Vortrag im SUG

In Neheim zu Gast: Zeitzeuge berichtet über Judenverfolgung

Zeitzeuge Gerry Gruneberg (vordere Reihe stehend - Dritter von rechts, umrahmt von Ehefrau Leah und Tochter Daniela) kommt mit SUG-Schülern, Lehrer Fabian Timpe, Bürgermeister Ralf Paul Bittner sowie  Vertretern der Veranstaltergemeinschaft  zu einem Erinnerungsfoto im Gymnasium zusammen.

Zeitzeuge Gerry Gruneberg (vordere Reihe stehend - Dritter von rechts, umrahmt von Ehefrau Leah und Tochter Daniela) kommt mit SUG-Schülern, Lehrer Fabian Timpe, Bürgermeister Ralf Paul Bittner sowie Vertretern der Veranstaltergemeinschaft zu einem Erinnerungsfoto im Gymnasium zusammen.

Foto: Frank Albrecht

Neheim.  Im traurigen Gedenken an die Reichspogromnacht vor 81 Jahren sprach der Zeitzeuge Gerry Gruneberg vor Schülern des Neheimer St.-Ursula-Gymnasiums

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„Es ist ein bewegendes Gefühl wieder in Arnsberg zu sein“, erzählt Gerry Gruneberg am Sonntagabend in der Aula des St.-Ursula-Gymnasiums in Neheim. Gerry Gruneberg (87) ist jüdischer Zeitzeuge der Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Er erlebte die Nacht als sechsjähriges Kind in Leipzig, nachdem seine Eltern, die aus Neheim und Sundern stammen, nach Leipzig gezogen waren. Viele Angehörige aus seiner im Sauerland verwurzelten Familie sind damals dem Holocaust zum Opfer gefallen. Die Trauer über den Tod vieler seiner Vorfahren war deshalb oft in seinem Vortrag zu spüren, wenn ihm die Stimme stockte. Rund 200 Zuhörer kamen in die Aula des SUG und erfuhren viel von der Familie Gruneberg. Gerry Gruneberg lebt schon seit vielen Jahren in London und hielt daher auf Englisch seinen Vortrag, der von Ben Ripe übersetzt wurde.

„Erinnerung hat immer die Aufgabe der Vergegenwärtigung“, sagte Thomas Bertram, Sprecher der „Veranstaltergemeinschaft Gedenken an den 9. November 1938 Arnsberg“, die zu dem Votrag eingeladen hatte. . Mit den guten Kontakten, die der Hüstener Heimatforscher Werner Saure zu seinem langjährigen Freunde Gerry Gruneberg hat, konnte dieser zu den Gedenktagen nach Arnsberg kommen. Ganz bewusst sei die Schule als Veranstaltungsort gewählt worden, so Bertram, hier hatten sich die Schülerinnen und Schüler schon vorher mit dem ehemals jüdischen Mitbürger aus Hüsten und seinem geschriebenen Buch „My lucky life“ (Mein glückliches Leben) beschäftigt. Auch hatten sie einige Fragen erarbeitet, die sie dem Zeitzeugen stellen wollten.

Doch erst einmal hat Gerry Gruneberg das Wort. Kein Mucks war in der Aula zu hören. Zwischendurch spricht Gruneberg auch auf Deutsch. Noch vor den Fragen der Schüler schildert er einiges aus seinem Leben. Dass er in Leipzig geboren wurde, seine Wurzeln aber in Arnsberg lägen. Sein Geburtsjahr – 1932 – war ein ganz spezielles. Er war noch Kind, als sein Vater überlegt habe, nicht die Flucht aus Deutschland anzutreten. „Er dachte, es wird ihm schon nichts passieren, weil er als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte“, sagt Gruneberg. Eine Fehleinschätzung, denn Vater und Mutter wurden zunächst in Deutschland interniert.

Eltern werden interniert

Es sind die persönlichen Erinnerungen, denen die Gäste des Abends gespannt lauschen: die Flucht des Vaters auf einem Schiff, das Gefängnis für seine Mutter auf der Isle of Man. Gerry Gruneberg erzählt weiter, dass er bei einer anderen Familie in England gelebt habe. Als Jugendlicher war er später wieder nach Arnsberg zurückgekommen und hatte eine Ausbildung als Schreiner begonnen. Durch sie, so erfuhren die Schüler, kam er bis nach Kamerun, wo er im Holzhandel tätig war. Und 1958 habe er Deutschland dann den Rücken zugekehrt und war mit Frau Leah und Tochter Daniela zurück nach London gezogen. Dann stellten die Schüler ihre Fragen auf Deutsch und der Zeitzeuge antwortet. Dass er von der Diskriminierung der Juden in Deutschland erst im Alter von sechs Jahren etwas gespürt habe. Dass seine Mutter seinen Vater aus dem Konzentrationslager Oranienburg befreit habe, ohne jemals zu sagen, wie ihr das gelang. Oder davon, wie er die Ausreise nach London erlebt hat. „Für einen Jungen von sieben Jahren war es ein großes Abenteuer“, sagt Gruneberg. Als Kind habe er die Entwicklungen in Deutschland aber nicht verstanden.

Insgesamt acht Fragen haben die Schüler vorbereitet, und vor allem die letzte Frage interessiert sie besonders: Er habe so viel Schlechtes im Leben erlebt, woher könne er seinen Optimismus nehmen – so die Frage in Anlehnung zu seinem Buch. Gerry Gruneberg stöhnt kurz, ja, das sei eine gute Frage. Er habe immer an Gott geglaubt und das Glas eher halb voll als halb leer gesehen. Vielleicht habe Gott ja auch mit seiner Kraft gewirkt. Von den Schülern bekommt Gruneberg einen Strauß Rosen, von Bürgermeister Bittner eine Erinnerung an seinen Besuch in Arnsberg. Unter Applaus aller Anwesenden betont Bittner, dass Ausgrenzung in Arnsberg und der Welt keinen Platz finden dürfe.

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