Corona und Schule

Arnsberger Ex-Lehrer wirbt für Einsatz von Luftreiniger

Jürgen Kaiser: „Kinder gehören in die Schule“

Jürgen Kaiser: „Kinder gehören in die Schule“

Foto: Martin Haselhorst

Arnsberg.  Über Umwege wurde Jürgen Kaiser vom Laurentianum-Lehrer zum Vertriebsmitarbeiter für in Coronazeiten an Schulen diskutierte Luftreinigungssysteme.

Der Arnsberger kennt das Geschäft. Er weiß, wie es in der Schule abläuft. 35 Jahre lang hat Jürgen Kaiser beim Gymnasium Laurentianum in Arnsberg als Lehrer und zuletzt als stellvertretender Schulleiter gearbeitet, ehe er auf seine älteren Tage noch einmal neue Wege einschlug. Jetzt ist er freier Vertriebsmitarbeiter einer Firma aus Werne, die Luftreinigungssysteme zur Abtötung von Keimen und Viren produziert. Und schon ist der Bogen zur Schule in Zeiten wieder steigender Corona-Infektionszahlen geschlagen.

Neue Schulschließungen - das ist für den einstigen Pädagogen klar - dürfe es nicht geben. „Kinder gehören in die Schule - allein schon wegen der Sozialkontakte“, sagt der 70-Jährige, „sonst verlieren wir zu viele Kinder und finden sie am Ende auch nicht wieder“. Mit dem Homeoffice und hybriden Unterrichtsmethoden sieht er „das System Schule“ absolut überfordert.

Vom Lehrer in den Vertrieb

Da spricht der Lehrer. Dass dieser nach seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst im Jahr 2011 über eine Hüstener Küchenfirma, für die er vier Jahre durch Europa reiste, jetzt im August bei einem Hersteller von Luftreinigungsgeräten landen würde, kam eher zufällig. „Ich bin ja von Natur aus kein Vertriebler, aber jemand, der gerne auf neue Felder geht“, sagt Jürgen Kaiser.

Die Aktualität der Corona-Debatte um die Aerosole in Klassenzimmern holt den Ex-Lehrer nun in neuer Funktion ein. „Es wird auf Dauer nicht möglich sein, bei offenem Fenster zu unterrichten“, glaubt er. Das sei aus seiner Sicht auch ökologisch und ökonomisch absurd. Und doch ahnt er, dass sich Städte als Schulträger schwer tun werden, mobile Raumluftreiniger für die Schulen anzuschaffen - selbst wenn es nur drei oder vier pro Schule wären.

Rechnung: 1,6 Millionen Euro Kosten für Stadt

Tatsächlich hat sich auch die Stadt Arnsberg mit dem Thema schon intensiv beschäftigt. Das Ergebnis: „Wir werden solche Geräte nicht einsetzen“, sagt Michael John, aktuell noch der für Schulen zuständige Fachbereichsleiter. Er nennt zunächst das Kostenargument: Würde die Stadt ihre rund 450 Klassenzimmer in allen Schulen mit leistungsfähigen mobilen Luftreinigern ausstatten, müssten dafür 1,6 Millionen Euro Anschaffungskosten investiert werden.

Auch Jürgen Kaiser weiß, dass die Geräte ihren Preis haben. Er spricht von regulär rund 5500 Euro pro Gerät. Hinzu kämen Filterkosten von mindestens 600 Euro bei nur einmaligem Austausch pro Jahr sowie eine halbe Kilowattstunde Stromkosten für den Betrieb. Dafür aber, so Jürgen Kaiser, könnten die guten Geräte 1000 Kubikmeter (45 Kilo schwere Geräte) oder 2000 Kubikmeter Luft (80kg schwere Großgeräte) pro Stunde gereinigt werden. Das passiert bei den nun entwickelten Systemen mit einem Filter und UV-Licht. Experten empfehlen mindestens sechsmal pro Stunde einen kompletten Luftaustausch, so Kaiser, was die genannten Geräte auch schaffen könnten.

Das alles überzeugt Michael John aber nicht wirklich: „Damit sind ja nicht alle Probleme beseitigt, weil dann ja immer noch keine Frischluft zugeführt ist“, sagt er, „auch außerhalb von Corona hat es sich ja schon empfohlen, nach jeder Stunde einmal gründlich zu lüften“. Nun werde der Schulträger an die Schulen die Empfehlung geben, vorerst nicht auf solche Geräte zu setzen, sondern alle 20 bis 30 Minuten einmal zu lüften. „Auch wenn dann die Schüler mal kurz die Jacken anziehen müssen“, so Michael John.

Irgendwie hat es Jürgen Kaiser, der von 1990 bis 2005 auch im Arnsberger Rat für Bündnis 90/Grüne gesessen hat, wohl geahnt. „Es wird nicht die perfekte Lösung geben“, sagt er, „es wird vielleicht aber auch Inseln geben, wo Einrichtungen pro aktiv sind, um die Lage zu ändern“. Altenheime und Arztpraxen seien neben Schulen solche Felder. Anfragen gebe es aber auch schon aus der Industrie. Er ist sich sicher: „Das ist ein Ball, der ins Rollen kommt!“.

Kinder nicht stark betroffen

Zur differenzierten Sicht gehört allerdings auch ein Blick auf die Infektionszahlen und deren Verteilung in den jeweiligen Altersklassen. Im Hochsauerlandkreis hat es zwar bereits Coronafälle und entsprechende Quarantänen sowohl in Kitas, Grundschulen, weiterführenden Schulen und auch Berufskollegs gegeben, doch fällt auf, dass Kleinkinder und Grundschüler bei den bisherigen Infektionszahlen im Hochsauerlandkreis nicht die große Rolle spielen. Von 946 Infizierten im HSK (Stand, 15. Oktober, 0 Uhr) waren nur 28 im Alter von 0 bis 4 Jahren und auch nur 55 in der Altersklasse 5 bis 14.

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