Gesundheitswoche

Ein wichtiges Netzwerk der Nachbehandlung

Bei AKIS-Leiterin Marion Brasch

Foto: Ted Jones/WP

Bei AKIS-Leiterin Marion Brasch Foto: Ted Jones/WP

Arnsberg.   Weiterer Teil unserer Serie „Patient im HSK“: Selbsthilfegruppen überbrücken Lücken im System und können für Betroffene eine große Stütze sein.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt: So gibt es im Gesundheitssystem durchaus Lücken, die Nachbesserungen erfordern. Doch damit diese Lücken bzw. Mängel den betroffenen Patienten nicht ins Abseits geraten lassen, schließen sich viele den örtlichen Selbsthilfegruppen an, die sich teilweise auch aus diesem Grund gegründet haben. Sie verstehen sich als Ergänzung im Gesundheits- und Sozialsystem und sind unter dem Dach der „Arnsberger Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen im HSK“ - kurz AKIS im HSK – gebündelt. Praktisch als „Netzwerk der Nachbehandlung“.

Beispiel Psychische Erkrankungen: Hier, weiß AKIS-Leiterin Marion Brasch aus etlichen Gesprächen mit Hilfesuchenden oder Selbsthilfegruppenleitungen, sind die Wartezeiten auf einen Termin bei einem Psychologen oder auf einen Therapieplatz lang. Vielleicht für Hilfesuchende sogar zu lang. „In dieser Zeit ist der Betroffene meist völlig auf sich allein gestellt. Deshalb vermitteln wir an die Beratungsstellen für psychisch Erkrankte des HSK, die mit zum Teil geleiteten Gesprächskreisen oder Einzelberatungen helfen können, die Zeit zu überbrücken und passende Therapieansätze zu finden.“

Die Hauptaufgabe der Selbsthilfekontaktstelle liegt in der Vermittlung, stellt Brasch klar. „Als Kontaktstelle verweisen wir an professionelle Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen. Bei uns bekommt man Hilfe zur Selbsthilfe, aber keine Direktbehandlung, wir sind ja schließlich keine Ärzte oder Therapeuten.“

Selbsthilfegruppen verfügen über einen enormen Wissensstand, der - bei ganz speziellen oder seltenen Erkrankungen - sogar über den eines Hausarztes hinausgehen könne, da sie die Experten in eigener Sache seien. „So können die Beratungsstellen, Gesprächskreise und Selbsthilfegruppen wichtige Arbeit leisten, um den Betroffenen aufzufangen und zu unterstützten, bis er dann zum Beispiel einen Therapieplatz bekommt.“

Ewig lange Wartezeiten

Schon allein dies ist für Rolf Klauke ein ganz entscheidender Faktor. „Denn zwischen Klinikaufenthalt und weiterführender Therapie liegen oft sogar bis zu 12 Monate“, weiß Klauke als Betroffener und Leiter der Borderline-Selbsthilfe­gruppe. Und das Gefährliche dabei sei: „Wenn ein psychisch Erkrankter nicht relativ schnell im unmittelbaren Anschluss nach der Entlassung aus der Klinik einen Therapieplatz oder eine weiterführende Behandlung bekommt, dann ist er spätestens in einigen Wochen wieder zurück in der Klinik.“ Es sei denn, eine Selbsthilfegruppe fange ihn auf und unterstütze ihn bis zum Beginn der Folgebehandlung.

Diese Lücke zwischen Klinik und Nachbehandlung, fordert Klauke, müsse dringlich geschlossen werden. „Grundsätzlich sollte es so sein, dass die Klinik bereits bei Feststehen des Entlassungsdatums einen Termin für die Nachbehandlung festgelegt hat.“ Weil psychisch Kranke nach bestimmten Mustern leben würden. „Aber wenn man sie in der Nachbehandlung nicht immer wieder darauf hin weist, fallen sie schnell wieder in die alten Verhaltensmuster zurück.“

Patient im HSK Die Selbsthilfe leiste zwar keine therapeutische Hilfe, „aber wir können den Betroffenen zumindest helfen, dass sie im Alltag zurecht kommen“. Aber es fehle auch an niedergelassenen Psychologen und ausreichend Therapieplätzen. „Auch hier muss unbedingt etwas geschehen.“

Auch die Familien brauchen Unterstützung

Rolf Klauke, selbst ehemaliger Borderline-Patient, kennt die Probleme aus eigenem Erleben. Und weiß, dass auch die Angehörigen der Erkrankten unbedingt Unterstützung benötigen. Kompetente Unterstützung. So habe man vor Jahren seiner Frau auf deren Frage, was sie nun als Ehefrau eines Borderline-Erkrankten machen könne, geantwortet: „Lassen Sie sich doch scheiden.“

Damit so etwas nicht passiert, berät Rolf Klauke auch Familien Betroffener und lässt sich dafür in Seminaren der AKIS und der LWL-Klinik Warstein weiterbilden. „Denn die Familien stehen völlig allein da, ohne Unterstützung.“ Deshalb springt Klauke ehrenamtlich ein. Doch auch hier müsse es dringend Verbesserungen im System geben. „Zum Beispiel einen Arzt, der gezielt berät und die Möglichkeiten der Selbsthilfe kennt.“

Mut machen, Druck nehmen

Wir können Mut machen, den unvorstellbar großen seelischen Druck nehmen und wichtige Kontakte vermitteln,“ erklärte Walter Kämpfer die Arbeit der seit sieben Jahren von ihm geleiteten Prostata-Selbsthilfegruppe. Denn die Diagnose Krebs sei grundsätzlich „ein Schocker für die Betroffenen. Sie fallen in ein Loch und stehen plötzlich mit dem Rücken zur Wand.“

Als Selbsthilfegruppe könne man diese Menschen auffangen und ihnen weiterhelfen. „Aufgrund unserer vielfältigen Vernetzungen können wir sogar oft sehr zeitnah und noch vor den Ärzten über neue Behandlungsmethoden und Arzneien berichten und die Erkrankten mit diesen Informationen zur weiteren Beratung zu deren Arzt schicken“.

Natürlich dürfe man keine Empfehlung in Sachen Klinik oder Arzt aussprechen, „aber wir raten grundsätzlich zu einer Zweitmeinung und bei Operationen zum Besuch von Prostatazentren“. Letzteres nicht, weil Ärzte und Kliniken vor Ort schlechter seien, sondern weil die großen Zentren aufgrund ihrer Ausstattung angesichts der unterschiedlichen Behandlungsarten bei Prostatakrebs über ganz andere Möglichkeiten verfügen würden. „Einen operationsunterstützenden Roboter zum Beispiel kann sich nicht jede Klinik leisten. Weil auch sie wirtschaftlich denken müssen.“

Ärzte sind oft überlastet

Ein anderes Problem: „Die Ärzte sind überlastet. Im Schnitt“, sagt Walter Kämpfer, der als stellv. Bundesvorsitzender der Prostata-Selbsthilfe an der „Schild“-Studie der Bundesregierung über den Sinn der Selbsthilfe mitarbeitet, „hat jeder niedergelassene Urologe nur drei Minuten Zeit für ein Gespräch. Viel zu wenig. Deshalb sind wir als Selbsthilfegruppe gefordert, Patienten Unterstützung zu geben. Schließlich haben wir als Betroffene die nötige Erfahrung.“ Das Manko: Es fehlt an Urologen, besonders in der Fläche ein Problem.

Vor diesem Hintergrund, fasst AKIS-Leitrein Marion Brasch, zusammen, „fangen die Selbsthilfegruppen teils Strukturschwächen des Systems auf, vermitteln Wissen und haben Zeit, sich mit dem jeweiligen Thema auseinanderzusetzen. Vorrangig ist aber erstmal, dass wir es im Sauerland schaffen, uns mit allen Beteiligten des Gesundheitswesens zu vernetzen. Kommunikation und das Wissen voneinander zu haben, ist für einen Arzt, eine Klinik, einen Therapeuten und auch für die Selbsthilfe unabdingbar. Daran arbeiten wir, denn nur so ist eine optimale Gesundheitsversorgung möglich.“

„Jedenfalls, sagt Walter Kämpfer: „ist die Selbsthilfe inzwischen neben Ärzten, Gesundheitsämtern und Kliniken die vierte Säule unseres Gesundheitssystems.“ Und das im Ehrenamt.

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