaufen sich oft und kommen dann nicht mehr aus den Gärtensystemen heraus“, sagt Kammer. Wichtig sei hier, nicht mit Gewalt zu versuchen, die Tiere zu entfernen. Man solle sie gewähren lassen und abwarten. „Denn Wild ist herrenlos. Nur auf eigenem Grundstück verendete Tiere können in Besitz genommen werden.“

Für zerstörte Gärten muss jeder selbst aufkommen

Heinrich Kammer wurde häufig von der Polizei hinzugezogen, wenn es Wildschäden oder Wildunfälle gab. Er helfe zwar gern, sei aber eigentlich nur für die bejagbare Fläche zuständig. In befriedeten Bezirken, also in den Wohngegenden und in der Stadt, wo nicht gejagt werden darf, trage er für Wildschäden weder Verantwortung noch Schadensersatzpflicht. Für zerstörte Gärten in diesen Bereichen muss also jeder selbst aufkommen.

Der Bürger hat allerdings im Umgang mit Wild das ein oder andere zu beachten. Wildunfälle, zum Beispiel ein

Verkehrsunfall durch einen Zusammenstoß mit einem Wildtier, müssen umgehend bei der Polizei gemeldet werden. Man muss das Fahrzeug wie bei jedem Verkehrsunfall mit Warnblinkanlage an den Straßenrand fahren, das Warndreieck aufstellen und an der Unfallstelle warten. Einfach weiterzufahren, käme einer Fahrerflucht gleich. „Wenn man dann später Schäden am eigenen Auto bemerkt und diese von der Versicherung ersetzt haben möchte, braucht man als Beweis die Meldung bei der Polizei“, so Kammer. Bei Flucht vom Unfallort müsse man den Schaden dann selbst bezahlen.

Kammer und Heuer warnen beide davor, Hunde auf das Wild loszulassen. „Das Wildtier wird gehetzt, rennt panisch in einen Zaun und verendet dort qualvoll“, beschreibt Heuer die Situation, die bereits einige Male vorgekommen ist. „Streng genommen ist das Jagdwilderei“, sagt Kammer dazu.

Deutlicher Anstieg von Wildtieren in Wohngebieten

Auch wenn die Fälle der Wildsichtungen natürlich nicht immer so zahlreich sind wie aktuell, sieht Bernhard Heuer in den vergangenen Jahrzehnten einen deutlichen Anstieg der Tiere in den Wohngebieten. Es entständen geradezu Parallelpopulationen von Rehen und Füchsen und auch zunehmend von Wildschweinen in weitläufigeren Gärten, wo sich Tiergruppen länger ungestört aufhalten könnten.

„Dort findet auch die Reproduktion statt.“ Heuer erkennt den Klimawandel als eines der Probleme an, die die Situation verschärfen. „In den letzten Jahren kommt das Frühjahr deutlich eher und ist wärmer als noch vor zehn bis 20 Jahren. Die Winter werden immer kürzer und sind ebenfalls zu warm.“ Das schaffe günstigere Verhältnisse für Wild, sich zu vermehren und zu verbreiten.

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