Gesundheitsversorgung

Ältere Menschen brauchen spezielle Behandlung im Krankenhaus

Im Therapie-Zentrum des St.-Johannes-Hospitals werden betagte Patienten auf ihre Hilfsbedürftigkeit, aber auch hinsichtlich Demenz getestet. In der Altersmedizin arbeiten die Ärzte mit speziellen Diagnosetechniken, um alte Menschen möglichst effizient und gut versorgen zu können.

Foto: Ted Jones

Im Therapie-Zentrum des St.-Johannes-Hospitals werden betagte Patienten auf ihre Hilfsbedürftigkeit, aber auch hinsichtlich Demenz getestet. In der Altersmedizin arbeiten die Ärzte mit speziellen Diagnosetechniken, um alte Menschen möglichst effizient und gut versorgen zu können. Foto: Ted Jones

Neheim.  Im Arnsberger Klinikum beschäftigt sich eine Abteilung mit der Altersmedizin. Ein Krankenhausaufenthalt kann für alte Menschen gefährlich sein.

Durch den demografischen Wandel verändert sich die Bevölkerung: Für die Medizin bedeutet dies mehr hochbetagte Patienten. Dr. Meinolf Hanxleden, Chefarzt der Klinik für Geriatrie im Klinikum Arnsberg Standort St.-Johannes-Hospital in Neheim, erklärt, was Patienten im höheren Lebensalter benötigen und welche Aufgabe die Altersmedizin hat.

Können Sie kurz erklären, was Geriatrie ist?

Dr. Meinolf Hanxleden: Die Geriatrie ist die Altersmedizin und beschäftigt sich mit den speziellen Belangen des alternden Menschen, dass sind Patienten, die in der Regel 65 Jahre und älter sind und unter Mehrfacherkrankungen leiden. Diese Patienten sind anfälliger in Bezug auf Akuterkrankungen, chronifizierende Erkrankungen sowie in Bezug auf den Verlust der Altersselbstständigkeit. Angesichts des demografischen Tsunamis, der auf uns zu kommen wird, müssen wir Strukturen aufbauen, ältere Menschen ressourcenorientiert und Lebensqualität erhaltend medizinisch zu versorgen.

Ab welchem Alter sind Patienten alt genug für die Geriatrie?

Es gibt 90-Jährige, die noch einen Marathon laufen und 60-Jährige, die bereits pflegerischen Unterstützungsbedarf nachweisen. Das chronologische Alter ist für uns nicht ausschlaggebend, sondern in welchem Zustand die Patienten sind. Die Altersmedizin unterscheidet dafür drei Typen: Die Go-go’s, die Slow-go’s und die No-go’s. Erstere sind mobil und uneingeschränkt, Slow-go’s haben erste Einschränkungen und einen entsprechenden therapeutischen Unterstützungsbedarf. Die No-go’s sind gar nicht mehr mobil und in der sozialen Teilhabe eingeschränkt.

Welche Bedürfnisse hat ein betagter Patient?

Ab dem 28. bis 30. Lebensjahr setzten altersphysiologische- und altersbiologische Veränderungen ein, die im fortgeschrittenen Alter zu einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit führen, so dass Alterspatienten in der Regel mehrfach erkrankt sind und bei ihnen durchschnittlich zwölf Diagnosen festgestellt werden können. Hieraus resultiert die Gefahr der Mehrfachmedikation, wodurch weitere Komplikationen und zusätzliche Erkrankungen entstehen können. Aufgrund der erhöhten Vulnerabilität (Verletzlichkeit), der Multimorbidität (Mehrfacherkrankungen) und der Gefahr der Polymedikation (viele Medikamente) bestehen bei Alterspatienten andere Behandlungsbedürfnisse, die nicht nur medikamentös, sondern auch funktionserhaltend ausgerichtet sein müssen, um den betroffenen Patienten zu einer verbesserten sozialen Teilhabe und verbesserten Lebensqualität zu verhelfen.

Was heißt das?

Die Geriatrie ist ein sehr komplexes Gebiet. Wir arbeiten mit sogenannten Assessments, um alterstypische Mehrfacherkrankungen, aber auch psychische Probleme sowie das soziale Umfeld des Patienten abzubilden. Dazu müssen wir teamorientiert und multiprofessionell arbeiten. Hierbei integrieren wir in die Behandlung eines Patienten zum Beispiel Krankengymnastik, Logopädie und Ergotherapie.

Und was ist mit der parallelen Einnahme mehrerer Medikamente?

Die pharmazeutische Therapie muss bei Alterspatienten immer wieder kritisch überprüft werden, denn Medikamente können sich gegenseitig beeinflussen. Betagte Patienten haben zum Beispiel eine schwächere Nierenleistung und manche Medikamente können dadurch toxisch wirken und den Patienten schaden statt zu helfen.

Wie hoch ist die Gefahr, dass ein älterer Mensch einen Krankenhausaufenthalt nicht verkraftet?

Alte Menschen sind durch ihre Mehrfacherkrankungen und altersbiologischen Veränderungen verletzlich. Sie hören schlecht. Sie sehen schlecht. Sie verlieren schneller die Orientierung. Schon eine Untersuchung oder Verlegung kann für solche Patienten sehr anstrengend sein. Es kann ein Delir ausgelöst werden, das ist ein akuter Verwirrtheitszustand. Manche Patienten zeigen dadurch auffällige Verhaltensweisen, was gut ist, weil ihr Zustand erkannt wird. Andere Menschen essen nicht mehr oder bewegen sich nicht, was die Gefahr birgt, dass ihr Verwirrtheitszustand nicht erkannt wird.

Eine Krankheitskaskade ist eine weitere Gefahr: Ein Patient kommt beispielsweise mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus, liegt im Bett und wird mit Antibiotika behandelt. Durch seine altersbedingte verschlechterte Herzleistung entstehen schneller Thrombosen, was zu Lungenembolien führen kann. Ebenso verlieren ältere Menschen bei Bettlägerigkeit schnell an Muskelmasse, so dass die Immobilität droht. Um erreichte therapeutische Fortschritte in den Alltagsgebrauch, also in den ambulanten Bereich zu übertragen, beinhaltet die Altersmedizin stets auch eine qualifizierte Entlassungsplanung.

Wie können Sie solchen Situationen vorbeugen?

Wir müssen unsere Krankenhäuser noch stärker auf die Bedürfnisse der Alterspatienten einrichten, müssen alterssensible Versorgungsstrukturen weiterentwickeln, wozu wir beispielsweise entsprechende Mitarbeiterschulungen durchführen. Wir haben im Klinikum diesbezüglich auch ein Delir-Präventionsprojekt eingerichtet, mit welchem wir delirgefährdete Patienten frühzeitig erkennen und entsprechend delirvermeidend behandeln möchten.

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